Hier im Regen
Roman

Seit Robert Walsers Figuren ist wohl keiner das Selbstverständlichste, um nicht zu sagen Allergewöhnlichste auf ebenso behutsame wie bohrende Weise zum Problem geworden wie Jakob Walter, der seine Arbeit in Bern bei der Steuerverwaltung hat. Ja, Bern zum Beispiel, warum seit Jahren schon Bern? Und wo ist sein Freund Rolf, der Wirt? Wirklich ertrunken? Und was nun tun an diesem Nationalfeiertag, nachdem Edith zu ihren Eltern gefahren ist? Rolf suchen?
Steuerverwaltung, Schweizer Nationalfeiertag, Edith bei den Eltern – unspektakulärer kann das Setting eines Romans kaum sein, um nicht zu sagen – langweiliger. Aber von wegen: einlässlicher, mitfühlender, um nicht zu sagen kurzweiliger ist sehr lang nicht vom Leben eines Menschen erzählt worden, und endlich einmal nicht, indem man es ins Komische verschiebt. Lorenz Langenegger erweist sich in seinem ersten Roman als ein höchst aufmerksamer Begleiter seines Alltags-Helden. Es sind die Momente der Verstörung, der Sehnsucht und des Trostes, mit denen der junge Autor seinem Jakob Walter die Seele gibt, die dieser sich selber kaum zugestanden hatte.
Dies ist ein Buch, das zu Herzen geht und dort auch bleibt.

Lorenz Langenegger zu seinem Buch

Jakob Walter gehört zu den Menschen, die gerne und häufig übersehen werden. Er ist verheiratet, geht einer geregelten Arbeit nach und hat keine übertriebenen Ansprüche ans Leben. Von der Menschentraube, die sich beim Einsteigen an der Tür drängelt, ist er jene Person, von der ich mir wünsche, dass sie sich im Bus neben mich setzt, wenn ich meine Ruhe haben will, aber er bleibt lieber stehen. Seine Frau fährt übers Wochenende zu ihren Eltern, sein Freund Rolf ist verschwunden, und er gerät ins Grübeln. Warum lebt er seit zehn Jahren in dieser Stadt? Wieviel wovon braucht es für Zufriedenheit? Drei Tage ist er auf sich allein gestellt. Außer ihm ist niemand da, der auf die bestehende Ordnung Acht gibt. Die Möglichkeit, dass sein Leben eine neue Richtung einschlägt, blitzt auf, und ich weiß nicht, ob ich ihm das wünschen soll.

(Buchpräsentation Jung und Jung)

Kurzkritik

Hier im Regen, das Romandebüt von Lorenz Langenegger, erzählt von einem scheuen Menschen, der auf einmal die Initiative ergreift. Jakob Walter geht scheinbar ohne eigenen Antrieb durchs Leben. Doch eines Freitags, als er nicht zur Arbeit muss und seine Frau auf Elternbesuch weilt, kauft er sich unvermittelt ein Bahnbillet und reist ins Tessin. In der Erinnerung trägt er seinen alten Freund Rolf mit, der seit einer Woche verschollen ist. Langenegger erzählt die Geschichte seines Antihelden mit einem Faible fürs Unspektakuläre, das ihn freilich nicht daran hindert, dessen zähe Mittelmässigkeit etwas allzu demonstrativ auszustellen. Bis am Sonntagabend glätten sich die kleinen Wogen aber ohnehin – und Jakob Walter ist wieder bereit für den Arbeitsalltag. Unter diesem letzten Eindruck wird die lächelnde Lakonie, die Langeneggers Roman in den Details auszeichnet, leider ein wenig schal. (Beat Mazenauer)