Brandzauber Roman
Das Paradies ist ein Kreuz
Mit Brandzauber schreibt Mariella Mehr die Geschichte weiter, die im Roman Daskind seinen Anfang nahm und zu einer Trilogie auswachsen soll. Gemessen an dessen impulsiver Sprache wirkt dieser neue Roman auf den ersten Blick fast konventionell. Ja, die präzisen Beobachtungen aus der Perspektive von Anna, der Protagonistin, strahlen anfänglich gar so etwas wie Gelassenheit aus. Anna arbeitet als Heiltherapeutin in einem Kurhaus in den Alpen und führt ein unauffälliges Leben. Einzig ihre Faszination für fleischfressende Pflanzen wirkt etwas ungewöhnlich, lässt erahnen, dass die äussere Ruhe über Tieferliegendes hinwegtäuscht. Böse Erinnerungen an Prügel drängen sich auf, die Anna immer weniger abzuwehren vermag.
Der neue Roman von Mariella Mehr vermeidet auf den ersten Blick die sprachliche Gereiztheit von Daskind. Einzig der Wechsel zwischen erster und dritter Erzählperspektive sorgt für etwas Irritation. Die Autorin beobachtet Anna von aussen und gibt ihr zwischendurch selbst das Wort. Gerade dieses Schwanken zwischen Sie-Anna und Ich-Anna reisst das Geschehen aber zusehends auf und verdüstert die vordergründige Gelassenheit auch sprachlich, je mehr sich die Erinnerungen darin verfangen. Insbesondere jene an ihre Jugendfreundin Franziska. Noch Jahrzehnte später «fühlte sich Anna von den Franziskawörtern erfunden». Gemeinsam haben sie damals in christlichen Internaten ein gottesfürchtiges Regime erlitten: «Die Schwestern trugen Silberkreuze. Sie schlugen mit Ochsenziemern.» Mit der Ankunft einer neuen Kurpatientin, in der Anna unwillkürlich Franziska wiederzuerkennen glaubt, werden die alten Geister aufs neue geweckt. Und der verdrängte Furor durchdringt sachte auch die Sprache.
In Brandzauber holt Mariella Mehr abermals das Thema ein, das ihre bisherigen Bücher kennzeichnet. Anna ist ein Kind von Fahrenden, das 1944 im Rahmen der Aktion «Kinder der Landstrasse» den Eltern entrissen und in schweizerische Pflege gegeben wurde. In einem Heim lernte sie schliesslich Franziska kennen: ein Judenkind, das von seinen Eltern förmlich über die Grenzzäune hinweg in die Freiheit geworfen wurde. Wenigstens das Kind sollte im helvetischen Rettungsboot überleben, derweil den Eltern der Einlass verwehrt blieb.
Zusammen zogen Anna und Franziska die Vorurteile gleich doppelt auf sich. Zigeuner klauen, huren und saufen, Juden ziehen den braven Schweizern das Geld aus dem Sack. Schlimmer aber noch ist der Heiland von den Juden verraten und mit einem Hufnagel ans Kreuz geschlagen worden, den ein fahrender Kesselschmid den Römern verkaufte – wie eine Legende erzählt. Gemeinsam standen Anna und Franziska unter diesem Kreuz der Schuld, «unserem Zeichen», und trugen es doch auf gegensätzliche Weise. Franziska nahm es ergeben auf sich und lieferte sich ganz den inneren Stimmen und Bildern aus, wogegen Anna sich mit allen Mitteln wehrte – wie schon Daskind.
Der Preis, den Anna dafür bezahlt, ist ein unvergänglicher Hass und zugleich eine tief sitzende Illusionslosigkeit, die sie nichts mehr hoffen lässt. Die «Vögel der Freiheit», die der Berliner Dichter Günter Bruno Fuchs einst so schön besungen hat, weil sie frech «die Zäune verwerfen» und über die Ordnung hinwegfliegen, sind für sie bloss Zeichen einer verlogenen Freiheit, die es gar nicht gibt. Deshalb übt Anna gerade an den Vögeln Rache. «Schliesslich tat sie dem Vogel nur, was man Menschen auch antat...»
Brandzauber führt zwei Stränge schweizerischer Vergangenheit zusammen, die beide ihre Quelle in der Angst vor Andersartigkeit, vor «Überfremdung» haben. Der oberflächlich geglättete Brand schwelt untergründig weiter: in der Metaphorik vom Kreuz und in Annas grausamen Ritualen. Formal wirkt Brandzauber zwar etwas weniger aufreizend, provokativ als Daskind, der Roman scheint die Tiefenschichten des Erinnerten eher heimtückisch zu verdrängen — bis sie schliesslich dennoch eruptiv aufbrechen. Für Beschönigungen scheint es keinen Platz mehr zu geben.
Dieser sprachliche Kraftakt mag mitunter etwas erzwungen unverblümt und grausam wirken, doch er antwortet auf Annas Gedenken, das sich bis zur bitteren Leere austobt. An diesem Ende verkehrt sich auch das erzählerische Wechselspiel zwischen Ich- und Sie-Rede ins Gegenteil: das Ich ist (sich) fremd geworden, nur die Erzählerin lindert die Note mit ihrem Mitgefühl, ihrer Nähe. Allerdings täuscht diese Nähe nicht darüber hinweg, dass in Brandzauber eine ungestillte Wut steckt, die nicht nur von unbewältigten Konflikten herrührt. Noch nicht lange her ist Mariella Mehr in Chur bedroht und zusammengeschlagen worden. Spätestens dies signalisiert, dass die alten Konflikte offenbar nicht bewältigt, verarbeitet sind. Mariella Mehr übersetzt sie literarisch in ein beklemmendes Buch.