Das andere Leben Roman
Der Roman spielt irgendwo in der Schweiz der Nachkriegsjahre. Einst international bekannt, sind dem Dramatiker – in dem der Schriftsteller Cäsar von Arx (1895–1949) erkennbar ist – der Zweite Weltkrieg und die Geistige Landesverteidigung zum Verhängnis geworden. Seine Stücke werden außerhalb der Schweiz nicht mehr aufgeführt. Er lebt mehr schlecht als recht von Aufträgen für Festspiele, mit denen er sich seinen Ruf als unabhängiger Künstler ruiniert. Stattdessen soll nun die Tochter ihren Weg als Künstlerin finden; die begabte Malerin wird in Paris an der Kunstakademie angemeldet. Die schwere Erkrankung der geliebten Frau, ihr drohender Tod, wird für den Dramatiker schließlich unverhofft zur Erlösung, zur Schlussszene seines eigenen Lebens.
Es geht in diesem Roman exemplarisch um ein letztlich gescheitertes Künstlerleben, aber auch um die symbiotische Liebe zweier Menschen und um eine außergewöhnliche Vater-Tochter-Beziehung. Franco Supinos fünftes Buch vermittelt die Stimmung in der Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg, und es ist eine Huldigung an all jene Menschen, die ihr Leben ganz der Kunst widmen.
Die Zeichen der Zeit erkennen
Während und spätestens nach dem zweiten Weltkrieg senkte sich der Stern des Festspiel-Dramatikers Cäsar von Arx, einst der Erfolgreichste seines Fachs, und er fiel aus der Geschichte, während sich das Rad der Zeit weiterdrehte. Die neue Zeit bedurfte nicht mehr seine patriotischen Weihespiele, sondern neue Dramen, wie sie ein gewisser Max Frisch oder ein Friedrich Dürrenmatt zu schreiben begannen. Von Arx ging vergessen – mit Mühe und Not brachte er noch seine Familie durch. Dieses Künstlerleben bildet den Hintergrund für den Roman Das andere Leben. Ohne das Vorbild namentlich zu nennen, erzählt Franco Supino von dessen leisem Abschied. Der Dramatiker hadert mit seiner Umwelt, die kein Verständnis mehr für seine festlichen Theaterstücke aufbringt. Junge Autoren drängen auf die Bühne. Frisch stellt auf fragwürdige Art private Probleme in Szene; und Dürrenmatt, der Komiker, «macht sich lustig über historische Stücke», spürt der Festspieldichter unwillkürlich: «Er macht sich lustig über mich.» In diesem Kontext des Umbruchs beschreibt Supino, wie eine Lebenslinie ihrem Ende zuneigt. Der einst von Erfolg gekrönte Dramatiker weiss, dass er den Zenit überschritten hat und sich sein Ruhm nicht länger mehren lässt. Zuletzt musste er sich masslos darüber ärgern, dass ihm die Politik vorschreiben wollte, welche Botschaft er von der Festspiel-Bühne herab verkünden sollte. Inzwischen aber ist seine Verzweiflung einer gelassenen Resignation gewichen. Die unheilbare Krankheit seiner geliebten Frau Greti, die im Spital qualvoll den Tod erwartet, bietet ihm Gelegenheit, den eigenen Abgang zu inszenieren: demütig und zugleich als grandiose Geste. «Ich bin der erste Schweizer Dramatiker, und ich werde den überzeugendsten Schluss setzen, den je ein Dramatiker für sein Leben gefunden hat.» Gegen alle Einwände bereitet er sich gewissenhaft darauf vor. Er ordnet seine Angelegenheiten, kauft sich eine Pistole, unterweist die Tochter und den Freund, den Schulmeister, was sie nach seinem Tod zu tun haben. Alles treibt auf dieses selbst gewählte Ende zu, zu dem schliesslich Gretis Tod das Signal gibt. Franco Supino hat die Biographie des Dramatikers Cäsar von Arx sorgfältig recherchiert, um daraus ein eigenständiges Lebensbild zu schaffen. Aus der Perspektive der Tochter des Dramatikers erzählt er die Endphase eines Lebens, in der sich gedanklich nochmals dessen reiche Biographie spiegelt. Das andere Leben inszeniert ein stilles Kammerspiel. Eindrücklich und bewegend schildert Supino das qualvolle Leiden der Frau im Spital, und den dadurch gestärkten Willen des Mannes, selbst einen Schlussstrich zu ziehen. Die zurückhaltende Liebe der Tochter vermag dagegen nichts mehr auszurichten. Auf unspektakuläre, intensive Weise verknüpft Supino das Motiv der historischen Zeitenwende mit einem berührenden privaten Schicksal. Sein Buch erinnert so auch an einen Autor, dessen Stern einmal ganz hoch am Schweizer Himmel leuchtete, heute aber weitgehend verblasst ist.
In Supinos Roman sind die letzten Wochen des Dramatikers Cäsar von Arx nachgezeichnet, der 1949 freiwillig aus dem Leben schied. Supino macht klar, in welch ausweglose Situation von Arx mit seinem Werk geraten war und auf was für eine unerschrockene Weise er den Tod vorbereitete. Im Zentrum steht die Tochter, die den Beschluss des Vaters nicht rückgängig zu machen vermag, aber auch nicht mehr den Mut findet, selbst den Weg einer freien Künstlerin zu gehen. (Charles Linsmayer)