Do Re Mi Fa So Roman
Sebastian Saum fehlt es an nichts: Er ist ein gefeierter Opernsänger, verkehrt in anregender Gesellschaft und lebt sorgenfrei mit seinem besten Freund Franz im geerbten Familienanwesen. Alles könnte gut so bleiben, wie es ist, bis er eines Abends ein Vollbad nimmt und beschliesst, nicht mehr aus der Wanne zu steigen. Tag um Tag vergeht, und während Franz ihn geduldig und treu bewirtet, gewinnt er nackt und allein Distanz zur Welt. Sein Leben und die Rollen, die er darin einnimmt, werden ihm fragwürdig. Er legt sie ab wie ein Kostüm, wie seine Garderobe, wie alles, was er jemals getragen hat. Und was bleibt übrig, von einem nackten Sänger ohne Publikum, von einem, der von allem immer nur verschont wurde, der immer nur Applaus gesucht hat? Ein Haufen abgetragener Kleider und Schuhe, die er im Kopf sortiert. Und die Frage, was es wert ist, aus der Wanne zu steigen und sich mit den Menschen zu verbinden.
Dieses schmale Buch hat es in sich: Mit beisendem Humor und Sätzen von scharfer Eleganz singt es eine Arie auf Verletzlichkeit und Verantwortung, auf Freundschaft und Treue. Ein Kunststück!
Zurück ins nackte Dasein
«Aus Trotz habe ich in der Badewanne übernachtet, und es war wie Ferien an einem unbekannten Ort.» In ihrem Roman Do Re Mi Fa So geht Tine Melzer gleich in medias res und umreisst im ersten Satz die Szene, die sich in den folgenden 15 Tage nicht verändern wird. Sebastian Saum bleibt in der Badewanne sitzen. Dabei müsste er sich auf eine neue Produktion vorbereiten, in der die Hauptrolle des Don Giovanni wartet.
Was einem spontanen Kurzschluss entspringt, um «das ganze gottverdammte untätige Wochenende» zu überstehen, dauert an, weil Sebastian Saum mehr und mehr am Sinn dessen zweifelt, was er eigentlich tut. «Do Re Mi Fa So, so klingt das Alphabet des Sängers. Der Sänger bin ich. Ich will nicht mehr singen, was andere mir in den Mund legen.» So macht er es sich mit Decken in der Badewanne bequem und lässt sich von seinem treuen Freund Franz bewirten. Er nimmt eine Auszeit von den Zumutungen des Lebens, beruflich wie privat.
Dieser geradezu emanzipatorische Akt ist das eine. Zum anderen aber beginnt Sebastian Saum Gefallen an der eigenen Nacktheit zu finden, nicht, weil ihm, dem Mittvierziger, der eigene Körper so sehr behagt. Aber er spürt, dass sich nackt viel besser über Kleider und Bekleidung nachdenken lässt und damit über die Rollen, die einer wie er in den theatralischen Kostümen spielt.
Die Wände meiner Träume sind gefüttert und gepolstert mit getragenen Kleidern. In Karussellen stehen sie dicht beieinander (…) ein Farbspektrum aus Stoff.
Vor dem inneren Auge dreht er an diesem Karussell und geht sie durch, all die Hemden, die er einst getragen hat – dann auch die Schuhe und die Strump- und Cordhosen, die seine «unbeschwerte Kindheit» begleiteten – mit den schwarzen klebrigen Flecken in den Taschen, die vom Lakritzzeug herrühren, das ihm der Vikar zusteckte. In der Badewanne könne er «endlich in Ruhe nachdenken», redet er sich gut zu und driftet in Gedanken immer weiter ab zur Musik und zur Stimme, deren Übung die reine Mühsal ist, und weiter zu Themen wie dem Pfeifen als Ausdruck der Unkultur, um einzumünden in die Erinnerung an verstorbene Freunde und Bekannte und ihre Begräbnisse, an denen er gesungen hat. Doch diese Gedanken kehren immer wieder zur engen Behausung zurück, in der er nicht „am Leben der Bekleideten“ teilnehmen muss. Dass er dabei allmählich auch ein wenig ins Lamentieren und Schwadronieren gerät, nimmt die Autorin in Kauf.
Die Situation, die sie ihrem Roman zugrunde legt, neigt zum erzählenden Kreiseln ohne Entwicklung und Ende. Sebastian Saum kann seine Kleider ablegen, er kann aber nicht aus seiner Haut. Trotz allem gelingt es Tine Melzer, diesem begrenzten Setting viele witzige Facetten abzugewinnen. «Erst die Ausdauer macht mit einer lustigen Idee ernst», weiss der Erzähler. Wund- und Schürfstellen und eine zunehmende Mattigkeit zeigen ihm indes auch die Grenzen seines Tuns auf. Obendrein kann er immer weniger verhehlen, dass Franz immer einsilbiger und gereizter wird ob der für ihn unangenehmen Situation. Hin und wieder räumt er auf, um die Ordnung zu bewahren. Offen bricht der Konflikt nicht aus, worüber der Erzähler froh ist. Zur Besänftigung von Franz' Gemüt sinniert er über ein gemeinsames Projekt nach, über ein «Lied der Fürsorge und Freiheit», das Franz komponieren und er singen würde: «Ein Opus der Freundschaft, ein tosender Schwall aus Vertrautheit».
Do Re Mi Fa So zeigt einen Menschen in der Krise: nackt und verletzlich. Sebastian Saums Not ist vielleicht nicht existentiell brisant – er leidet am gewöhnlichen Immerfort und Einerlei, doch auch eine solche Krise kann belasten. Wer möchte nicht manchmal, wie dieser Opernbariton, einfach mal aussteigen respektive in die Badewanne einsteigen und da verweilen? Ohne Verpflichtungen, ohne Ambitionen, ohne Zumutungen. Sebastian Saum leistet es sich – was indes nur möglich ist, weil er einen Franz hat, der ihm ohne Wenn und Aber dient. Ob Sebastian Saum wieder ins Leben hinein findet, lässt Tine Melzer vielsagend offen. Immerhin schaut er wieder einmal zum Fenster raus.
Portalsätze
Wenn Tine Melzer Franz einmal sagen lässt, er habe noch nie «einen Satz sagen hören, der mit Aber beginnt», so macht uns das hellhörig für ein zweites Buch, das jüngst von ihr (zusammen mit der Literatur- und Sprachwissenschaftlerin Dorothea Franck) erschienen ist. Es heisst Portalsätze und dreht sich um Phrasen, mit denen Aussagen, Gespräche, Romane eingeleitet werden. Der Satzanfang «Aber alle haben doch» beispielsweise kann als «Portal» für eine Aussage gelten, in welchem bereits eine Ahnung über die Fortsetzung angelegt ist, die wir unwillkürlich verstehen, und deren Spannung darin besteht, ob die so begonnene Aussage tatsächlich unsere Erwartung erfüllt.
Auch erste Sätze von Erzählungen und Romanen sind Portale, durch die Lesende das Textgebäude betreten – mit einem Türgriff gewissermassen, mit dem sich das Gebäude öffnen lässt. Ein trefflicher erster Satz ist die Bedingung für ein glückendes Buch. Bei Tine Melzer selbst lautet dieser erste Satz wie eingangs zitiert: «Aus Trotz habe ich in der Badewanne übernachtet, und es war wie Ferien an einem unbekannten Ort.» Darin steckt das ganze Setting, das sechzehn Kapitel lang vorhält. Mal sind diese ersten Sätze kurz und bündig, wie bei Marcel Proust: «Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen.» Mal thematisieren sie das Portal auch inhaltlich, wie bei Peter Weiss: «Ich habe oft versucht, mich mit der Gestalt meiner Mutter und der Gestalt meines Vaters auseinanderzusetzen, peilend zwischen Aufruhr und Unterwerfung» – wobei die Eltern gleich im nächsten Satz als «Portalfiguren» bezeichnet werden.
In jedem Fall gilt: «jeder Anfang verpflichtet», so Tine Melzer. Unter dem Titel «Portalsätze» konzentriert sie sich allerdings auf die linguistisch pragmatischen Aspekte. In einem ersten Teil listet sie einfache Portalsätze auf, um in einem schönen Essay zusammen mit Dorothea Franck die Erwartungen und Folgen zu thematisieren, die dadurch ausgelöst werden. «Wie steuern wir die Interaktion? Welche Reaktion erhoffen wir?» – sind zwei zentrale Fragen, bei deren Beantwortung stets auch Muster, Regeln und «mentale Modelle» mitwirken, die sich auf unsere Erfahrungen abstützen. Indem wir diese Muster «lesen», verschaffen wir uns bei Interaktionen einen ersten Eindruck, der einen Weg dieser Interaktion vorzeichnet, dennoch aber ergebnisoffen bleibt. Der Essay, der aus einem Gespräch der beiden Autorinnen entstanden ist, gibt in schöner Kompaktheit einen erhellenden, lesenswerten Aufschluss über ein alltagssprachliches Phänomen, das wir meist mit unbewusster Souveränität beherrschen; und das mit dem Aufkommen von Sprachmodellen wie dem GPT neue Brisanz erhalten hat.