Schnee schufle
Sie kommt ganz arglos daher, die Rollenprosa, mit der Ernst Burren seine Figuren auftreten und von ihren Erfahrungen erzählen lässt. Und man muss die 22 Prosastücke des Bandes Schnee schufle schon mehrmals lesen, wenn man die Abgründe, die sich hinter dieser Arglosigkeit und Naivität auftun, in den Blick bekommen will. Wenn eine Frau unter dem Titel «us müüs gits müüs» süffisant von der kriminellen Karriere eines Nachbarbuben erzählt, dessen Mutter offenbar als Prostituierte arbeitet und der bis hin zum Gefängnis all die Stationen durchlebt, die bei dieser Herkunft «natürlich» vorauszusehen waren. Oder wenn ein alter Uhrmacher davon berichtet, wie er ein Leben lang «jede tag es paar site goethe gläse hät», und damit die dörfliche Idylle als eine Hölle von Kleinlichkeit, Gleichmacherei und übler Nachrede entlarvt, gerät er mit seinem «Hobby» doch bald einmal hoffnungslos ins Abseits. Es ist mehr als früher vom Tod und von der Krankheit die Rede, aber auch der Humor kommt nicht zu kurz in diesen Texten, die immer von einer leisen Ironie durchweht sind und die sich aller konkreten Lokalisierung zum Trotz als eine grossartige Satire auf unser Zeitalter lesen lassen. (Charles Linsmayer)