Helldunkel
Ein Bilderbuch

Wehe den Sehenden! Reto Hännys sprachliches Bilderbuch «Helldunkel»

von Beat Mazenauer
Publiziert am 13.09.2012

Im Titel für seine opulente Textmontage Helldunkel greift Reto Hänny zurück auf den ästhetischen Begriff des Chiaroscuro: der Licht-Schatten-Effekt, der gleichermassen verunklärt wie erst Klarheit schafft. Im Zusammenwirken von Hell und Dunkel entsteht jenes «angenehme Dämmerlicht», das Juan Benet im Roman Im Halbschatten als Ort der Gedanken und der Erinnerungen beschreibt – als Ort also, wo Räume und Gefühle Schatten werfen und Konturen bilden.

Dieses Helldunkel hat Reto Hänny an den blitzenden Lichtspielen von Metallgeräten des Bündner Fotografen Hans Danuser fasziniert. Dessen «Bildwelten», schreibt Hänny in einer Nachbemerkung, hätten ihn im Verbund mit literarischen Texten von Dante, Joyce, Kafka, Beckett oder Claude Simon dazu verführt, sie «in der eigenen Sprachdunkelkammer» weiter zu bearbeiten und daraus eine Serie von «Pasticci und Paraphrasen» zu formen, das heisst, diese Quellen sowohl bildnerischer wie sprachlicher Art in jenen Wortfuror einzubetten, der Reto Hännys Sprachkunst seit je her auszeichnet. Es erfordert eine aufmerksame und wiederholte Lektüre, um die literarischen Quellen heraus zu spüren, zu filtern. Je mehr dies geschieht, umso nahbarer wird Hännys Prosa. Nicht dass seine zwielichtig luzide Sprache dieses Erkennungsspiels bedürfte, doch die Lust am Text erhält so über das Staunen hinaus eine neue Dimension. Sie erfährt eine Belebung und hintergeht so die grell-finstere Endzeitstimmung in dieser Prosa.

Solche ersten Annäherungen an Hännys Helldunkel signalisieren die Schwierigkeit der Beschreibung. Handlung findet sich darin nur spärlich auf einer Erinnerungsebene, die während der sprachlichen Hades-Wanderung zwischendurch glückhaft aufblitzt. Überwiegend hält sich Hänny an die fotografischen und literarischen Vorlagen. Er beschreibt sie mit sezierender Schärfe, fusioniert sie eigenwillig und verdichtet sie zu hochartifiziellen und versponnenen Sprachräumen. Die Fotografien gerinnen zu Wortlandschaften und die Literatur erhält in bildlicher Umschreibung quasi surrealistische Plastizität. Denn auch die Vertiefung im harten Licht grösster Faktizität übersteigt die Wirklichkeit, so wie wir sie zu sehen gewohnt sind. Mit klinischer Präzision und frei von aller Sentimentalität evoziert Helldunkel in langen, atemraubenden, verschachtelten und nach hinten oft punktlos offenen Satzkaskaden und manieristischen, rhythmisierten Wortwindungen eine schauerlich kalte Licht- und Schattenwelt. Beschreibend versucht sie Hänny zu bannen. Ausgehend von Danusers Fotoserien aus Atombunkern, medizinischen Sezierräumen, Chemie- und Physiklabors reflektiert er über die vernunftgeleitete Menschenferne und das faustische Machwerk auf eine Weise, dass es einem mitunter die Sprache verschlägt. Fein ist hinter der Sachlichkeit ein moralischer Imperativ spürbar.
Diese akkurat beschreibende und mit Fachjargon aufgewertete Sachlichkeit schiebt sich bei der Lektüre immer wieder vor die Vorstellungskraft und verhindert ein zweifelsfreies Textverständnis. Ist es Zufall, dass Hänny mehrfach das Vorhandensein von sauber aufgereihten Schutzanzügen oder Plastikplanen registriert? Feinstoffliche Hüllen gegen unbefugten Zugriff, den sprachlichen Begriffshüllen vergleichbar? Auf jeden Fall ist Hännys Befund katastrophal. Es gibt kein Leben mehr innerhalb dieser perfekten Apparaturen und Terminologien, mit denen das Menschenleben kalt und ungerührt aufgeritzt, in vivo seziert, beschnitten, abserviert wird. Wie ein heller Lichtpunkt leuchtet zwar einmal der Satz «Dann plötzlich, ein Mensch» auf: Ecce homo – doch tot und auf dem Sezierbrett festgezurrt. Am Leben sind bloss die gelangweilt dabeistehenden Wächter.

«Wehe den Sehenden», ruft uns der Autor aus diesem Wort- und Begriffsgewitter zu. «Guai ai vedenti», wobei das italienische «Guai» auf ein zentrales Strukturelement von Hännys Buch hinweist. Der lange Mittelteil folgt in sechs Abschnitten dem 43. Bild aus dem chinesischen Buch der Wandlungen, dem I Ging. «Guai» bezeichnet darin «Durchbruch / Entschlossenheit» und „«heisst soviel wie Festmachen der Worte, die Worte stark machen, dauernd: Zeit, am Hofe die Sache bekanntzumachen, der Wahrheit gemäss», ohne Waffen, aber mit wunden Sinnen.

Dem «Durchbruch» ordnet Hänny auf verschiedenen Textebenen Bedeutung zu. Die medizinische Obduktion zerschneidet die Haut des menschlichen Körpers und kehrt das Innen nach Aussen. Der dies beschreibende Text bricht seinerseits auf und lässt durch die Hülle kalter Beobachtung Bilder der uns bekannten Wirklichkeit ein: Krieg und Katastrophen, sadistische Phantasien oder Kindheitserinnerungen. Niederschrift und Lektüre befreien zum dritten von der angestauten Spannung und Lähmung durch das übermächtig Erscheinende.
Schliesslich durchbricht Hänny auch die Grenzen zwischen Bild und Sprache; er macht sie durchlässig, indem er einen Reisenden als literarischen Grenzgänger erfindet und durch die technologische Strafkolonie schreiten und schauen lässt. Dieser (bei Kafka ausgeborgte) Reisende betritt die beschriebenen Bilder und verwandelt ihre Zweidimensionalität in Räumlichkeit. Umgekehrt schafft Hänny aus Literatur wiederum Bilder. Zum Beispiel befreit er die von Claude Simon vertrackt beschriebene Tötung eines Kaninchens von der Räumlichkeit der parallelen Nebenhandlungen und verarbeitet sie zum Stilleben: «nature morte». Der Autor verweigert so die Unterscheidung, die Roland Barthes in Die helle Kammer zwischen studium (interessierter Gelassenheit) und punctum (furioser Betroffenheit) gezogen hat.

«Genau kalkuliert folgt jetzt Szene auf Szene, Bild auf Bild», heisst es im ersten Teil des Buches. Entsprechend raffiniert ist Helldunkel komponiert und strukturiert, so dass es dem Text förmlich anzusehen ist. Er beeindruckt mit einer grossartig dichten, freilich auch kompromisslosen, unzugänglichen und sich verschlingenden Sprache. Gälte es eine kritische Anmerkung zu diesem Bilderbuch ohne Bilder zu machen, so betrifft sie die Schwierigkeit seiner Lektüre. Damit verbindet sich freilich weniger Kritik an der literarischen Qualität als die Warnung vor einem «Schnell mal reinschauen». Derlei verzeiht Helldunkel nicht. Wie das Leben im technischen Zeitalter muss die Lektüre ertrotzt werden. Oder mit Hänny: «Es darf ja natürlich keine einfache Schrift sein; sie soll ja nicht sofort töten.»