Händler der Geheimnisse
Roman

Fünfzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs stirbt der ­jüdisch-amerikanische Veteran George Bromfield auf verdächtige Weise in einem Krankenhaus in New York. Kann es sein, dass seine zweite Ehefrau seinen Tod ­beschleunigt hat? Beim Versuch, die mysteriösen Todesumstände aufzudecken, graben seine Tochter Eva und ihr Bruder Max immer tiefer in der geheimnisum­wo­be­nen Vergangenheit ihres Vaters. In München und New York gehen die Geschwister auf Spurensuche, um herauszufinden, warum ihr Vater nach Kriegsende nach Bayern zurückgekehrt ist und wie das mit seiner Freundschaft mit einem Porträtmaler und Nazikolla­borateur zusammenhängt.
Gekonnt verbindet ­Elisabeth Bronfen eine Spionagegeschichte mit einem Familiendrama und stellt dabei das Nachwirken einer Kultur der Geheimhaltung dar, wie sie für die Nachkriegszeit ab 1945 prägend war.

(Limmat Verlag)

Rezension

von Verena Bühler
Publiziert am 07.11.2023

In diesem Debütroman gibt es auffallend viele Parallelen zwischen der Hauptfigur und der Autorin. Nicht nur ihre Namen klingen ähnlich, Eva Bromfield und Elisabeth Bronfen; Bromfield ist wie Bronfen Literaturprofessorin und beide haben jüdische Väter aus New York und deutsche Mütter. München, wo Elisabeth Bronfen aufwuchs und die amerikanische High School besuchte, und New York, insbesondere das East Village, sind die Schauplätze des Romans. Die Handlung spielt Mitte der 1990er-Jahre, als sowohl die Autorin wie ihr Alter Ego Mitte Dreissig waren und nicht nur die Telefonkultur noch eine ganz andere: In New York gab es Telefonzellen und man konnte den Hörer bei entsprechender Gefühlslage auf die Gabel knallen.

Der Roman entwickelt sich auf mehreren Ebenen. Die interessanteste ist die historische, die Deutschland während und in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg zeigt. Der Umgang zwischen Vertretern der Besatzungsmacht, deutschen «Fräuleins», Nazis, ehemaligen Nazikollaborateuren usw. wird in den Erinnerungen an die Familie, aus Erzählungen der Eltern und durch Nachforschungen aufgerollt, die Eva Bromfield im Zusammenhang mit dem Tod ihres Vaters anstellt. Wie Bronfen zeigt, war der Lebenshunger der Generation, die der Krieg um ihre Jugend gebracht hatte, gross damals, ebenso wie die Bereitschaft zu vergessen. Unterschiede, die wenige Jahre zuvor Grund für Krieg und Verfolgung waren, traten in den Hintergrund oder wurden unter den Teppich gekehrt.

Nachforschungen stellt Eva deshalb an, weil ihr der Tod ihres Vaters auf der Intensivstation eines New Yorker Spitals verdächtig vorkommt. Aus den Umständen dieses Todesfalls könnte eine Detektivgeschichte entstehen. Eva beginnt auch, in ihrer Münchner Wohnung eine Pinnwand mit allen Personen und Hinweisen anzulegen, wie man das von den Ermittlungen in Fernsehkrimis kennt. Sie zieht allerdings einen anderen Vergleich: «Als würde sie die Dramatis Personae eines Theaterstückes kartografieren, hat sie für alle, die in die Ereignisse rund um den Tod ihres Vaters involviert waren, weisse Karteikarten angelegt. Darauf hat sie mit Bleistift ihre Bemerkungen zur jeweiligen Person notiert. So lassen sich die Angaben leicht wieder ausradieren und ergänzen.» Das unterlegte Muster ist also nicht der Fernsehkrimi, sondern das Theaterstück, und als Vorlage dient Eva kein Geringerer als Shakespeare. Über Shakespeare arbeitet Eva zusammen mit Ihrer Freundin Sam an einem nicht näher definierten «Projekt». Dies erlaubt es Bronfen, Vergleiche zwischen den Figuren und dem Plot ihres Romans und Shakespeares Stücken zu ziehen. Dies wirkt ziemlich bemüht, dann die Figuren in Bronfens Roman existieren nur in erzählter und erinnerter Form. Sie sind keine eigenständig handelnden Charaktere und auch die expliziten Vergleiche mit Malvolio oder mit dem Geist von Hamlets Vater verleihen ihnen nicht mehr psychologische Tiefe und Vielschichtigkeit. Umgekehrt verhelfen die Charaktere des Romans uns nicht zu neuen Erkenntnissen über Shakespeare. Auch das gemeinsame Motiv des Kryptischen, das Bronfen als Thema über den ganzen Roman legt, ist zu vage, um die Vergleiche zu tragen.

Der Plot weist einige Mängel auf, was man mit Shakespeares Dramen in Verbindung bringen könnte. In seinen Stücken gibt es immer wieder Elemente, die wie lose Enden liegenbleiben und seine Schlüsse sind oft nicht überzeugend, sondern ihre Funktion scheint sich darauf zu beschränken, die Handlung schnell zu Ende zu bringen. Wenn das Shakespeare Projekt von Eva und Sam, das am Anfang des Romans eine so prominente Rolle einnimmt, im Laufe des Romans einfach versandet, wirkt das nur schlecht konstruiert. Wenn der New Yorker Polizist sich plötzlich erinnert, dass er einen Freund beim FBI hat, als er von Eva hört, dass ihr Gesuch, Einsicht in die Akte ihres Vaters zu erhalten, abgelehnt wurde, und so nicht nur die Akte des Veteranen erhält, sondern diese auch noch mit nach Hause nehmen darf, damit er sie Eva zeigen kann, dann strapaziert das den Zufall doch arg. Seltsam mutet an, dass die des Gattenmordes verdächtige zweite Ehefrau des Verstorbenen, Tash, weder von der Polizei verhört noch von Eva kontaktiert wird. Eva lässt sich nur von ihrem in New York lebenden Bruder erzählen, was sie ihm zum Tod von George gesagt hatte. Dabei hält sich Eva in den Semesterferien zwei Monate lang in New York auf, um den Tod ihres Vaters aufzuklären und findet dabei auch einiges über Tashs Vergangenheit heraus.

Dass die Umstände des Todes von George Bromfield schliesslich nicht geklärt werden, mag für Krimifans frustrierend sein, passt aber zum Geheimnis dieses Lebens, das sich schliesslich als das wichtigere Motiv herausstellt. Und dieses Geheimnis vermag Eva durch ihre Recherchen aufzudecken. Dazu sei hier aber nur so viel verraten, dass George Bromfield in Deutschland für den amerikanischen Geheimdienst arbeitete.

Ihre Zeit in New York verbringt Eva nicht nur im Lesesaal der New York Public Library, sondern zu einem guten Teil auch in den Restaurants und Bars des East End, wo sie sich mit verschiedenen Leuten trifft. Dabei werden die angebotenen Speisen und Getränke der einzelnen Lokale ausführlich und lustvoll beschrieben. Der Klappentext verrät, dass Elisabeth Bronfen u.a. auch ein Kochbuch geschrieben hat. Dass die Autorin ihre Figur Eva die Freude am Essen so breit ausleben lässt, passt allerdings schlecht zur Trauer und Wut über den unerwarteten Tod ihres Vaters, von denen an anderen Stellen die Rede ist.

Wenn eine Literaturprofessorin einen Roman über eine Literaturprofessorin schreibt, fragt man sich, wie realistisch das Leben einer solchen wohl dargestellt ist. In diesem Roman scheint es bemerkenswert entspannt: Einmal breitet Eva ihr Arbeitsmaterial auf dem Gartentisch aus, unternimmt aber zuerst noch einen Spaziergang zum See, um sich auf ihr «Tagewerk» einzustimmen. Oder sie schlendert jeden Morgen durch den Central Park, als sie in New York ist, und «(b)eim Gehen entfalten sich allmählich ihre Gedanken und sie kann sich zurechtlegen, was sie an diesem Tag recherchieren will».

Professoralen Eifer zeigt Eva, wenn sie die Ereignisse, die sie aufdeckt, laufend in allgemeine kulturelle und psychologische Muster einordnet. Überraschend unreflektiert hingegen wirkt die Literaturprofessorin Bronfen als Erzählerin, wenn sie Selbstverständlichkeiten erklärt oder Motive verkitscht:

Im obersten Stock des am Maximiliansplatz gelegenen Ateliers gingen riesige Glasfenster zum Innenhof. Zum Malen brauchte Konsti viel Licht.

Eine Weile sitzt sie aufrecht im Bett, die angewinkelten Beine unter der Decke. Die Kissen hinter ihrem Rücken bieten ihr eine wohlige Stütze. Durch das leicht geöffnete Fenster schaut sie auf den klaren Nachthimmel. Ein Tierkreiszeichen kann sie nicht ausmachen, nur vereinzelte Sterne, die dort aufblitzen. Sie richtet ihren Blick auf einen besonders stark funkelnden Stern. Es hat Jahre gebraucht, bis sein Licht nun ihr Schlafzimmer erreicht. So weit weg ist er. Es ist durchaus möglich, dass dieser Stern, so wie sie ihn jetzt sieht, gar nicht mehr existiert. Er könnte schon lange erloschen sein. Nur in der Bewegung durchs All ist seine Gestalt erhalten geblieben. Was sie jetzt sieht, ist das, was er einmal war.
Von diesem Anblick in eine tiefe Ruhe versetzt, streckt sie ihre Beine aus, klopft die Kissen zurecht und zieht, während sie auf dem Bett genüsslich nach unten rutscht, die Decke bis unter das Kinn.