Erzählinseln
Reden für Dresden 2008

Kurzkritik

«Erzählinseln», so liest man bei Zsuzsanna Gahse, sind einzelne Text- und Sprachpartikel in der Erinnerung, «hervorleuchtende Elemente, die das Gedächtnis geradewegs ansteuern». Nicht von ungefähr hat die Autorin diesen Begriff als thematische Klammer für alle fünf Poetikvorlesungen gewählt, die sie 2008 im Rahmen der Dresdner Chamisso-Poetikdozentur gehalten hat. Der hier vorliegende Band präsentiert einen ganzen Archipel aus solchen «Erzählinseln». Man navigiert darin mit zunehmender Faszination und grossem Erkenntnisgewinn: Einzelne Wörter, die wie «lästige Fischgräte» im Hals und in Texten steckenbleiben, führen zu eigenen und fremden Werken, geleiten an Schreiborte und münden unter anderem in die Frage nach der Gestaltung männlicher Figuren in Texten. Alles bietet Anlass zu luzider Reflexion: Fragen der Herkunft und der Verortung als Schriftstellerin, das Stichwort «Migration» als unpassendes Etikett, das Verhältnis von Sprachfremde und Fremdsprachen, mithin die Tätigkeit als Übersetzerin, die Zsuzsanna Gahse allen Schreibenden zumindest zeitweilig empfiehlt. Die Poetikvorlesungen blicken zurück zu den schriftstellerischen Anfängen, und sie skizzieren auch zukünftige Projekte.
Der sehr persönliche Band öffnet vielerlei Zugänge zu Gahses Werk – nicht zuletzt wird die Schrift auch in eigentlichen Sprachbildern ausgestaltet. Neben einem informativen Nachwort von Walter Schmitz enthält er eine umfassende Werkbibliografie der Autorin sowie eine Auswahl aktueller Sekundärliteratur. (Christa Baumberger)