Geliebte Mutter – Canım Annem Roman
Als Aynur mit Alvin verheiratet wird, blühen in Istanbul die Tulpen. Aynur ist 19 Jahre alt, trägt gerne Schlaghosen und taillierte Blusen und hat für Frauen mit Kopftuch nur Spott übrig. Alvin, ungebildet und aus frommer Familie, arbeitet in Deutschland unter Tage. Almanya ist eine Verheissung, die Aynur nie gelockt hat, doch ihr Bruder will sie aus dem Haus haben und sie muss sich fügen.
Die Geschwister Meryem und Ada sind längst erwachsen als ihr Vater Alvin stirbt. Für sie ist es ein glücklicher Tag. Zu tief sind die Wunden, die ihnen beide Eltern zugefügt haben. Meryem und Ada versuchen, die vielen zerrissenen Leben ihrer Mutter zu verstehen. Und ihr am Ende zu vergeben.
(Steidl)
Rezension
Geliebte Mutter – Canım Annem beginnt mit dem Leben zweier Frauen in Istanbul. Es ist das Jahr 1973 und Aynur ist achtzehn. Ihre Mutter war Jahre zuvor mit den zwei Kindern vom Dorf nach Istanbul gekommen, als ihr Mann verstorben war und die Leute sie drängten, wieder zu heiraten. Doch sie wollte keinen Mann mehr um Erlaubnis fragen müssen, ob sie nach acht Uhr abends noch das Haus verlassen oder morgens mit dem Milchmann sprechen darf. Diese Freiheit hatte ihren Preis, sie musste hart arbeiten, um sich durchzubringen. «Wir waren nicht reich, aber wir waren sehr glücklich», erinnert sich Aynur an ihre Kindheit. Aynur geniesst als junge Frau in der Grossstadt viele Freiheiten und macht eine Ausbildung zur Schneiderin. Sie lässt auf der Fähre ihre Haare im Wind flattern, scherzt mit dem Teeverkäufer, hört Musik, hat eine Lieblingsbuchhandlung, schminkt sich, trägt modische Kleidung und trifft sich mit Freundinnen in Cafés. Dass all dies erwähnt wird, zeigt, dass es nicht selbstverständlich ist.
Was als hoffnungsvolle Befreiungsgeschichte beginnt, erfährt eine brutale Wendung, als Aynurs Bruder Veysel sie zwangsverheiratet. Veysel arrangiert sich mit den Machtverhältnissen in der Türkei und macht Karriere als Polizist. Er und seine Frau leben dadurch ein finanziell abgesichertes, angenehmes Leben. Man spürt Aynurs Neid und Verachtung, wenn sie diese Entwicklung ihres Bruders beschreibt. Sie muss seine kleinen Kinder hüten, bis sie der Schwägerin lästig wird und diese Veysel bittet, Aynur loszuwerden.
Es will nicht ganz ins Bild passen, dass Aynur und ihre Mutter es zulassen, dass Veysel seine Schwester gegen ihren Willen an einen unkultivierten Mann mit minimaler Schulbildung verheiratet, der als Arbeitsmigrant im Ruhrpott arbeitet. Alvin, so heisst der Bräutigam, verliebt sich in sie und begehrt das schöne Mädchen. In Deutschland prallen Welten aufeinander, zunächst nicht zwischen der deutschen und der türkischen Kultur, sondern zwischen der relativ liberalen, gebildeten alewitischen Mittelschicht der Grossstadt, der Aynur angehört, und der streng sunnitischen, ungebildeten und armen dörflichen Welt Alvins. Auf Aynur wartet eine heruntergekommene kleine Wohnung in Herne, in der neben ihrem Mann auch noch sein Bruder und sein Vater wohnen.
Nach einiger Zeit können Aynur und Alvin eine staatlich geförderte Wohnung in einem besseren Quartier beziehen und es werden zwei Kinder geboren. Die Familien- und Arbeitskonstellation bleibt aber schwierig und es geht eigentlich nur bergab für die Einwandererfamilie. Alvin wird gewalttätig gegen seine Frau, vergewaltigt sie, einmal erleidet sie eine Fehlgeburt, und beide Eltern schlagen die Kinder. Aynur nimmt eine Stelle in einer Fabrik an, doch ihrem Traum von der Rückkehr nach Istanbul kommen sie durch dieses zusätzliche Einkommen nicht näher, denn Alvin verfällt der Spielsucht und arbeitet immer weniger. Aynur wird dick und krank und Meryem gerät als Jugendliche auf die schiefe Bahn, bis sie schliesslich in der Psychiatrie landet.
In dieser Familiengeschichte liegt der Fokus, anders als der Romantitel es ankündigt, allzu stark auf Meryem, der Tochter, aus deren Perspektive die Ereignisse grösstenteils geschildert werden. Ihr Bruder Ada bleibt eine schemenhafte Gestalt, dessen einzige Funktion zu sein scheint, dass er schwul ist. Denn wenn wie in diesem Buch sämtliche aktuellen kontroversen Themen vorkommen sollen, dann darf auch dieses nicht fehlen.
Trotz des sich vertiefenden Familienelends bleibt die kleinbürgerliche Idee, dass es die Kinder einmal besser haben sollen, im Hintergrund lebendig. Durch Bildung gelingt Meryem und Ada der Aufstieg in eine Schicht, die sie zunächst einmal zurückweist, bevor es einige Jahre später schick wird, einen Migrationshintergrund zu haben. Auch von ihrer Seite ist das Verhältnis zu den «Bürgerkindern» in der Schule zwiespältig, Meryem verspottet sie und beneidet sie gleichzeitig. Beides vermittelt die Autorin mit oberflächlichen Stereotypen, die sie, respektive ihre Romanfigur Meryem, nur beschreibt und nicht durch den Plot veranschaulicht.
Die kurzen Kapitel, in denen Meryem als erwachsene Tochter die Mutter und manchmal auch den Vater direkt anspricht, verlaufen wie eine emotionale Achterbahn. Mal klagt sie darin die Mutter an, weil sie ihre Kinder nicht vor dem Vater beschützt habe, dann wiederum versichert sie ihr überschwänglich, dass sie sie liebe. Gegenüber dem Vater ist sie ähnlich hin- und hergerissen, obwohl sie mit ihm zunächst härter ins Gericht geht.
Dass es Meryem und Ada trotz dieser schwierigen Umstände gelingt, das Gymnasium abzuschliessen, zu studieren und beruflich Erfolg zu haben, ist nicht ganz nachvollziehbar. Zu sehr überwiegt das Negative und das Destruktive in der Darstellung ihres Umfelds. Rettungsanker wären zwar ausgelegt, kommen aber nicht zum Tragen. Aynurs starke, eigenwillige Mutter und der feinfühlige, wohlwollende Schwiegervater Sabrî zum Beispiel verblassen schnell und geraten aus dem Blickfeld.
Nach der Schule bekommt Meryem einen Studienplatz für Journalismus und danach eine Stelle in Berlin. 2013 wird sie Korrespondentin in Istanbul. In der türkischen Hauptstadt überrollt Meryem trotz der angespannten politischen Lage «die satte Lebensfreude». Sie gönnt sich eine Wohnung mit Dachterrasse und Meerblick in einem poshen Quartier und viele andere Annehmlichkeiten. Sie liebt ihren Job und hat das Gefühl, es geschafft zu haben. In ihrer Arbeit berichtet sie über das autokratische Regime Erdoğans, recherchiert über die Zustände in türkischen Gefängnissen, flieht aber kurz nach dem Putschversuch gegen Erdoğan 2016 zurück nach Deutschland.
In diesem zweiten Teil des Buches steht die Politik im Vordergrund und die Schreibweise wird sehr journalistisch. Menschen sind nur Staffage, um durch ein wenig «Human Interest» die Aufmerksamkeit der Leser für ein Thema zu wecken. Ein Thema, das kaum vorkommt, sind Meryems Beziehungen zu Männern. Es gibt zwar einige Liebhaber, aber sie bleiben oberflächlich und werden in einem kurzen Kapitel gerafft abgehandelt. Keine Beziehung holt Meryem aus ihrer Selbstbezogenheit heraus. Wenig verwunderlich, befindet sie doch, «die Liebe» sei «ein idealer Ort, um sich selbst kennenzulernen».
Der Roman verhandelt zweifellos gesellschaftsrelevante Themen. Umso bedauerlicher ist es, dass die Figuren mehr als typisierte Ideenträger denn als individualisierte Charaktere auftreten. So liest man die Geschichte zwar mit Interesse, vermisst aber den Kenntnisgewinn und den ästhetischen Genuss.