Das Observatorium Roman
Zwei Frauen am Rande des Vulkans. In einem Observatorium sollen sie alle Bewegungen des Berges aufzeichnen, doch die wissenschaftliche Arbeit führt immer weniger zur Gewissheit. Beim täglichen Vermessen und Aufzeichnen werden die Erschütterungen der Landschaft auch zu Erschütterungen der beiden Figuren. Bettina Wohlfenders faszinierender Roman Das Observatorium erzählt von der Auflösung der Wirklichkeit in einem großen Sinnbild der Natur: Wo selbst die Steine flüssig werden, dort muss über das Leben noch einmal nachgedacht werden. Die Herkunft einer der beiden Frauen bleibt rätselhaft, Teile einer Familiengeschichte tauchen auf, und plötzlich läuft jemand den Rand des Vulkankraters entlang. Wie die Realität allmählich ihre physikalischen Eigenschaften verändert, wie die Luft in der Hitze des Vulkans zu flirren beginnt, zeigt Bettina Wohlfender in einer ganz genau beobachtenden und atmosphärisch dichten Sprache.
(Buchpräsentation Müry Salzmann)
Zwei Frauen halten einen Vulkan unter Beobachtung. Unter ihren Füssen brodelt und dampft die Erde. Birke und die Ich-Erzählerin messen, notieren, dokumentieren und archivieren – doch für wen und wozu? Das Observatorium erzählt von Beobachtungen in einer irreal leeren Topographie, die zuweilen an die Szenerien Becketts denken lässt. Es geschieht wenig darin, umso mehr achtet die Autorin auf die Sprache, die Stilwillen und Präzision verrät. Das Flirren und Brodeln der vulkanischen Umgebung findet sich kunstvoll in ihrer Prosa aufgehoben. Es geht allein ums Sehen – und darum, dass der eigene Geist «wild» bleibt, und frei. (bm)