Herz aus Sand
Roman

Kurzkritik

Nur der Augenblick zählt. Wer sich erinnert, gilt als einer, der auf der Flucht vor dem früheren Leben ist. So sind die ungeschriebenen Regeln im UN-Wüstencamp, das Daniel Goetsch im Roman Herz aus Sand beschreibt. Tatenlos müssen die UN-Beobachter zusehen, wie das benachbarte Flüchtlingslager in Dreck und Hoffnungslosigkeit versinkt. Zutritt dazu haben sie nicht, sie wachen bloss darüber, dass nichts geschieht. In ihrer Containersiedlung vertreiben sie sich mit Nichtstun, Drogen und persönlichen Animositäten die Zeit. Auch Frank, der Ich-Erzähler, gibt sich entsprechend hart und unerschütterlich. Heimlich aber tippt er seine wechselvolle, unglückliche Liebesgeschichte in den Computer ein, vor der er geflohen ist. Daniel Goetsch gelingt es vorzüglich, diese Stimmung zwischen Melancholie und Elend einzufangen, welche die UN-Beobachter in menschlichen Zynismus herabzieht – oder zu stillem Aufruhr anstachelt. Der Erzähler beschreibt diese Stimmung mit zuweilen ätzender Gemächlichkeit. Gerade weil nichts passiert, steckt in diesem Roman eine flirrende Intensität. (Beat Mazenauer)