Liebe im Klimawechsel Ein Protokoll
Die fragmentarischen Aufzeichnungen, die Francesco Micielis neues Buch darstellen, gibt er als ein Manuskript aus, das er in einer Berghütte in den Schweizer Alpen gefunden habe. Ein Mann und eine Frau protokollieren darin ihre letzten Stunden, während um sie herum die Welt im Wasser versinkt. Was empfindet dieses Paar, was möchte es einer allfälligen Nachwelt berichten? Bei Francesco Micieli sind das keine pathetischen Gesten, sondern vielmehr die beharrliche Behauptung und Aufrechterhaltung persönlicher Erinnerung, Individualität und eigener Geschichte. Zukunft und Vergangenheit kulminieren, und wir erkennen in dem Paar unser Spiegelbild: Ebenso steuern wir sehenden Auges in die Katastrophe. Micieli webt ein komplexes intertextuelles Netz, holt Melvilles Moby-Dick, Johnsons Jahrestage oder die Divina Commedia ebenso herbei wie augenzwinkernde Selbstreferenzen. Liebe im Klimawandel ist ein loses poetisches Patchwork, das allerdings manchmal auch in die Beliebigkeit abrutscht. Doch die biblische Schöpfung der Welt wird frech auf den Kopf gestellt, wenn Adam und Eva mutig dem Ende der Welt entgegensehen – und trotz allem ein Kind zeugen. (Bettina Spoerri)