Das Weinberger-Archiv
Roman

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weinberger saß an einem frühlingshaften tag auf der grünen bank und aß ein belegtes brot. der fluss rauschte unter ihm. hinter ihm lag das menschenmeer. neben ihm der aktenkoffer. weinberger war ein seefahrer. ohne frage. ohne see. er war außer sich. thomas weinbergers kopf schaukelte leicht im wind. weinbergers wahrnehmung richtet sich auf weinbergers innenwelt. ich bin kolumbus, da gama und bering. am liebsten wäre ich der rechte fuß von kolumbus. der erste europäische fuß in amerika. der körper war weinberger ein vehikel. sein körper war ihm fremd. er kannte sich gar nicht. wenn ich mir bilder von früher anschaue, erkenne ich mich ja gar nicht.1 mein körper, dachte weinberger, das bin ja gar nicht ich. ich ist nicht mein körper. weinbergers körper gehört nicht weinberger. er ist nur ausgeliehen. der körper oder weinberger. sein körper saß auf der grünen bank und aß an einem frühlingshaften tag ein belegtes brot. neben seinem körper lag der schwarze aktenkoffer von janaček, dessen körper, die sogenannten überreste, auf einem prager friedhof liegt. und sein bewussstsein? weinbergers bewusstsein segelte auf dem atlantik. es ist kolumbus’ hand, die erste europäische, die in den amerikanischen dreck greift. weinbergers hand stopfte das belegte brot in weinbergers mund und weinbergers zähne zermalmten unter zuhilfenahme von weinbergers speichel einen bissen des belegten brotes und weinbergers speiseröhre machte wie selbstver- ständlich von der peristaltik gebrauch und schon hatte sich weinberger einen guten teil des belegten brotes einverleibt. ja, bin ich denn in einer messe, dachte weinberger. und da ging es weiter in weinbergers magen und das brötchen hatte auch eine reise vor sich. hinter ihm lag das men- schenmeer. weinbergers wahrnehmung richtet sich nach innen.

1 auf der fotografie hatte sich weinberger überhaupt nicht verändert. sie sah ihm immer noch zum verwechseln ähnlich, obschon die anderen weinberger auf dem bild kaum zu erkennen schienen. du hast dich aber verändert, sagte afra, als sie endlich alleine waren.

(Christian Rechsteiner, Das Weinberger-Archiv, muskat media, 2014)