Fern bleiben Roman
ICE 611 ab Dortmund Hbf, EN 287 ab München Hbf, ES 9484 ab Roma Termini – bereits das Inhaltsverzeichnis von Ulrike Ulrichs gelungenem Romandebüt liest sich als Odyssee durch Europa. Das «Rail Movie» beschreibt die Reise einer jungen Frau, die vor ihrem Leben flieht, um sich selbst zu finden. Zu Beginn der Reise stellt sich Lo vor einen Spiegel und versucht das zu tun, was Frischs Stiller meidet wie der Teufel das Weihwasser: sich ein Bild zu machen. «Von der Frau, die weggeht. Die unheimlich mutig ist. Und entschlossen. Von der Frau, die keinen Plan hat, aber einen Impuls.»
Ulrich erzählt assoziativ, verspielt und geistreich, mit viel Sensibilität für die Sprache als Musik. Unvergesslich ist etwa die Liebesszene zwischen zwei Geräten, Los Handy und ihrem Handheld. Dank der Hilfe einer Reisebekanntschaft nehmen die beiden über Bluetooth miteinander Verbindung auf. Hier zeigt sich, wie Ulrich poetische Funken aus der Sprache schlägt, wo man sie am wenigsten erwartet: «Die beiden Geräte liegen nebeneinander auf dem Tisch und blinken blau. Sie beobachten sie aufmerksam, als wohnten sie der seltenen Zoobegattung zweier Wasserfrösche bei. ‹Sie erkennen einander›, sagt Fredy zufrieden.» So nahe kommen sich die Menschen in diesem Roman nie. (Christine Lötscher)