Ans Meer
Roman

Kurzkritik

Tim Krohns neuer Roman Ans Meer ist ein Buch, das man nicht mehr aus der Hand legen kann, ein Thriller ohne Held und Bösewicht, aber mit mysteriösen Todesfällen. Aufzuklären gibt es keine Morde, sondern Lebenslügen. Am Ende fühlt man sich ein wenig wie auf hoher See, nach all dem Auf und Ab, das die Figuren durchgemacht haben, nach so viel Abschied und Weiterleben, und bei so viel Versöhnung. Im Zentrum steht nicht eine Figur, sondern ein ganzes Geflecht aus Menschen. Am Anfang stehen zwei norddeutsche Paare mit je einer Tochter, zwei Familien, welche die Wochenenden zusammen in einem Haus am Meer verbringen. Welche Abgründe die Idylle hat, erfahren wir erst nach und nach, denn Krohn erzählt die Geschichte von hinten, lange nach der Katastrophe, die alle voneinander entfernt hat. Er erzählt sie als schmerzlichen Prozess, den er wie einen freien Fall inszeniert. Er wechselt die Perspektiven und erzählt aus der mal widersprüchlichen, mal sich ergänzenden Perspektive von verschiedenen Figuren. Ein gelungener Ansatz, um diesem Trauma, das zwei Familien in erstickender Starre hält, auf den Grund zu gehen und gleichzeitig der Wahrheit ihre Vielstimmigkeit zu lassen. (Christine Lötscher)