Grosswerden und einknicken Roman
Ins Innerste der Welt tauchen? Jona träumt davon. Wenn er in den Sommerferien aufs Meer blickt. Wenn er am freien Schulnachmittag zwischen Schlingpflanzen im See taucht. Wenn er bei seiner grossen Schwester Annina Dokumentarfilme über die Tiefsee schaut.
Im Mittelpunkt der Erde drehen sich leuchtende Tiere im Strudel des Wassers. Ihr Leuchten spiegelt sich an den Diamantwänden. Jona saugt alles auf, was er über diese magische Tiefe in Erfahrung bringt. Er will dorthin reisen, seit er weiss, dass fast alles Wasser unterirdisch verbunden ist.
Dieses Ziel gibt ihm Halt. Vieles ist ihm ungeheuer: die Scheidung der Eltern, der neue Partner der Mutter, sogar sein Freund Petrit. Die anderen Kinder an der Schule sind für Jona fern wie andere Planeten.
Doch als Jona älter wird und lernt, wie die Menschen mit der Welt umgehen, trifft er eine Entscheidung. Denn der leuchtende Wirbel ist in Gefahr.
(Verlag Die Brotsuppe)
Dem Funkeln auf der Spur
Mit seiner Mutter, deren Partner Roman und seiner grossen Schwester Annina fährt Jona nach Italien in die Ferien. Die Drei Fragezeichen und die Lustigen Taschenbücher verlieren für den Jungen schnell ihren Reiz, und er wendet sich zunehmend dem Meer zu. «Wenn ich aufs Meer schaue, erzählt es eine Geschichte.» Das Meer wird für Jona zur Metapher des Eintauchens ins Thema Umwelt. Er stellt fest: «das Reingehen braucht Überwindung, und wenn ich wieder draussen bin, ist es unangenehm.» Immer wieder taucht Jona im Verlauf der Erzählung in etwas ein: Er verliert sich in Lexika, wo er zu den Fragen, die sich ihm stellen, recherchiert. Tiefsee. Quallen. Diamantenstaub. Sein Wissenshunger scheint unstillbar.
Vom Nachbarskind Petrit hört und im Lexikon liest Jona darüber, dass die Tiefe bedroht sei, wenn das Terraskelett, das «Gerüst der Erde», reisse. So könnte die ganze Welt einknicken. Dieses Einknicken wird in von Wyls Roman zur ständigen Bedrohung: Einerseits für die Erdbevölkerung im Grossen, andererseits metaphorisch für den kleinen Jona, der das Erwachsenwerden ebenfalls als Einknicken versteht. Das Reissen des Terraskeletts könnte im Roman herbeigeführt werden durch den Abbau von Diamanten, die im Mittelpunkt der Erde funkeln und gefördert werden. Nachdem Jona zum ersten Mal über die Diamanten liest, ist er wie besessen von ihnen, und verliert sich in den Tiefen seines Nachdenkens.
Jona eckt zunehmend an mit seinem Wissensdurst: Bald können seine Eltern oder seine Lehrerin ihm keine Antworten mehr liefern, die ihn befriedigen. «Es fällt mir auf, wie schnell es geschieht, dass gesagt wird, das sei normal und bleibe so», erkennt der Junge. Dabei reflektiert er gleichzeitig über die Narrative der Erwachsenen. Er erkennt, wie sich das Reden über gewisse Themen mit dem Älterwerden verändert: «Als Kind hatte ich die Furcht, dass nichts Neues mehr käme. Wenn man sich zu weit ins Leben hinausgelehnt hätte.» Jona hat die Sorge, sich im Herauslehnen zu verlieren, ja zu verbiegen im Prozess des Heranwachsens. Der Titel des Buchs wird dabei zur Antithese dessen, was Jona wirklich möchte – denn er möchte weder einknicken noch unbedingt grosswerden.
Nebst der Klima-Thematik dreht sich in Grosswerden und Einknicken viel um die Familienkonstellation: Die Beziehung der Mutter mit deren Partner Roman wird immer angespannter. Die zweiten Italien-Ferien, dieses Mal ohne die Schwester, werden für die Familie zur Qual. Jona wünscht sich nichts sehnlicher, als dass die Situation nicht so aufgeladen wäre. Er flüchtet sich ins Gamen. Dabei wird Schuld für den Jungen im familiären Kontext zu einem wiederkehrenden Thema. Sein Wunsch wäre «[e]in Gutschein, dass ich nichts falsch machen kann. Ein Gutschein für kein Schuldhaben an nichts.» Die familiäre Situation, die in von Wyls Roman nebst dem Klima-Thema viel Raum einnimmt, scheint nicht weit hergeholt zu sein. Immer wieder sprechen kursiv gedruckte Kapitel mit der Überschrift «Heute, hier, jetzt» ein Autor-Du an, das über das Schreiben seiner eigenen Kindheit nachdenkt. Zuletzt erscheint ihm die aufgeschriebene Erzählung «nicht wie eine Textdatei, sondern wie ein Porträt, ein Fotoporträt». Der Frage der Schuld, die in der Erzählung thematisiert wird, möchte dieser angesprochene Autor indes nicht mehr begegnen: «Dabei haben alle die unglücklichen Familien eines gemeinsam: Sie geben ihrer Familie die Schuld. / Das tust du nicht mehr.»
Jonas kindliche Sprache in Grosswerden und Einknicken bringt die Leser:innen immer wieder mit Missverständnissen und Wortschöpfungen zum Schmunzeln. Seine Schwester Annina hat beispielweise eine Läsion, statt eine Liaison, der WG-Hund Schorsch ist ein neuer Fundländer, kein Neufundländer. Die kindliche Sprache besticht mit ihren poetischen Seiten: So bemerkt Jona, dass es ihm besser gefalle, wenn alle zusammen seien, in einer WG, denn WG klinge wie Weg in der Mehrzahl, und das sei ja der Ort, wo man zusammen darauf gehe. Von Wyl gelingt es, überzeugend aus der Sicht eines kleinen Jungens zu erzählen und mit dessen Sprache verspielt gestaltete Bilder zu erzeugen.
In den kursiven Meta-Kommentaren geht es meist um den Schreibprozess, aber ebenso um Überlegungen des erwachsenen Autors und dessen eigene Positionierung in Sachen Klimafragen. Dabei schimmert eine gewisse Hoffnungslosigkeit durch, indem er beispielsweise nachfragt, warum es auf das Ende von allem herauslaufe, ohne die Frage beantworten zu können. Gegen Ende findet sich der frappierende Satz: «Die Realität wird keinen Knall erleben, keinen Moment, in dem alles einknickt. Kipppunkte bedeuten nicht, dass Menschen über eine Kante fallen.» Man könnte dem Autor bei diesem Punkt widersprechen: Zwar stimmt es, dass es keinen spezifischen Moment geben wird, in dem alles kippt; die Menschen werden jedoch über eine Kante fallen – nur einfach extrem langsam.
Der Roman zeichnet die Zukunft dystopisch und gibt den Kipppunkten ein Bild: Aufgrund des Klimawandels kommt es vermehrt zu Krebserkrankungen, oder Seen beginnen zu Überlaufen. Letzteres passiert beim Dorf, wo Jonas Eltern wohnen. Grund dafür könnte sein, dass ein Tiefengewölbe gebrochen sei. Im späteren Leben malt Jona immer wieder ein apokalyptisches Bild, und prophezeit, dass die Katastrophe unmittelbar bevorstehe. Er kritisiert alle, die nicht an den wissenschaftlichen Konsens des Endes glauben. Als Erwachsener unternimmt Jona dann eine Reise zum Mittelpunkt der Erde, gesponsert von seinem alten Schulfreund Petrit, der mittlerweile Unternehmer geworden ist, und die kostspieligen Reisen organisiert.
Mit seinem vierten Roman legt von Wyl einen ausdrucksstarken Klimaroman vor, dessen junger Protagonist auf eine kluge Weise zu den Leser:innen spricht und gesellschaftliche Strukturen aus einer vornehmlich kindlichen Sicht hinterfragt. Der Autor zeigt mit dem Werk auf, wie die Erwachsenen versagen: indem sie nicht festhalten an der Welt, die ihnen alles ist, und ihnen einen Boden unter den Füssen bietet. Grosswerden und Einknicken hinterlässt ein Echo, das an einen kurzen, leicht zu überlesenden Satz aus dem Metakommentar gemahnt, der die Botschaft des Werkes verdichtet zusammenträgt: «Das Funkeln gibt es, überall, wenn es nicht in der Tiefe liegt.»