Allmacht

Abidjan — von Erdbeben, Aufständen aus der Bevölkerung und einem Stromausfall in den unteren Etagen der Stadt heimgesucht — steht kurz vor dem Kollaps. Währenddessen sucht Ali ihre Mutter und eine geheime Zelle arbeitet im Untergrund an einer Maschine, die Gerechtigkeit rechnerisch ermitteln soll. Zu ihrer Vollendung fehlt nur noch ein einziges Teil … Das neue Abenteuer aus Abidjan wirft grosse Fragen auf: Wird durch eine umfangreiche KI die Hoffnung auf die Existenz eines gerechten Gottes obsolet? Was bedeutet Gerechtigkeit? Ist das Leid des Einzelnen gerechtfertigt, wenn dadurch das kollektive Glück der Vielen gesteigert wird? Andreas Kiener lässt diese philosophischen Fragen organisch in die Geschichte einfliessen und entwickelt die Protagonist:innen aus seinem letzten Buch Unvermögen authentisch weiter.
«Eine hochtechnologische Zukun¢, in der künstliche Intelligenz den Menschen zu beherrschen droht. Andreas Kiener erzählt eine sprachlich wie bildsprachlich höchst feinfühlige und zutiefst menschliche Geschichte über die Suche nach Familie, Zugehörigkeit und Liebe, Schmerz, Verlust und Tod. Ein Sci-Fi-Epos, das auch in fünfzig Jahren nichts von seiner Aktualität eingebüsst haben wird.» (Walter Beer, Co-Mix Remix, Comic- und Plattenladen, Luzern)

(Edition Moderne)

Kolossale Bilder, rätselhafte Szenerie

von Beat Mazenauer
Publiziert am 06.05.2024

Andreas Kiener: Allmacht

[...] Ganz andere Wege beschreitet Andreas Kiener in seiner futuristischen Sciencefiction-Geschichte Allmacht. Wo Nando von Arb mit bunten Farben ganz aufs erzählende Ich fokussiert, fächert Kiener die Perspektive weit auf und nimmt mit akribischem Detailreichtum eine verworrene Szenerie in den Blick, die sich als kolossal in die Höhe gebaute Stadtarchitektur erweist. Tausende, ja Millionen von Menschen scheinen sich in dem architektonischen Tohuwabohu ohne Struktur und Ordnung zu tummeln. Antike Portale, mittelalterliche Erker, gotische Fenster und postmoderne Konstruktionen mischen sich mit bunkerartigen Trümmerbauten und verlotterten Slumbehausungen. Ein vertikales Metrosystem verbindet die Hunderten von Stockwerken. Zuoberst auf diesem urbanen Ungetüm erhebt sich eine Plattform, auf der ein dem Petersdom nachempfundener Prunkbau thront: Abidjan – das Zentrum einer abgehobenen Weltherrschaft, die offenkundig kurz vor dem Kollaps steht. Die Menschenmassen lassen sich auf ihrem Weg zum Aufzug immer weniger von den lächelnden Robocops in Schach halten.
Die Geschichte, die Kieners ersten Band Unvermögen von 2021 fortschreibt, erzählt, wie die kleine Ali in diesem Häuserlabyrinth nach ihrer Mutter sucht und sie schliesslich in einem Geheimversteck findet, wo sie den Umsturz vorbereitet. Gemeinsam versuchen sie eine gute KI namens Rob zu retten, um «die Welt gerecht zu machen».
Derweil sich der Herr der Welt die böse Form der KI – sein Lebenswerk – systematisch zerstört, um sich selbst vor ihr zu retten.

Die Erzählung ist indes nicht die Stärke dieser Graphic Novel, sie wirkt, soweit sie überhaupt zu Text wird, hin und wieder etwas sprunghaft und konstruiert. Aber sie fliesst jenseits der Worte in die kolossalen Bilder ein, die mal als ganzseitige Tableaus in gewittriges Gelb oder blass-kühles Blau getaucht sind, mal kleinteilig Details aus dem verwirrenden Gewusel herausschälen. Bei Andreas Kiener scheint eine überbordende Bildfantasie am Werk, mit der er eine alptraumhafte Cyberpunk-Szenerie zusammenpuzzelt, die ihre Wirkung auf die Lesenden nicht verfehlt. Was ist das für eine Welt? Und was für Menschen leben in diesem chaotischen Irrsinn? Mit penibler Sorgfalt für architektonische Feinheiten wie für menschliche Ansammlungen zeichnet Kiener mit Tusche, um die Strichbilder mit blassen Farben und Farbverläufen zu untermalen. Die Palette wechselt zwischen Rot, Rosa, Blau und Gelb – allesamt unwirkliche Tönungen, die nicht den kleinsten Hauch von Grün oder Himmelblau verraten. Die baulichen, urbanen Attraktionen werden immer wieder mit neuen Feinheiten ausgestattet und in neue kühne Blickwinkel gerückt, die schwindeln machen. So eindrücklich diese Welt dadurch wird, so stimmig sie wirkt, so rätselhaft bleibt die ganze Szenerie und mit ihr die Handlung, die sich nur ahnungsweise auflösen lässt. Auf dem Eröffnungstableau mit der Stadt in der Ferne verheisst eine Sprechblase, die auf niemand Sichtbaren verweist: «Es gibt keinen Gott.» Ihm antwortet im Schlussbild, dieselbe Stadtarchitektur nach der infernalen Explosion zeigend, ein lakonisches «Kacke». Es ist vermutlich nicht das letzte Wort in dieser Geschichte. Zumindest eine Trilogie dürfte noch daraus werden.

Aus: «Neue Schweizer Graphic Novels», ein Fokus von Beat Mazenauer, www.viceversaliteratur.ch, 18.06.2024)