Sang von einem Drucker und Siedler
Sang von einem Drucker und Siedler ist eine biografische Ballade über den Kommunisten Fritz Jordi (1885–1938). Im elterlichen Betrieb in Belp zum Drucker und Setzer ausgebildet, begeistert sich Jordi auf seinen Wanderjahren für den Sozialismus, gründet einen Verlag, führt eine Genossenschaftsdruckerei und lässt sich schliesslich im Weiler Fontana Martina im Tessin nieder, um eine «Lebens- und Arbeitsgemeinschaft» aufzubauen.
Andri Beyeler erzählt in Texten und Illustrationen bewegend von einem Menschen, der für seine Positionierung einen hohen Preis bezahlt: ein ständiges Balancieren zwischen Ideal und Realität auf beruflicher, politischer und privater Ebene, was ein Leben in ärmlichen Verhältnissen und Ärger mit staatlichen Organen mit sich brachte.
Das Buch handelt so auch von existenziellen Themen, die weit über die Person Jordis hinausweisen: die Suche nach einem sinnhaften Leben und Arbeiten und die Sehnsucht, die grossen Ideale im Kleinen zu verwirklichen.
Ein stetes Auf und Ab
Fritz Jordi (1885-1938) war ein «Schpinnsiech». Er war Kommunist und Aktivist, Drucker und Handwerker, Pionier und Siedler, Familienvater und von den Behörden scheel beargwöhnter Bürger. All das vereinte er in einem einzigen Leben, das äusserlich besehen dennoch unspektakulär verlief, weshalb er nur als Randfigur in die Geschichte eingegangen ist.
De ältisch vo de drei Söhn,
gebore im April elf,
heisst Fritz.
Sein Vater Friedrich war Schriftsetzer und hatte in Belp eine Druckerei aufgebaut. Zwei seiner Söhne erbten die Leidenschaft fürs Drucken und sind diesem Metier treu geblieben. Während Eugen den Weg des Kleinunternehmers einschlägt und die väterliche Druckerei weiterführt, verzettelt sich Fritz dagegen schnell in unendlich vielen kleinen Projekten. Er druckt für die Arbeiterpresse und für linke Bewegungen, denen er sich zugehörig fühlt, er ruft auch eigene Blättlein und Publikatiönchen ins Leben, mit mal satirischer, mal lebensreformerischer, mal politischer Richtung – zum Beispiel die «künschtlerisch-literarischi Wucheschrift» mit
pädagogischi, ethischi Aritkel
uf dialäktischer Methode
mit materialistischer Grundlaag.
Es verwundert daher kaum, dass die Behörden in ihm einen Aufrührer, Dienstverweigerer oder Unterstützer ausländischer Agenten sehen, ihn deshalb einvernehmen, verurteilen und einbuchten. Mangels grober Vergehen fallen die Strafen gering aus, mitunter wird er auch freigesprochen. Trotzdem leidet Fritz Jordi beruflich und wirtschaftlich unter den Schikanen. Er meldet Konkurs an, verkauft die eine Druckerpresse, um anderswo wieder eine neue zu erstehen, doch ein kontinuierlicher Betrieb ist so kaum möglich. Als seine geduldige Frau Ida krank wird, zieht er mit ihr und den Kindern ins Tessin, wo Ida gesunden soll, aber allzu früh verstirbt.
In Fontana Martina oberhalb von Ronco bei Ascona baut Fritz Jordi schliesslich ein baufälliges Anwesen mit Garten aus. Natürlich kommt auch eine Druckerei ins Haus, um die vielen Ideen zu Papier zu bringen. Zahlreiche Mitstreiter und Mitstreiterinnen aus dem linken Polit- und Kunstmilieu der 1920er und 1930er Jahre besuchen ihn, helfen ihm manchmal finanziell über die Runden oder tragen zu seinen Blättlein bei.
Fritz Jordis Leben ist ein wildes Auf(bauen) und Ab(setzen). Der idealistische Elan wird immer wieder durch Nöte, Niederlagen oder Unwetter gebrochen, die das Anwesen heimsuchen. Aufgeben mag er nicht, Fritz Jordi ist ein echter Pionier, der sich nicht so leicht bezwingen lässt – ausser durch den Tod, der ihn allerdings schon mit 53 Jahren einholt, kurz nachdem die letzte Nummer des Blättchens «Siedler im Tessin» erschienen ist.
Dä üsserlich verwildereti Mänsch
heg bis zum letschte Tag
geischtig suuber kämpft
schriibt zwei Täg nochem Tood vo im
de Hans Brunner ime Brief,
en verchoonige Puur,
wo d Wält gseh heg
mit de scharfe Auge vome Proletarier,
wo Bscheid weiss.
Dieser Nachruf ist typisch für die Quellen, auf die sich Andri Beyeler abstützt. Briefe von Zeitgenoss:innen gehören ebenso dazu wie Archivaufzeichnungen; immer wieder zitiert er auch aus Berichten und Protokollen von Prozessen, Ermittlungen, Einvernahmen und Hausdurchsuchungen. Die Behörden hielten ein wachsames Auge auf den linken Drucker und Aktivisten.
Wie schon in seinem ersten Buch Mondscheiner hat Beyeler auch für dieses zweite Buch eine spezielle Form gefunden: einen «Sang» zwischen frei rhythmisierter Ballade und Graphic Novel. Aufgrund der Quellenlage verzichtet Beyeler darauf, Fritz Jordis Persönlichkeit psychologisch auszupolstern. Vielmehr besinnt er sich auf eine einfache, zuweilen fast administrativ nüchterne Sprache, mit der er Jordis Werdegang aus Briefen, Zeugnissen von Bekannten und Dokumenten aus dem Archiv erzählt. Daraus entsteht ein vielstimmiges Bild des Protagonisten, das eingebettet ist in den historischen Kontext. Die so vielfältigen wie engagierten linken Bewegungen in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts brachten allerdings nur wenige Namen hervor, die heute noch Bekanntheit haben. Ihr leidenschaftliches Engagement war ganz der unruhigen Epoche verhaftet, die gezeichnet war durch die Oktoberrevolution und den heraufdämmernden Faschismus, durch den Landesstreik, die Wirtschaftskrise und damit verbunden die Not der Arbeiterschaft. An der Kristallisationsfigur Fritz Jordi macht Andri Beyeler diese scheinbar weit zurückliegende, fast gänzlich vergessene Epoche fest, indem er die existenziellen Nöte am Rand der historischen Umbrüche beleuchtet.
Fritz Jordi war Drucker von Beruf – das verpflichtet auch Autor und Verlag, diesem Metier mit aller Sorgfalt gerecht zu werden. Sang von einem Drucker und Siedler präsentiert sich denn auch als ein ausgesprochen schöner Band im Grossformat mit Prägedruck, Fadenheftung und hochwertigem Papier, der notabene in der Druckerei Jordi in Belp gedruckt worden ist. Beyeler hat sein Suchbild in 34 Kapitel unterteilt, die jeweils eine Bild- und eine Textseite umfassen. Die Bilder hat Beyeler «i Holz« geschnitten, wie es für die erwähnte Wochenschrift vorgesehen war. Diese Holzschnitt-Collagen in Schwarz werden durch markante Details in Rot akzentuiert. Zu jedem der Bilder gehört ein Lebenskapitel, das der biografischen Chronologie folgt und hin und wieder gerne den Ton der damaligen Zeit aufnimmt.
Vor allem aber schreibt Andri Beyeler in einem markanten Dialekt. Er stammt aus Schaffhausen und wohnt in Bern. er verfällt, wie Stephan Ramming im Nachwort bemerkt, schreibend «ins dezidiert Klettgauerische als Sub-Derivat des Schaffhauserdeutschen». Allerdings reizt er diesen Dialekt nicht so stark aus, dass er sich in den Vordergrund drängen würde. Seine Erzählung bleibt jederzeit gut verständlich, aber sie macht welewäg eine Reibungsfläche zwischen der Schreibsprache und dem literarisch geläufigeren Berner Dialekt von Fritz Jordi spürbar. Das verleiht dem Buch einen zusätzlichen Reiz. Mit den freien Versen bewegt sich Beyelers Porträt zwischen balladeskem Sang und bebilderter Graphic Novel. Im Zentrum aber steht unwidersprochen der Drucker und Siedler, die Kristallisationsfigur, in der sich die grossen Ideen und kleinen Nöte vor hundert Jahren spiegeln.