Portalsätze
«Portalsätze» bietet einen Index von Satzanfängen. Es enthält zwar nicht alle möglichen Satzanfänge, aber sie zeigen, wieviel der Beginn eines jeglichen Satzes schon bedeuten kann. Es scheint, als sei der Beginn des Satzes bereits auf sein Ende hin angelegt. Wer spricht mit wem? Was ist der Kontext? Worauf wollen die ersten Worte hinaus? «Portalsätze» sind Satzanfänge, die zu Portalen, Zugängen, einer Situation werden. Portalsätze fallen im Wartezimmer, im Kindergarten, beim Coiffeur, im Schuhgeschäft, im Klassenzimmer, an der Bar, im Bad, im Badezimmer, im Pflegeheim, in der Therapiesitzung, im Solarium, in der Großküche, im Bunker, im Fernsehstudio, in der Kindertagesstätte, beim Herrenkonfektionsschneider, am Strand, bei der Atombehörde, im Kreißsaal, im Kinderzimmer, im Orchestergraben, beim Tierarzt, beim Standesamt. Beim Orthopäden, im Café, im Fitnessstudio, beim Konditor, in der Kantine, unterm Weihnachtsbaum, im Garten. Im Winter. Im Frühling. Im Sommer. Im Herbst. Im Regen. Am Geburtstag. Im Wald. Beim Bäcker. Im Zirkus. Beim Optiker. Im Büro. In der Zoohandlung. In Scheidung, beim Luftalarm, am Samstag, in der Klemme. In der Dusche. Auf der Warteliste. Auf der Abschussliste.
Rezension
Wenn Tine Melzer in ihrem zweiten Roman Do Re Mi Fa So (Jung und Jung 2024) Franz einmal sagen lässt, er habe noch nie «einen Satz sagen hören, der mit Aber beginnt», so macht uns das hellhörig für ein zweites Buch, das jüngst von ihr (zusammen mit der Literatur- und Sprachwissenschaftlerin Dorothea Franck) erschienen ist. Es heisst Portalsätze und dreht sich um Phrasen, mit denen Aussagen, Gespräche, Romane eingeleitet werden. Der Satzanfang «Aber alle haben doch» beispielsweise kann als «Portal» für eine Aussage gelten, in welchem bereits eine Ahnung über die Fortsetzung angelegt ist, die wir unwillkürlich verstehen, und deren Spannung darin besteht, ob die so begonnene Aussage tatsächlich unsere Erwartung erfüllt.
Auch erste Sätze von Erzählungen und Romanen sind Portale, durch die Lesende das Textgebäude betreten – mit einem Türgriff gewissermassen, mit dem sich das Gebäude öffnen lässt. Ein trefflicher erster Satz ist die Bedingung für ein glückendes Buch. Bei Tine Melzer selbst lautet dieser erste Satz wie eingangs zitiert: «Aus Trotz habe ich in der Badewanne übernachtet, und es war wie Ferien an einem unbekannten Ort.» Darin steckt das ganze Setting, das sechzehn Kapitel lang vorhält. Mal sind diese ersten Sätze kurz und bündig, wie bei Marcel Proust: «Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen.» Mal thematisieren sie das Portal auch inhaltlich, wie bei Peter Weiss: «Ich habe oft versucht, mich mit der Gestalt meiner Mutter und der Gestalt meines Vaters auseinanderzusetzen, peilend zwischen Aufruhr und Unterwerfung» – wobei die Eltern gleich im nächsten Satz als «Portalfiguren» bezeichnet werden.
In jedem Fall gilt: «jeder Anfang verpflichtet», so Tine Melzer. Unter dem Titel «Portalsätze» konzentriert sie sich allerdings auf die linguistisch pragmatischen Aspekte. In einem ersten Teil listet sie einfache Portalsätze auf, um in einem schönen Essay zusammen mit Dorothea Franck die Erwartungen und Folgen zu thematisieren, die dadurch ausgelöst werden. «Wie steuern wir die Interaktion? Welche Reaktion erhoffen wir?» – sind zwei zentrale Fragen, bei deren Beantwortung stets auch Muster, Regeln und «mentale Modelle» mitwirken, die sich auf unsere Erfahrungen abstützen. Indem wir diese Muster «lesen», verschaffen wir uns bei Interaktionen einen ersten Eindruck, der einen Weg dieser Interaktion vorzeichnet, dennoch aber ergebnisoffen bleibt. Der Essay, der aus einem Gespräch der beiden Autorinnen entstanden ist, gibt in schöner Kompaktheit einen erhellenden, lesenswerten Aufschluss über ein alltagssprachliches Phänomen, das wir meist mit unbewusster Souveränität beherrschen; und das mit dem Aufkommen von Sprachmodellen wie dem GPT neue Brisanz erhalten hat.
(Aus «Zurück ins nackte Dasein», Tine Melzers zweiter Roman Do Re Mi Fa So, Rezension von Beat Mazenauer)