Asphaltblüten
Gedichte

Längst hat die Frau, aufgewachsen am Fuß des Bristenstocks, das Reusstal verlassen, getrieben von der Lust auf Neues, jenseits der Grenzen. Sie geht durch fremde Straßen, lässt sich von Geräuschen und Gerüchen einfangen, sieht in unbekannte Gesichter, ahnt Freude und Schmerz, erkennt die Zeichen von Flucht und Zerstörung. Aufmerksam ist sie, reagiert sensibel auf die Flut von Eindrücken, äußert ihren Unmut über Ungerechtigkeiten. Leonor Gnos, die zwar eine Fremde in der Fremde ist, aber sich trotzdem mitten in der Großstadt nicht allein fühlt, hat ihre Heimat in der Sprache gefunden. Und damit eine große Liebe. Zärtlich nähert sie sich der Fragilität der Worte an, tastet sie ab, befühlt ihren Kern. Mit den Mitteln der Sprache lassen sich Natur und Urbanes verschwistern, Räume und Zeiten zum erhellenden Nebeneinander fügen, sodass der Föhn mit dem Mistral ein Bündnis eingeht und das Meeresrauschen an die ungebärdige Reuss denken lässt. Hier wie dort, am kleinen Urner Himmel und am weiten des Midi, ziehen die Wolken dahin, für das Kind damals die stummen Träger der Sehnsucht. Heute folgt die Dichterin den Erinnerungsspuren, kehrt auf die Wege des Dorfes zurück, weckt das Gedächtnis an die Toten auf, die Eltern, die Freundin. Doch lastet keine Schwere auf den Zeilen, vielmehr betört Leonor Gnos mit der zauberhaften Leichtigkeit ihrer Bilder. Und schaut man genauer hin, regt sich in diesen Texten noch immer die Widerstandskraft eines Bergkinds.

(Bücherlese)

Rezension

von Beat Mazenauer
Publiziert am 02.12.2024

Einen ganz anderen, persönlichen Antagonismus überbrückt Leonor Gnos in ihrem Band Asphaltblüten. Der Titel verklammert zwei Gefilde, zwei Topographien, die die 1938 geborene Autorin aus eigenem Erleben bestens kennt. Sie stammt aus dem gebirgigen Kanton Uri, in dem sie sich bis heute verwurzelt fühlt. Doch seit Ende der 1980er Jahre lebt sie in Grossstädten, zuerst im mondänen Paris, ab 2010 im pulsierenden Marseille. In ihren Gedichten begegnen sich die beiden Lebensorte, der eine aus der Erinnerung, der andere im unmittelbaren Erleben.
So heisst es in einem Gedicht ohne Titel:

Der Zauber der Strassencafés
kennt weder Zeit noch Ort
nur Beständigkeit
und die steinerne Geduld der Brunnen

Gleich auf der nächsten Seite antwortet ihm:

Die Luft riecht nach Kirschen
und salzigen Hemden
dort hebt meine Heimat an
im Licht unter Bäumen

Bindeglied der beiden Welten ist das lyrische Ich, das die Heimat aus der Ruhe des Gedenkens hervorruft, doch längst die Attraktionen der Stadt schätzen gelernt hat. Mit der Gelassenheit des Alters verbindet Leonor Gnos Zeiten und Orte und bringt sie auf den Punkt des erlebten Moments.

jeden Tag Abschied von der Kindheit
vom Dorf dem Fluss und dem Berg
Tag für Tag sich lösen von der Stadt dem Meer
den Gross- und Kleinstädten den Ländern
die verschwinden ohne Nachricht.

Ihre Gedichte pflegen eine anschauliche lyrische Sprache. Mal sind die freien Verse länger, mal kürzer, ohne Titelüberschriften, mit Bedacht gesetzt und mit zurückhaltender Bildhaftigkeit. So bleibt sie ganz bei sich, ihrer Anschauung und ihren Erinnerungen. Hin und wieder aber bricht dennoch die harte städtische Wirklichkeit durch, «der illegale Markt harter Drogen / wo öfter Geld und Mord zusammentreffen«, oder die leidvolle Geschichte Marseilles, von der ein Mahnmal für die Widerstandskämpfer im zweiten Weltkrieg erzählt. Dann wird der leitmotivische Ruf der Vögel am Morgen übertönt, und das Ich nimmt innerlich Zuflucht im Tal der Kindheit. So hallt am Ende doch das Rauschen der Reuss nach – «mit der Erinnerung an eine Sprache zwischen den Zeiten».

Aus: «Mit der Zeit, gegen die Zeit. Gedichte von Sibylle Berg, Franz Dodel, Jürgen Theobaldy, Rudolf Bussmann und Leonor Gnos.» Ein Fokus von Beat Mazenauer, 20.01.2025.