Das Leben ist die grösstmögliche Ruhestörung
Roman

Matylda Żelichowska, achtundfünfzig, ist nach ihrer Scheidung Multimillionärin geworden. Sie hat ein bewegtes Leben hinter sich, ist eine schillernde, manchmal nervige, sensible, phantasievolle, aber auch selbstkritische Person. Nachdem unvorteilhafte Bilder über sie in der Klatschpresse erschienen sind, erleidet sie einen psychischen Zusammenbruch und verkriecht sich in ihrer Luxuswohnung. Auch mit ihrer besten Freundin, der Galeristin Antonia, gerät sie in Konflikte.
Täglich tröstet sie sich mit der Beobachtung des Flusses, der unter ihrem Fenster vorbeifliesst, giesst ihre Pflanzen, isst wenig, trinkt viel Alkohol. Ab und zu vergibt sie Gelder durch ihre Stiftung zur Förderung von Kunst und Literatur. Die Arbeit ermüdet und langweilt sie. Zuweilen wandert sie nachts durch die Stadt und wird dabei Zeugin seltsamer Machenschaften.
Um der wachsenden Einsamkeit zu entfliehen, reist Matylda in ihr Heimatland Polen. Der Besuch bei ihrer Tante und die Spurensuche im Schatten der Vergangenheit ihrer Familie gestalten sich schwierig. Nichts ist mehr so, wie sie es sich vorgestellt hat. Matylda muss sich endlich ihren Dämonen stellen.

(Lenos Verlag)

Selbstverteidigung mittels Bissigkeit und Humor

von Ruth Gantert
Publiziert am 11.09.2024

Julia Kohlis zweiter Roman Das Leben ist die grösstmögliche Ruhestörung (Lenos Verlag) beginnt mit einer Ohnmacht. Die 57-jährige Kulturmäzenin Matylda Żelichowska bricht ausgerechnet an der Vernissage eines von ihr unterstützten Künstlers in der Zürcher Galerie ihrer Freundin Antonia zusammen und wacht erst im Krankenhaus wieder auf. Der Arzt diagnostiziert eine Altersanorexie, die Freundin eine Depression. Matylda selbst will einfach nur Ruhe, «so viel Ruhe wie nur möglich: akustisch, visuell, olfaktorisch, haptisch». Doch das Leben erfüllt, wie schon der Titel des Romans verkündet, diesen Wunsch in keiner Weise. Schon früh hat es Matylda einiges zugemutet: vaterlos in Warschau aufgewachsen, lebte sie nach dem Tod der Mutter bei Grossmutter und Tante. Die Ehe mit dem reichen und schönen Schweizer Cédric schien vielversprechend, sie erlaubte ihr die Flucht aus festgefahrenen Strukturen im katholischen Polen. Das Paar liess sich im vornehmen Zollikon bei Zürich nieder. Doch der Mann erwies sich als eine Enttäuschung, «kleinkariert und mittelmässig wie das Land». Immerhin bleiben Matylda nach der Scheidung ein prall gefülltes Bankkonto und eine Wohnung am Zürcher Schanzengraben, in der sie sich mit schönen Dingen umgibt, denn sie gehört zu den Leuten, «die Objekten etwas mehr Liebe schenken, als noch sympathisch ist.» Dort lebt sie nun alleine, entscheidet über Unterstützungsgesuche hoffnungsvoller Kulturschaffender, die sich an die von ihr gegründete Stiftung wenden, und empfängt ab und zu für eine Nacht ihren fünfzehn Jahre jüngeren Anlageberater.
Matyldas Kreislaufkollaps trägt ihr nicht nur eine Gehirnerschütterung ein, sondern bringt auch einiges in Bewegung: Er führt indirekt zu einem Zerwürfnis mit der Freundin, zu einer Gruppentherapie, zu einer Reise nach Warschau und sogar zum mysteriösen Kriminalfall eines Kunstraubs, im Zuge dessen Aufklärung unter anderem Dürers 1940 verschollenes Bild «Trauriges Hermelin» wieder auftaucht.

Die Geschichte unterhält und amüsiert bestens. Nach ihrem Romanerstling Böse Delphine (Studer/Ganz-Preis 2018, Lenos Verlag 2019) gelingt Julia Kohli erneut das Kunststück einer Ich-Erzählerin, deren Beobachtungsgabe für Mensch und Natur, deren kluge, witzige und böse Bemerkungen über die Gesellschaft und insbesondere das Kulturmilieu ins Schwarze treffen. Matylda ist dreissig Jahre älter (und um 120 Millionen reicher) als die Buchhändlerin und Studentin Halina aus Böse Delphine, doch sie teilt ihre Wut und ihren Trotz, ihre Kritik und ihren Spott für andere wie für sich selbst. In lebendigem Rhythmus wechseln Erzählung und Dialog, Erinnerungen und Träume, Gedanken und Vorstellungen einander ab. Bald lustig, bald tiefsinnig sind insbesondere die Gespräche zwischen Matylda und ihrer imaginären Therapeutin, Frau Wunderli.

Dabei stellt der Roman bei aller Satire ernsthafte Fragen, die zu komplex sind für simple Antworten, und die lange nachhallen. Wie kommt es – auch heute noch –, dass aus einem fantasievollen, fröhlichen, selbstbewussten kleinen Mädchen eine Frau wird, die sich vor allem mit ihrer Wirkung auf andere beschäftigt und deren Hauptsorge es ist, ihre in Kalorien berechnete Energiebilanz bei Null zu halten? Wie kann eine Feministin, die Simone de Beauvoir (und vieles mehr) gelesen und verstanden hat, dennoch patriarchale Sichtweisen reproduzieren und sich selbst und andere Frauen abschätzig betrachten? Und sind Aufrichtigkeit, Freundschaft und Solidarität zwischen Frauen trotz allem möglich? Im Zentrum dieser Thematik der weiblichen Sozialisation stehen Erfahrungen der Scham, die Matyldas Leben – aber auch das der Frauen in ihrer Umgebung – begleiten. Das Gefühl, nicht schön, klug, gut gekleidet oder praktisch genug zu sein, nicht die richtige (oder keine) Sexualität zu haben, als Ausländerin nicht zu wissen, was sich «gehört», beruht auf traumatischen Erfahrungen der Beschämung, die eindrücklich geschildert werden.

Eigentlich ist meine ganze Existenz auf Scham aufgebaut. (139) […]
Ja, ich glaube, dieses Beschämen … es steht mitten im Kern deines Wesens, dort, wo du eigentlich mit dir im Reinen bist, vielleicht ist es das. Der Beschämer beschmutzt dein Innerstes. (140)

Ob in Polen, in der Schweiz oder anderswo – Gesellschaften entwickeln und verändern sich. Damit verändern sich auch die Bedingungen, die Mittel und die Art des Beschämens; die «Beschämer» allerdings scheinen nicht weniger zu werden, eher im Gegenteil. Daher stellt sich die Frage nach möglichen Reaktionen der Beschämten: Wie könnte es gelingen, sich weniger abhängig zu machen vom Urteil anderer? Wie wäre es möglich, Demütigungen standzuhalten, ohne sich selbst zu betäuben oder zu zerstören? Julia Kohlis Roman ist unter anderem ein erfrischendes Zeugnis der Selbstverteidigung mittels Bissigkeit und Humor. Oder, wie es Matyldas Freundin Antonia salopp ausdrückt: «Solange du klugscheissen kannst, besteht jedenfalls Hoffnung.»