«Pfützen schreien so laut ihr Licht»
Gesammelte Gedichte

Dem Gedicht galt Friedrich Glausers früheste und intensivste Ambition: Schriftsteller zu sein, hiess für ihn zunächst und vor allem: Gedichte zu schreiben. In der lyrischen Form glaubte er, seine Gefühle und sein inneres Erleben ausdrücken zu können. Vorbilder waren für ihn Mallarmé und Trakl; der Ton entspricht dem expressionistischen Tenor der Zeit am Ende des Ersten Weltkriegs.
Doch Glauser sah sich scheitern. Keiner dieser Texte wurde gedruckt. Für die Sammlung seiner Gedichte, die er 1919 zusammenstellte und in den folgenden Jahren mehrmals überarbeitete, fand sich kein Verleger. Auch später änderte sich daran nichts, obwohl sich Glausers Ton nach der Rückkehr aus der Fremdenlegion deutlich veränderte: In den Gedichten, die ab Mitte der 1920er Jahre entstehen, ist das Pathos merklich zurückgenommen; anstelle von grellen Bildern und dunkler Symbolik entwickelt Glauser nun einen Stil lakonischer Andeutungen.
Doch auch diese Gedichte blieben ungedruckt, so dass Glauser bis heute ausschliesslich als Prosa–Autor bekannt ist. Der vorliegende Band versammelt alle von ihm erhalten gebliebenen lyrischen Texte und dokumentiert im kritischen Anhang sämtliche Varianten. Damit wird versucht, Glausers frühester und tiefster literarischen Leidenschaft eine verspätete Würdigung widerfahren zu lassen.
Glausers Fremdenlegionsroman «Gourrama» und die Wachtmeister–Studer–Krimis gelten heute als Marksteine in der Schweizer Literatur des 20. Jahrhunderts. Seine Gedichte erscheinen hier zum ersten Mal in Buchform.

(Nimbus Verlag)

Rezension

von Beat Mazenauer
Publiziert am 17.12.2008

Es gibt schon gute Gründe, weshalb Glauser heute als Prosaautor hoch geschätzt wird. Sein Romanwerk beeindruckt noch immer durch sein warmherziges Engagement und seine bezaubernde Schlichtheit. Glauser hatte nicht nur für seine verschupften Helden, sondern auch für die Sprache ein grosses «Gspüri». Den jetzt erstmals veröffentlichten Gedichten mangelt gerade dieses noch schmerzlich. Als Dichter debütierte Glauser schon 1917, als 21-Jähriger, auf der Dada-Bühne des Cabaret Voltaire. Die Texte, die er damals neben Ball und Tzara vortrug, sind verschollen. In den darauf folgenden Jahren aber verfasste Glauser rund drei Dutzend Gedichte, die erhalten geblieben sind. Stilistisch ist darin überdeutlich ein Faible für die expressionistische Lyrik spürbar. Glauser stattet seine Zeilen reichlich mit pathetischen, grellen Bildern aus, in denen ein problematisches Verhältnis zur Welt manifest wird. Auch wenn ein solches durchaus biographische Gründe besass – Glauser wurde 1918 wegen «lasterhaften und liederlichen Lebenswandels», das heisst Diebstahl und Drogensucht, entmündigt – gelang es ihm nur selten, diese Gefühle in authentisch klingende Verse zu verwandeln. Unter syntaktischen Verrenkungen verrutschen ihm vielmehr auch die Gefühle. «Nie werden der Häuser weisse Münder Märchen erzählen», heisst eine Zeile im Gedicht «Glocken»; und unter dem verheissungsvollen Titel «Der Tod (I)» lässt sich das lyrische Ich zu folgenden Zeilen hinreissen:

O, wir schwache Propheten, wir ungläubige!

suchen in bleichen Himmeln Morgenröte und Trost,

unsre Augen sind blind.

Glauser hat sich mit gutem Recht der Prosa zugewandt, auch wenn die wenigen späteren Gedichte stilsicherer, doch kaum eigenständig klingen. In seinem Nachwort schreibt der Herausgeber Bernhard Echte, «dass Glauser vieles bereits zu kennen meint, bevor er es erlebt» hat. Dieses Kennen und Wissen schien seine echten Gefühle zu überdecken. Derart lässt sich stimmig diese frühe, unausgegorene Lyrik deuten.

Parallel zu den Gedichten erscheint ebenfalls als Neuheit ein gleichermassen sorgfältig und ausführlich kommentierter Band mit Briefen, die Glausers frühe Jahre aus anderer Perspektive beleuchten. Im Briefwechsel mit seiner damaligen Freundin Elisabeth von Ruckteschell und den Asconeser Freunden wird sozusagen die Kehrseite des expressionistischen Mutwillens hin zum Verdrehten sichtbar.

1919 lernte Glauser neue Freunde kennen, die in Ascona einen literarischen, esoterisch angehauchten Zirkel im Haus des Schriftstellers Robert Binswanger bildeten. Unter ihnen war die zehn Jahre ältere «Lison», wie Glauser sie in den Briefen meist nennt. Glauser war von Binswanger nach Ascona eingeladen worden – gegen den Willen des Vormunds. Vor allem die Liebe zu Lison wirkte hier belebend auf ihn, schriftstellerisch aber kam er mit der idyllischen Ruhe nicht zurecht. Seine brieflichen Auskünfte geben Zeugnis von einem Willen, der sich nur stockend einlösen liess. Und bald häuften sich wieder die Notsignale und kleinen Katastrophen, die auch seine Beziehung zu Lison strapazierten. «Ich hab dich lieb. Wenn du 5 fr entbehren kannst schick mir bitte», schrieb ihr Glauser in einer Mischung aus Zuneigung und Berechnung, die für den drogenabhängigen Glauser typisch war. Fast zwangsläufig folgten kleinere Delikte, gefälschte Arztrezepte, Polizei und Internierung. Glausers Briefe an Lison sind beredte Dokumente eines unfreien Lebens, das sich 1923 schliesslich resolut Luft verschaffte, als sich Glauser nach einer neuerlichen Komplikation in die Fremdenlegion absetzte. In den frühen Erzählungen und vor allem in den ungelenken Gedichten spiegelt sich diese biographische Unrast.