Fürchten lernen

Episodisch erzählt Nando von Arb von unterschiedlichen Angsterfahrungen. Diese sind an persönliche Erfahrungen geknüpft, haben aber auch ein hohes Identifikationspotenzial und dadurch ­etwas universell Gültiges. So spricht Nando von der Angst vor dem Dunkeln, vor Einsamkeit, Krankheit, Tod … Oft wirkt die vordergründige Angst eher wie ein Symptom einer erheblich tiefer ­liegenden, anderen Angst.
In seinem unverkennbaren Stil und farblich und technisch vielfältig lädt Nando von Arb die Lesenden in eine bunte (alb)traumhaft anmutende Welt ein und findet starke, überraschende Bildideen für das, was zwischen den Zeilen liegt.

(Edition Moderne)

Phobien in lebenslustigen Farben und Formen

von Beat Mazenauer
Publiziert am 21.11.2023

[...] Ebenfalls ausgezeichnet wurde am Erlanger Comic-Salon Nando von Arb für seinen zweiten Band Fürchten lernen. Er schliesst darin an sein Debüt Drei Väter an. Hier aber konzentriert er sich ganz auf das erzählende Ich, auf seine Angstzustände und -fantasien. Fürchten lernen beinhaltet unterschiedlich lange Graphic Stories, die das Thema stilistisch vielfältig abarbeiten. Woher rühren die Ängste, wie äussern sie sich, in welchen Situationen quälen sie das Ich? Um solche Aspekte kreist der Band mit einer Lebhaftigkeit, die bildnerisch in Konkurrenz zum lähmenden Gefühlschaos tritt. Nando von Arb malt seine Phobien nicht schwarz an, sondern lässt sie in bunten, beinahe schon reisserischen Farben leuchten. Selbst in den wenigen Kapiteln in Schwarzweiss beschränkt sich die dunkle Tönung auf die feine schwarze Strichzeichnung. Es hat etwas inständig Bohrendes und zugleich lustvoll Befreiendes, wie der Autor die Angst vor Krankheit und Tod, vor dem Verlassen- und Verstossenwerden in seine dynamische Bildsprache übersetzt. Worte benutzt er dabei nur wenige, entweder als kurze Beschreibungen im Bild oder als langgezogene, schlingernde Sprechblasen. Die Panels sind oft ganzseitig, im Zentrum das Ich mit dem typischen Käppi. Sein Kopf wird immer wieder durchgerüttelt oder droht zu zerplatzen, die Arme und Beine verrenken sich unter dem inneren Aufruhr lianenartig. Die anfängliche Ordnung der Bilder gerät stets von neuem chaotisch durcheinander. Hin und wieder zitiert Nando von Arb auch aus der Kunstgeschichte, wenn eine Parade von Ensor-Maskenfiguren durch das Bild stürmt oder die tanzenden Nymphen von Matisse zu schattenhaften Teufeln werden.
Fürchten lernen ist das Resultat einer künstlerischen Lebhaftigkeit, die zuletzt obsiegt. Das klingt psychologisch vielleicht simpel, doch das Buch drückt genau dies aus. Dabei ist es egal, ob Nando von Arb autobiografische Erfahrungen umsetzt oder eine fiktionale Erzählung bebildert. Er zeigt einen Ausweg aus dem Reich der Angst: das Erzählen, Zeichnen und Malen – die Kunst. Vielleicht liegt genau darin der Lernprozess, der im Titel angesprochen wird. Nando von Arb setzt beklemmende Gefühle mit einer Formensprache um, die (womöglich contre coeur) Lebenslust versprüht.
In seinen Frankfurter Poetikvorlesungen hat Adolf Muschg unter dem fragenden Titel Literatur als Therapie? eine Unterscheidung getroffen. Er schreibt: «Kunst – und Literatur – ist keine Therapie, aber sie macht Mut, den Weg zur Therapie im Ganzen weiterzugehen.» Diese Trennung vollzieht von Arbs Graphic Novel sehr schön. Die Rettung lauert gewissermassen in der künstlerischen Arbeit selbst. Zumindest lässt dieses knallig bunte Buch einen solchen Schluss zu.

Aus: «Neue Schweizer Graphic Novels», ein Fokus von Beat Mazenauer, www.viceversaliteratur.ch, 18.06.2024)