Wie der Hase läuft
Roman

Amsterdam, 1943: In einer Bäckerei fällt ein Schuss, hinter dem Tresen stirbt ein junger Mann. Seine Witwe, fast noch ein Kind, flieht in die Schweiz. Fünfzig Jahre später verlässt im Basler Hinterland ein Familienvater Frau und Kind, in der gleichen Nacht liegt eine Frau zwischen zwei Dörfern tot am Strassenrand.
Jahrzehnte später begegnen Teresa und Mirco einander. Sie verlieben sich und versuchen sich an ihre Kindheit zu erinnern, die geprägt war von Verlust und Schweigen. Mirco hat Angst, dass die Vergangenheit sich wiederholt, wenn man sie nicht ruhen lässt. Aber Teresa begibt sich auf Spurensuche und erschafft Stück für Stück ihre gemeinsame Geschichte.
In ihrem neuen Roman entfaltet Rebekka Salm ein Panoptikum aus Geschichten und Erinnerungen zweier Familien, die sich nicht erinnern wollen – und die doch, ob’s ihnen gefällt oder nicht, Teil einer grossen Erzählung sind.

(Knapp Verlag)

Geschichte und Geschichten

von Ladina Caduff
Publiziert am 16.05.2024

Wer schon einmal einen Fuss in eine Brockenstube gesetzt hat, weiss, dass da manchmal ein muffiger Geruch in der Luft hängt, der davon zeugt, dass die herumstehenden Dinge schon älter sind und ihnen eine Geschichte innewohnt. Dass Rebekka Salm die Eröffnungsszene ihres jüngst erschienen Romans in einer Brockenstube ansiedelt, dürfte nicht ganz dem Zufall geschuldet, sondern poetologische Absicht sein. Denn in diesem nach dem vielbeachteten Erstling Die Dinge beim Namen erneut bei Knapp erschienenen zweiten Roman Wie der Hase läuft stellen Geschichte und Geschichten gewissermassen die Essenz dar.

Die Hauptfigur Teresa Köhler arbeitet seit drei Jahren in der Brockenstube. Sind sich Kunden unschlüssig, ob sie ein Objekt kaufen möchten, beseitigt Teresa ihre Zweifel mit einer kleinen Geschichte, die «(…) dem Trödel etwas verleiht, das über Gebrauchsspuren hinwegtäuscht: Bedeutung.» Bedeutung ergibt sich aus dem Kontext, und Teresa erschafft Kontext, indem sie einen Blick in die Vergangenheit wagt, nicht nur beim zum Verkauf stehenden Küchenbuffet oder der Wanduhr, sondern auch bei ihr selbst.

Mit Mirco steht sie kurz davor, eine Familie zu gründen. Sie hat jedoch auch ihre Zweifel, weil sie zuerst ihre und Mircos Familiengeschichte erforschen möchte, bevor sie sich für ein gemeinsames Kind entscheidet. Zu ergründen gibt es viel, denn Lücken sind auf jeder Seite einige vorhanden. Und so wird Teresas Suche nach Antworten auf die Leerstellen in beider Familiengeschichte zum Ausgangspunkt dieses knapp zweihundertseitigen, kraftvollen Romans.

Die (Familien-)Geschichte beginnt im Jahr 2022 und führt durch mehrere Generationen hindurch von Basel zurück bis ins Jahr 1943 nach Amsterdam, und wir lernen dabei Eltern und Grosseltern, Geliebte, Freunde und Feinde kennen. Teresa begreift das Erzählen «als einen Akt des Verstehen-Wollens», und so macht der Sog dieser Zeitreisen den Leser automatisch zum Komplizen von Teresas «Ursachenforschung». Dabei gelingt es der Autorin, die Spannungskurve so anzulegen, dass man bis zur letzten Seite fieberhaft weiterliest. Salm beherrscht ihr dramaturgisches Handwerk allemal. Raffiniert werden Zusammenhänge zwischen den unterschiedlichen Kapiteln hergestellt, wo man sie zunächst gar nicht vermutet und wo sie manchmal auch verblüffen.

Es sind Teresas Fragen und Mutmassungen über Zusammenhänge, die die Geschichte(n) antreiben. Bei der Wohnungsauflösung von Mircos Grossmutter Emma in Amsterdam stösst Teresa auf Dinge, an denen sie sich für ihre Recherchen festklammert. Da lesen wir zum Beispiel von einem deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Er erschiesst den ersten Mann von Mircos Grossmutter in dessen Bäckerei. Ist es möglich, dass dieser Soldat Teresas Grossvater war? Zumindest glaubt Teresa das herausgefunden zu haben. Und wie ist Teresas Vater mit Mircos verunglückten Mutter verstrickt? Wer ist Mircos Vater? Plötzlich sind zwei Familiengeschichten miteinander verwoben.

Salm hat für ihre Geschichte eine ganz eigene Handschrift gefunden. Die Autorin schreibt stilsicher, klar und metaphernreich. Manche Szenen werden so plastisch geschildert, dass man sie wie auf einer Kinoleinwand direkt vor Augen hat. Beispielsweise die eben genannte Ermordung von Bäcker Cees, der laut singt, weil er Judenkinder in der Amsterdamer Backstube versteckt hat und deren Geräusche übertönen möchte. Solche Szenen gehen unter die Haut und hallen nach, auch wenn man den Roman längst weggelegt hat.

In Wie der Hase läuft gibt uns die Autorin auch indirekt eine Antwort darauf, wie Lücken in der (Familien-)Geschichte entstehen: Wo das Leid und der Schmerz zu gross sind, wo Schambehaftetes passiert, wo gesellschaftliche Regeln gebrochen werden, wo die Moral versagt, dort werden Geschehnisse und Geschichten verdrängt und verschwiegen. Über diese schmerzhaften Leerstellen schreibt Salm: Über Krieg und Emigration, Ehebruch, Alkoholsucht, Homosexualität und die Angst vor einem Coming-out, Suizid, abwesende Väter, plötzliche Verluste, rigide Erziehungsmethoden, Ängste, Zweifel, Unausgesprochenes …

Salm hat für ihren Roman an Figuren nicht gespart, was für den Überblick der Lesenden manchmal zur Herausforderung wird, aber gleichzeitig notwendig für alle Verstrickungen im Text ist. Aber wie verwickelt sind diese Figuren wirklich miteinander? Alle Familienmitglieder, die nicht bereits tot sind, verunsichern Teresa in ihren Behauptungen: «In diesem Nichtwissen sind sich alle einig. Sobald ich aber die Leerstellen fülle, wenn ich Kausalitäten herstelle, Wahrscheinlichkeiten benenne, sind sich alle verbliebenen Familienmitglieder einig, dass es so ganz sicher nicht gewesen sein kann.»

Teresas Grossvater hat einst bei der Hasenjagd zu ihr gesagt: «Wenn du wissen willst, wohin der Hase läuft, musst du wissen, aus welcher Richtung er kommt.» Und so müssen sie und Mirco nun gemeinsam entscheiden, was Teresas Recherchen für ihre Zukunft bedeuten. Letztendlich spielt es aber gar keine so grosse Rolle, wie wahr das ist, was Teresa über beide Familien herausgefunden zu haben meint. Salm zeigt uns in ihrem klugen, geschichtenreichen, manchmal auch traurig anmutenden Roman, dass jede Generation aufs Neue die Chance hat, ihre Geschichte(n) anders, neu zu schreiben, es besser zu machen als unsere Mütter und Väter, Grossmütter und Grossväter, und dass es auf jeden Fall besser ist, über Dinge zu sprechen als sie stillzuschweigen.