Jahrhundertschnee
Roman

Kurzkritik

Imponierend, was Ernst Halter auffährt, um das 20. Jahrhundert zu dokumentieren: einen Fotografen, der Szenen vom Schweizer Generalstreik 1918 bis zur Reichskristallnacht von 1938 in (brillant beschriebenen) Bildern festhält, eine Schweizer Gräfin, die den Untergang der K.u.K.-Monarchie erlebt, eine deutsche literarische Gesellschaft, die satirisch den Kulturwandel vom Kaiserreich bis zum Marsch durch die Institutionen nach 1968 spiegelt, Brecht und Canetti im Gespräch, Tschernobyl und die Giftwolke von Seveso, eine Bauernfamilie von urchig bis bio – und nicht zuletzt einen Zeitkritiker, der das Jahrhundert mit der Stimme von Jean-Rodolphe von Salis analysiert. All das gekonnt und tadellos umgesetzt: anrührend und bewegend, wo Leid und Katastrophen zum Thema werden, melancholisch-wehmütig in den Erinnerungen an glücklichere Zeiten, originell und pfiffig, wo Satire gefragt ist. Wobei für die breit gefächerte Machart des Buches gerade das, was der Autor sich selbst als Mangel ankreidet – dass er «nicht dabeigewesen», sondern als «Kulturverzehrer ironischer Existenz» von ferne zusah –, die beste Voraussetzung ist. (Charles Linsmayer)