Fest Roman
»Liebeswahn fühlt sich an wie das Ausmalen eines Höllenbildes. Jede Hexe, jedes Raubtier, jedes Feuer füllst du mit Farbe.«
Während andere Leute einen blauen Himmel wahrnehmen, ist er für Noëlle orange. Der Baum, zu dessen Wurzeln sie kleine Zettel mit dem Namen David darauf vergräbt, ist ultramarin, nicht grün. Noëlle meint, mit Tieren reden zu können und die Blumen zu verstehen. Immer wieder sucht sie die Hexe Muira auf und lässt sich von ihr Kerzen, Steine und Amulette aufreden, die David zu ihr bringen sollen.
Noëlle befindet sich in einer psychiatrischen Klinik im Kanton Jura, in die ihr Gatte Bertram sie gefahren hat, da sie seit fünf Jahren einem Mann namens David verfallen ist, der sich seit einigen Monaten nicht mehr bei ihr meldet. Noëlle, die nicht weiß, dass sie wahnkrank ist, wähnt sich im Ferienhaus von Bertrams Mutter, wo sie sich von den letzten anstrengenden Jahren erholen will. Zwar erkennt sie, dass sie bei einem Psychiater in Behandlung ist, doch weder sieht sie den Klinikalltag noch die anderen Patienten um sich herum.
Als Noëlle die Medikamente absetzt, nehmen ihre Symptome wie innere Unruhe und Stimmen hören zu, und sie beginnt zusehends, die Patienten und das Klinikum zu erkennen. Doch sie ist nicht gewillt, den Wahnsinn gänzlich aufzugeben, denn das Spiel um Wirklichkeit und Einbildung hält auch eine persönliche Form von Freiheit für sie bereit.
»Fest« handelt von einer schmerzhaften Liebe, die zu emotionaler Abhängigkeit, Realitätsflucht und Identitätsverlust führt. Zindel macht in »Fest« die Erschütterungen in der Psyche einer liebeskranken Frau mit formalen Mitteln, die an einen vielfach geschliffenen Kristall erinnern, eindringlich erfahrbar.
Im wahnhaften Wirbel der Obsession
Mireille Zindel ist mittlerweile eine Kennerin dunkler Winkel menschlicher Seelen: Seit ihrem ersten Roman Irrgast erkundet sie zwischenmenschliche Liebesbeziehungen und macht diese zum Thema ihrer Werke. Dabei schaut die Autorin jeweils dorthin, wo die Liebe schmerzt und so einiges von den Menschen abverlangt. Anfang dieses Jahres ist nun Zindels fünfter Roman bei lectorbooks erschienen, der die Psyche einer in emotionale Abhängigkeit geratenen Frau ausleuchtet.
Fest erzählt die Geschichte von Noëlles obsessiver Liebe zu David. Die beiden haben sich vor fünf Jahren kennengelernt und eine Affäre miteinander begonnen, obwohl sie verheiratet waren. Was mit leidenschaftlichen Treffen begann, ist allerdings bald zu einer einseitigen Liebe geworden. David meldet sich kaum mehr bei Noëlle, während ihr Bedürfnis nach Kontakt unverändert gross bleibt. Ständig beobachtet sie seine Tätigkeiten in den sozialen Medien, meint, in seinen Facebook-Posts Botschaften zu entschlüsseln, die vermeintlich an sie gerichtet sind, und klammert sich an seine ephemeren, aus der Gunst des Augenblicks entstandenen Liebesbekundungen von früher. Weder ihr Psychiater noch ihre Freunde vermögen Noëlle davon überzeugen, dass sie ohne David leben kann, und schon bald dominiert ihr unerschütterlicher Liebeswahn jede einzelne der 400 Seiten dieses Romans.
Man ahnt rasch, dass die Protagonistin verzweifelt nach dem sucht, was zwischen David und ihr wohl schon länger nicht mehr vorhanden ist: gegenseitige Liebe. Diese Verzweiflung nimmt im Verlauf des Romans immer groteskere Züge an, sogar vor dem regelmässigen Besuch einer Hexe schreckt die unglücklich Liebende nicht zurück. Hexe Muira schürt Hoffnung auf eine Wiedervereinigung und rät Noëlle, Zettelchen mit Davids Namen zu vergraben, verkauft ihr Wunschkerzen oder legt für sie Orakelkarten. Wenig überraschend bringen diese Massnahmen David jedoch nicht zurück, steigern aber Noëlles wahnhafte Obsession zusätzlich. Im Ferienhaus ihres Gatten im Jura möchte sie eigentlich zur Ruhe kommen, doch dieses Ziel entzieht sich ihrer Kontrolle. Als wäre das alles nicht genug, ist da auch noch ihr Verlag, der sich permanent nach dem Fortschritt ihres im Entstehen begriffenen Romans erkundet.
Noëlles ganzes Leben wird von ihrem Liebeswahn eingenommen. Ihr zwanghaftes Gedankenkreisen um David zieht auch die Lesenden in den beklemmenden Gefühlsstrom hinein. Man realisiert: Zwischen den Zeilen drängt sich eine Diagnose auf; Noëlle ist krank. Dass es sich bei ihrem Verhalten um eine Krankheit handelt, wird spätestens dann klar, als sich herausstellt, dass das vermeintliche Ferienhaus im Jura in Wahrheit eine psychiatrische Klinik ist, wo Noëlle wegen einer Psychose behandelt wird.
Zindel geht mit Fest an die Grenzen des Lebens, bis dieses buchstäblich auf der Kippe steht. Die Autorin experimentiert aber auch mit den Grenzen des Erzählens. Plötzlich findet man sich in einer Klinik vor, die man vorhin für einen Ferienort gehalten hat und fragt sich, inwiefern man der Erzählinstanz trauen darf. Dieses Setting erinnert an Dürrenmatts Physiker. Das der Figurenperspektive folgende, krankheits- und medikamentenbedingte Vexierspiel von Realität und Fiktion zieht sich durch die Lektüre hindurch und hat einen Reiz für sich, bleibt jedoch das Beste an dem Roman. Dieser weist auf gewisse Schwachstellen seiner Konstruktion im ersten Teil gleich selbst hin. So heisst es an einer Stelle: «Dieses Buch wird aus losen Szenen bestehen, fortlaufend bis ganz zum Schluss.» Zwar bildet Noëlles Liebesobsession den roten Faden des Textes und ordnet damit alle Szenen in den Kontext ein, doch ist die Entwicklung der Figuren und somit auch die Entfaltungsmöglichkeit der Geschichte durch Noëlles einseitige Perspektive beschränkt. Auch David als ihren Gegenspieler lernen wir lediglich durch ihre Brille kennen, was eine komplexere Handlung, die bei der Länge des Romans wünschenswert wäre, verunmöglicht. So bleibt die Lektüre, wie die Hauptperson, gefangen im Immergleichen. Umso mehr besticht dafür die treffsichere Pointe auf der allerletzten Seite.