Verheißenes Land Gedichte
Die Passkontrolle ist vorbei, die Passagiere treten ins Mittagslicht. Die Reise durch Israel und Palästina beginnt. Sieben Tage dauert sie. Vorbei an Barrieren, Grenzposten, Mauern führt sie auf die Zinnen einer Altstadt. Sie führt in die bunte Vielfalt eines Suks, sie führt in das Quartier orthodoxer Gläubiger, sie führt in besetzte Gebiete. Eine verlassene Mühle kommt in den Blick, die Stimme eines Vertriebenen ist zu hören, eine schattige Eiche lädt zum Verweilen ein.
Das Ich, unterwegs zu Fuß, mit Auto oder Bus, wird gewahr, wie sich ihm ein alter Kulturraum öffnet, der keine festen Grenzen kennt und in vorbiblische Zeiten zurückreicht. Gleichzeitig wird es von der politischen Hochspannung, die das Land im Griff hat, erfasst.
Rudolf Bussmann hat Israel und die Westbank 2018 bereist und die Niederschrift des Buches vor dem Überfall der Hamas vom Oktober 2023 beendet. Seine Gedichte begegnen den Widersprüchen und Konflikten mit einer Sprache, die in starken Bildern Schönheiten genauso wie Abgründe dokumentiert. Sie holen die Vision vom verheißenen Land aus der Versenkung und versuchen ihr in einem eindrücklichen Statement neue Konturen zu geben.
(Edition Bücherlese)
Rezension
Persönliche Erfahrung und politische Krise haben sich auf Rudolf Bussmanns Reise in den politischen Hotspot Nahost überkreuzt. 2018 besuchte er Israel und die Westbank und überbrückte so für sich den tiefen Graben zwischen Tel Aviv und Hebron. Diese Reise reflektiert er in lyrischer Form in einem siebenteiligen Zyklus, der mit Verheissenes Land überschrieben ist. Die Metapher des Brückenschlags klingt freilich grossartiger, als es die Situation erlaubt. Vielmehr zeigt dieser Band einen prekären Steg zwischen zwei Hotspots, die schon vor dem Überfall der Hamas im Oktober 2023 hochgradig entzündbar waren. Allenthalben herrschten Unverständnis und Unrecht, offene Gewalt und hinterrücks Rache.
Für den Besucher aus der Schweiz ist das eine erschreckende Stimmung: «Kaue am Wort Freiheit, bis es zerbricht.» In den sieben Tagen entdeckt er im Tel Aviver Kunstmuseum ein «Reich aus Helle und Himmel», dem unweit ein Gegenreich aus Schatten kontrastiert. Er lernt mutige Menschen auf beiden Seiten kennen und ihre Situation verstehen, ohne dass der Besucher offenkundig Partei ergreift – ausser für Menschlichkeit und Gerechtigkeit. Im beeindruckenden Prosagedicht «Zwei Bohrkerne», variiert Bussman die zwei Perspektiven auf die Geschichte, indem er sie in zwei Spalten gegeneinander schneidet. Von ferne an Colum McCanns herausragendes Buch Apeirogon erinnernd, spricht er im einen der zwei «Magmagänge» von Krieg und Provokationen und setzt im anderen die Idee von Versöhnung und Frieden dazu. Diese beiden «Magmagänge», die allerorts an die Oberfläche dringen, befördern auch beim Besucher unterschiedliche Gefühle. So lässt er den einen auf «meine Hoffnungslosigkeit» enden, den anderen auf «mein Jubel» – im Klaren darüber, dass sie sich nicht aufeinander reimen.
Das »verheissene Land» verheisst momentan nichts Tröstliches. Vorab die Tage fünf und sechs, die dem Besuch auf der Westbank gewidmet sind, sind eindrücklich in ihrem Bemühen, die so gegensätzliche Stimmung weniger zu verstehen als einfach dichterisch festzuhalten. Er spricht mit einem Siedler, der alles hat und nur eines braucht: «Frieden, Freiheit, Freundschaft». Er erzählt von einem Soldaten im Kampf, und er begegnet einer palästinensischen Familie, die ihr Haus verlassen musste, den Schlüssel dazu aber «gut behütet und von Vater zu Sohn» weitergibt.
Auf viele seiner Fragen erhält der Besucher drei variierte Antworten:
Schaut dieses ausgebrannte Haus. Kennt ihr den Grund des Feuers?
Der Blitz war es vom letzten Sommer.
Der Richtende in seiner Strenge.
Ein Geschoss.
Der biblische Tonfall, auf den Bussmann hin und wieder zurückgreift, etwa in Form von akzentuierenden Umstellungen im Satzgefüge, mutet im lebhaften Tel Aviver Kapitel mitunter etwas seltsam an, doch angesichts der tief von Hass und Gewalt zerwühlten Westbank klingt er angemessen. Zwischen prosaischen und lyrischen Gedichten wechselnd und auch mit ungewöhnlichen lyrischen Formaten spielend sucht sich Rudolf Bussmann einen Eindruck zu verschaffen, ohne die Illusion einer Lösung.
Aus: «Mit der Zeit, gegen die Zeit. Gedichte von Sibylle Berg, Franz Dodel, Jürgen Theobaldy, Rudolf Bussmann und Leonor Gnos.» Ein Fokus von Beat Mazenauer, 20.01.2025.