Daskind
Die Täter der Opfer
Seit je her hegt die Schweizer Autorin Mariella Mehr eine besondere Sympathie für Aussenseiter. Allerdings entspringt sie nicht irgendeiner Laune, sondern eigener Lebenserfahrungen. Die 1947 geborene Mariella Mehr entstammt einer Familie von Fahrenden, die in den fünfziger Jahren im Rahmen der Aktion «Kinder der Landstrasse» auseinandergerissen wurde. Im Namen von Sitte und Ordnung nahmen eifrige Sozialhygieniker Kinder ihren Eltern weg und gaben sie zur Adoption frei. Die Auswirkungen dieser Aktion spiegeln sich im Roman Daskind.
«Hat keinen Namen, Daskind. Wird Daskind genannt. Oder Kleinerbub, obwohl es ein Mädchen ist...» So lebt es bei den Pflegeeltern Kari und Frieda Kenel. Namenlos und unglücklich, denn allabendlich wird es vom Pflegevater gezüchtigt, vom Untermieter sexuell genötigt und bedrängt von der jungfernsäuerlichen Moral der Pflegemutter. Zu all dem sagt das Opfer nichts – weil es stumm ist. Nur: «Wenn wir gross sind, sagt Daskind zu sich, werden wir einen von ihnen töten.»
Daskind ist gleichsam Freiwild für die sadistischen Triebe der Dorfbewohner. Wer sich an ihm vergreift, tut es gefahrlos. Das Dorf ist die Hölle. Doch auch die Täter werden durch ihr Tun nicht glücklich. Der Vater weint gar ob den ihm auferlegten Züchtigungen. Als einer, der einst nach Amerika aufbrach und aus dessen Weiten wieder ins enge Voralpendorf zurückkehrte, ist er selbst ein Aussenseiter. Und dann ist da ja noch jenes gut gehütete Geheimnis. Warum wählte er im Waisenhaus ausgerechnet dieses störrische Balg zur Adoption aus? Hat er in ihm die Frucht einer inzestuösen Jugendverfehlung erkannt?
Was Mariella Mehrs Roman glaubhaft macht, ist die konsequente Aufhebung der verfänglichen Zweiteilung in Gut und Böse, Richtig und Falsch. Natürlich erscheint Daskind als ein bedauerliches Geschöpf, das vergewaltigt, gepiesackt und verachtet wird und sich nicht einmal lauthals wehren kann. Verurteilt, alles stumm hinzunehmen, versteht es dennoch, es den andern heimzuzahlen. Zum Beispiel dem Ambachbuben, der mit andern einmal über es hergefallen ist: Nackt fesselt es ihn, zerrt ihm die Vorhaut zurück, schlägt ihn mit einer selbst angefertigten Peitsche: «Allein mit sich und dem Angstgeruch des Opfers. Im vorher müde geschrienen Zorn ist etwas Unerbittliches. Etwas Kaltes. Ein eisiger Wind.»
In unterschiedlichem Mass und von der Autorin oft nur punktuell ins Bild gerückt, sind alle Täter und Opfer zugleich. Dieses elende Karussell von Verbrechen und Straflosigkeit, auf dem alle mitreiten, schildert der Roman eindrücklich. Blöde Dumpfheit und triebhafte Aggressivität bestehen darin, dass sich in dem Dorf niemand findet, der dem Kreisen Einhalt gebietet. In ihren angestammten Rollen spielen alle mit. Und weil stets jemand noch tiefer steht, feiert die kleinbürgerliche Selbstgerechtigkeit und bigotte Moral wahre Triumphe. In dieser Hierarchie bildet Das-Sündenbock-Kind den Abschluss, gerade noch vor denen, die nicht überlebt haben. «Daskind versucht, vom Kummer zu leben. Es wird gut daran tun, sich darin einzurichten, weiss Daskind.»
Souverän hat Mariella Mehr für die demütigende Gewalt, den tief verwurzelten Aberglauben, die boshafte Heuchelei und die unerfüllten Sehnsüchte eine impulsive und expressive Sprache gefunden. Harsch, spröde, provozierend direkt und oft in grammatisches Stammeln verfallend, verleiht sie vor allem der verstörten Stummheit des Kindes eine Stimme: das heisst Leben und Eigensinn. Dergestalt gelingt es der Autorin, eine bannende Atmosphäre zu schaffen und die Lesenden in Atem zu halten. Das kleine Wunder am Ende dieses Roman ist, dass trotz allem Daskind lächelt.