Eudora Roman
Urs Jaeggi ist in Solothurn geboren und lebt heute in Mexiko und Berlin. Der achtzigjährige Soziologieprofessor, Maler, Bildhauer, Aktionskünstler und Autor legt nach Wie wir erneut ein Buch vor, dessen Bezeichnung «Roman» kühn anmutet. Schon die Personen sind schwer zu erfassen: sind Fred und Edd wirklich zwei Brüder, oder sind sie zwei Facetten derselben Person? Und wer ist Eudora: Schwester, Geliebte, Frau oder Fantom? Ort der Handlung, zwischen Gefängnis und Spital, ist wohl ein Irrenhaus, in dem Edd nach einem Unfall (einer «Explosion») gepflegt und überwacht wird. Bald in der ersten, bald in der dritten Person leidet, schaukelt, stottert, kotzt und erinnert er sich. Fred und Eudora besuchen ihn abwechselnd oder gemeinsam. In 83 meist kurzen, durchnumerierten Kapiteln vermengen sich Fragmente einer individuellen Familiengeschichte mit literarischen Zitaten und Schreckensbildern aus dem Weltgeschehen. «Das Wirkliche ist grausamer. Das Grauen produzieren wir» sagt Edd gegen Anfang – gegen Ende hört er Eudoras Worte: «Es wird zu viel geredet, sagt sie. Es gibt zu viele Tote». (Ruth Gantert)