Soraja Roman
Erst Monate später sagte sie mir, dass sie geweint hatte erstens, weil sie gesündigt und ihre Haare einem fremden Mann gezeigt hatte, zweitens aus Angst, dass sie und ich nicht zusammenfinden würden, weil zwischen uns zu viele Barrieren stünden. An diesem Tag gab sie mir nur einen flüchtigen Kuss auf die Wange und betete danach, bat flüsternd ihren Gott um Vergebung, dass sie einen Mann berührt habe. Ich hielt ihre Hand, und mit leichtem Spott in der Stimme sagte ich, dass sie nichts Verbotenes gemacht habe. Sie müsse wissen, dass die Liebe schon vor der Erschaffung der Götter entstanden sei. Ich dürfe nicht sündigen, warnte sie mich ernsthaft, und ich wechselte das Thema, indem ich auf ihr kürzlich begonnenes Studium der Pharmazie zu sprechen kam. Da erzählte sie mir über ihre Lebensziele, sie war gesprächiger, offener, unverkrampfter. Sie wusste, dass sie, weil sie ein Studium machte, der Stolz ihrer Familie war, die selbst als Textilarbeiter in die Schweiz gekommen waren, und deshalb Freiheiten genoss, von denen auch wir profitierten, indem wir uns heimlich treffen konnten. Sie hatte zu Hause jeweils glaubhaft erzählt, dass sie bei einer Freundin lerne. Für ihre Lügen betete sie zusätzlich.
(Yusuf Yesilöz, Soraja. Zürich: Limmat Verlag)