Nachtblaue Blumen
Roman

Paris um 1890, eine junge Cabaret-Tänzerin wird in die Nervenheilanstalt Salpêtrière eingeliefert. Um die Existenz der rätselhaften Krankheit «Hysterie» zu beweisen, veranstaltet der leitende Nervenarzt in der Klinik Vorführungen vor internationalem Publikum. Dabei scheint nicht alles mit rechten Dingen zuzugehen: Die jungen Patientinnen bewegen sich unkontrolliert, verdrehen die Augen, brechen vor der Zuschauerschaft zusammen. Auch die Tänzerin und ihre Freundin Cléo, der wegen ihrer Krämpfe Medikamente verabreicht werden, dienen als Fallbeispiele. Warum verschlimmert sich die gespenstische Krankheit bei ihnen stetig? Gibt es einen Weg raus aus der Salpêtrière, die man im Paris der Jahrhundertwende die «weibliche Hölle» nannte? Um nicht den Verstand zu verlieren, hält die Tänzerin alles in ihrem Notizbuch fest. Ein feiner und humorvoller Roman.

(Limmat Verlag)

Weibliche Selbstbestimmung gegen männliche Dominanz

von Dominik Müller
Publiziert am 13.11.2024

Die anonyme junge Variététänzerin weiss genau, was sie mit ihren auf Anregung eines Arztes festgehaltenen Aufzeichnungen aus der Pariser Nervenheilanstalt Salpêtrière nicht bezweckt:

Ich könnte die Gelegenheit nutzen und meine Lebensgeschichte zu Papier bringen. Ich könnte all die Ereignisse der langen Kette aufzählen, die mich zu der gemacht haben, die ich heute bin, könnte Zeile um Zeile meine verworrensten Gedanken offenbaren, so dass jemand nur die Seiten meines Gehirnbuchs zu lesen bräuchte, um in die Tiefen meiner Seele zu blicken.

Abgesehen von einem Vorwort, in dem ein Herausgeber schildert, wie er zu dem mutmasslich aus den 1890er Jahren stammenden, anonymen Manuskript gelangt sei, besteht Alexander Kambers zweiter Roman ausschliesslich aus den Aufzeichnungen der jungen Frau. Die Bestimmung des Schreibunterfangens durch das, worauf es verzichtet, erhellt, was die Stärke, aber dann vielleicht auch die Schwäche des Buchs ausmacht.
Die Weigerung, weiterhin zu tanzen, hat der jungen Frau die Einlieferung in die Klinik eingetragen. Ihr ehemaliger «Patron» kommt sie regelmässig besuchen und bringt ihr Blumen, weniger aus Nächstenliebe als aus geschäftlichem Interesse, hofft er doch, die besonders attraktive Tänzerin für seine Truppe zurückzugewinnen. Der Dominanz durch den Variétébesitzer entronnen, gerät die Frau in die Fänge der Ärzte. Der Klinikchef führt sie in sogenannten «Lehrstunden» einem internationalen Publikum vor, indem er sie anscheinend in Trance versetzt und seine Befehle ausführen lässt. Die einstige Tänzerin geniesst dieses neue Scheinwerferlicht, durchaus im Wissen um die betrügerische Seite der Vorstellungen: Sie bleibt dabei bei vollem Bewusstsein und gehorcht nicht den an das Publikum adressierten mündlichen Kommandos, sondern den versteckten Berührungen des Arztes. Ein deutscher Assistenzarzt versucht es ebenfalls mit Hypnose in der Hoffnung, «in die Tiefe meiner Seele zu blicken». Diesem Ansinnen stellt sich die fiktive Schreiberin (und mit ihr auch der Autor) entgegen. Die Schreiberin ist darauf bedacht, in ihrem Text ihre persönliche Integrität zu schützen. Die Angst, dass ihr diese geraubt wird, verrät sie, wenn sie in doppeldeutiger Weise ihre Freundin Cléo zitiert, welche die Filmaufzeichnungen der «Lehrstunden» als «Diebstahl» bezeichnet. (Cléo meint mit dem Wort die Filmkamera. Ihr Lebenspartner, dessen mysteriöses Verschwinden sie krank gemacht hat, erfand eine solche und Cléo glaubt nun, diese hier vor sich zu haben.) Anstelle ihrer eigenen Geschichte erzählt die Schreiberin, wie sich Cléo – der Name geht auf deren kleptomanische Veranlagung zurück – und ihr Erfinderfreund eine Existenz als Schausteller aufgebaut haben. Auch das von Toleranz und Einfühlungsvermögen bestimmte Zusammenleben mit den anderen «Mädchen» in der Klinik kommt ausführlich zur Sprache. Das Atmosphärische rund um die Festung der Salpêtrière – das Rauschen der Seine, das Wetter und der an den Bäumen ablesbare Wechsel der Jahreszeit – wird in gefilterter Form wahrgenommen und in der verhalten poetischen Sprache eingefangen, die das Buch, zusammen mit pointiert formulierten Lebenseinsichten, lesenswert macht. Vom Grauen und von den Ängsten, derentwegen die Salpêtrière einst als «weibliche Hölle» bezeichnet wurde, ist nichts zu spüren. Eine geradezu liebevolle Beschreibung des Klinikgebäudes langt wieder bei einem dieser dominanten Männer an, von denen sich die junge Frau nicht frei machen kann:

Ich liebe dieses riesige Schloss mit den unzähligen Korridoren und Stockwerken, geschichtet wie eine Torte, dieses alte Spukhaus, in dem die Wände seufzen und die Flure weinen, mein Zufluchtsort, dieser wunderschöne Palast der Kranken und Unheilbaren, den der Sonnenkönig einst für uns errichten ließ.

Einzig das in der literarischen Tradition der Herausgeberfiktionen stehende Vorwort gibt einige Hinweise auf die historischen Hintergründe der Geschichte, die da erzählt wird: Es fallen die Namen des berühmten Neurologen Jean-Martin Charcot (1825-1893) und seiner prominentesten Patientin, Jane Avril (1868-1943), die nach ihrer Entlassung aus der Salpêtrière eine glänzende Karriere als Tänzerin machte und Henri de Toulouse-Lautrec Modell stand. Charcots Hysteriestudien wurden durch Sigmund Freud rezipiert und zum Teil auf Deutsch übersetzt. Eine Rolle spielt zudem die Erfindung des Kinematographen, die – was einem damit ins Bewusstsein gerufen wird – zeitgleich mit den Durchbrüchen im Gebiet der Psychiatrie erfolgte. Die Sparsamkeit der Angaben stachelt dazu an, im Internet nach weiterführenden Informationen zu suchen.

Im Einklang mit der Weigerung der schreibenden Tänzerin, Episoden ihres Lebens in einer «langen Kette» kausal miteinander zu verknüpfen, sieht Kamber davon ab, seine Rechercheergebnisse zu einem möglichst lückenlosen historischen Roman à la Daniel Kehlmann zusammenzuzimmern. Vielmehr belässt er es beim fragmentierten Bild einer klugen, sensiblen, humorvollen und nicht ganz uneitlen Frau, die auf ihre Autonomie pocht und sich nicht zum Opfer der Männer erklären lassen will. Ohne lauthals anzuklagen, legt der sanfte Bericht die Mechanismen männlicher Dominanz und der Pathologisierung weiblicher Selbstbestimmung dennoch auf präzise Weise offen. Indem das schmale Buch durch viele Aussparungen die Integrität der Figur zu wahren und voyeuristische Neugier abzuwehren sucht, läuft es jedoch Gefahr, dass das Bemühen der Leserinnen und Leser erlahmt, die Ereignisse und die Figur zu verstehen. Damit drohen auch die Leiden von psychisch kranken Menschen, zu denen die in Nachtblaue Blumen geschilderten Insassinnen der Salpêtrière nicht wirklich zu gehören scheinen, ausgeblendet zu werden.