blau der wind, schwarz die nacht.

Was soll die Ärztin Hannah mit den vier Wochen Zwangsferien anstellen? Zwischen Job und Kindern aufgerieben, weiss sie nun nichts mit sich anzufangen. Währenddessen folgt Rosette einer mysteriösen Einladung und erlebt ein aufregendes Abenteuer in einem Luxusresort. Hannahs Ex-Mann Lukas verliert sich dagegen nach einem misslungenen Kinderausflug zunehmend im Livestream eines alaskischen Nationalparks.
Dann löst Hannahs Begegnung mit der Patientin Alva eine Folge von Ereignissen aus, die die beiden jungen Frauen zu einem Ausloten der Grenzen zwischen Ich und Du, zwischen Wahn und Wirklichkeit verleiten: Grenzen, die immer mehr zu verwischen drohen.
Mit einem scharfen Blick für die Brüche und Grenzüberschreitungen in zwischenmenschlichen Beziehungen verdichtet Anna Stern in den vorliegenden Texten ihr Werk nochmals stark. In dieser mehrdimensionalen Identitätssuche stehen die Kapitel für sich, doch die Figuren, die Fäden, die in den Seiten von Alvas Notizbuch gespannt werden, hängen zusammen und schaffen – thematisch, sprachlich und atmosphärisch – ein grosses Ganzes.

(Lectorbooks)

Schwarze Nächte der Seelenlandschaft

von Tobias Lambrecht
Publiziert am 29.04.2024

Eine vielleicht etwas überkommene Konvention für Buchbesprechungen ist, nicht «ich» zu schreiben, auch wenn «ich» gemeint ist. Einerseits dient das dazu, vermeintliche Objektivität zumindest zu signalisieren. Andererseits ist es mehr als bloss feuilletonistischer Dünkel: Tatsächlich gibt man sich im besten Fall so mehr Mühe, Dinge nicht einfach subjektiv zu argumentieren oder es mit einem Verweis auf die eigene Erfahrung gut sein zu lassen. Ob das dann immer gelingt, ist eine andere Frage.

Ich setze diese Konvention hier zwischenzeitlich aus, weil ich für die Besprechung von Anna Sterns blau der wind, schwarz die nacht. den Zugang nur darüber gefunden habe, meinen Lese- und Wiederleseprozess nachzuvollziehen. Ich habe den Text nach der ersten Lektüre nämlich schlicht und einfach nicht verstanden. Nach der zweiten auch nicht. Nach der dritten Lektüre ging es dann langsam. Nicht, weil der Roman sprachlich besonders experimentell wäre, wie hier und da schon zu lesen stand. Im Gegenteil: Trotz der konsequenten Kleinschreibung, die seit Jahrzehnten Modernität markiert, stellt eigentlich keine Textstelle die Leserschaft vor besondere Herausforderungen. Die aktive Verständniserschwerung erfolgt auf einer anderen Ebene: Die Vorgänge der Handlung sind einfach fürchterlich kompliziert erzählt.

Nach der ersten Lektüre war ich deshalb schwer demotiviert. Hinter mir lag ein unübersichtliches Geflecht von familiären und freundschaftlichen Beziehungen, deren Geschichten teilweise auch aus der Sicht von Figuren mit instabiler Weltwahrnehmung erzählt werden. Ich war einer Vielzahl von Figuren begegnet, die ich nur schwer auseinanderhalten konnte: Hannah war die Ärztin mit Burn-Out, nicht Helen, richtig? War Marianne in einen Unfall geraten und Maria im Sanatorium, oder war es umgekehrt? Daniel war wessen Partner, der von Sarah? Oder war Sarah mit Gabriel, Hannahs Bruder, zusammen? Nein, Gabriel war ja der Partner von Sophie – deren Eltern, Rosette und Eno, ihren Sohn Julius im Sanatorium besuchten, während dieser an anderer Stelle Marianne begegnete – letztere war doch auch die Patentante von Miro, dem Kind von Helen und Oskar. Deren zweites Kind war früh verstorben, wie auch das erste Kind von Sarah und Daniel, woran Maria (die sich dafür die Schuld gab und mit Florentin bei Liliane und Peter – Mariannes und Oskars Eltern, befreundet mit Rosette und Eno – wohnte) psychisch zerbrach und ebenfalls im Sanatorium gepflegt wurde. Dort befand sich auch Alva. War Ava oder Alva mit Eriko befreundet?
Zugegeben, ich übertreibe. Aber: Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben ein Figurendiagramm gezeichnet.

Rosette und Eno und Liliane und Peter und Maude und Leonard

Eine zweite Lektüre schuf dann etwas mehr Klarheit. Die Erzählstränge drehen sich um einen Freundeskreis, von dem ausgehend in einem Slice-of-Life-Verfahren auch die Eltern- und Kindergenerationen beleuchtet werden. Thematisch zusammengehalten wird die familienromanhafte Anlage durch tragische Ereignisse – Totgeburten, Depressionen, traumatische Störungen – und ihrer Ripple-Effekte auf das Umfeld. Die geschilderten Schicksalsschläge sind dabei klischeebefreit und nuancenreich. Keines der Gesellschaftsprobleme ist eindimensional erfasst: Weder ist zum Beispiel Hannah einfach nur die überarbeitete Alleinerziehende, noch ist Lukas nur ein gleichgültiger Ex-Mann und unbeteiligter Vater. Auch verstörende, gesellschaftlich tabuisierte Themen, wie ein durch Listerien im Käse verursachter Kindestod während der Schwangerschaft, werden nicht bloss in erwartbaren Betroffenheitsgesten eingewickelt. Gegenüber diesen Qualitäten fällt die unnötig verschachtelte Konstruktion der lax verbundenen Erzählstränge umso mehr auf.
Denn diese werden in nicht chronologisch geordneten Episoden wechselnder Perspektiven erzählt, zum Verständnis einer Szene entscheidende Informationen werden oft sehr spät nachgereicht. Da die Abschnitte überwiegend eng an die jeweilige Figurensichtweise gebunden sind, ist manchmal seitenlang unklar, um wen es gerade geht. Das ist als collagenhafte Short-Cut-Erzähltechnik überraschender Wendungen und Einsichten nicht unüblich, verunmöglicht in dieser spezifischen Umsetzung aber häufig, das emotionale Gewicht einer Szene zu verstehen. Die Dramaturgie zwingt so geradezu zur wiederholten Lektüre, die irgendwann zum sozialnetzwerkanalytischen Rätselraten wird: Aha, der in den ersten Seiten eingeführte Peter zum Beispiel stellt sich zweihundert Seiten später als der Vater anderer Figuren heraus. Die Desorientierung ist Programm: Möglicherweise soll man die von Nicht- und Halbwissen geprägte Komplexität sozio-psychologischer Verwicklungen durch die Lektüre am eigenen Leib erfahren. Das ist ästhetisch konsequent, aber riskant. Schade ist, dass die ganzen Kreuzbezüge, Querbezüge, Neben-, Weiter- und Rückverweise den emotionalen Zugang zu den teilweise spannenden und berührenden Biografien und den literarischen Stärken eher verstellen, auch wenn sie als zentrales Thema des Romans explizit platziert werden:

es stimmt, er [Julius] muss schmunzeln, marianne hat recht, und ja, wohl stimmt es auch, dass erst so die freundschaft zwischen rosette und eno und liliane und peter und maude und leonard ihren anfang nahm, dass sie, die kinder, es waren, die den keim legten, die anfingen, die stränge der familien zu verflechten […] (197).

So wirkt das Ganze auf der Handlungsebene absichtlich verklausuliert, dabei hat der Text literarisch tolle Dinge zu bieten. Das Verstehen der Handlung ist hier, oder überhaupt bei Literatur, vielleicht gar nicht das Wesentliche. Atmosphärisch arbeitet der Text mit Signalen literarischer Verfallsromantik, Melancholie und schwarzen Nächten der Seelenlandschaft. Thematisch spielen berufliches Burn-Out, Klimakatastrophe, Covid, Kindsverlust und psychische Erkrankungen eine prominente Rolle, aber erst mit der Übersicht, was welchen Figuren wann genau widerfährt, konnte ich mich auf diejenigen Qualitäten des Textes konzentrieren, die mich nach der ersten Lektüre nicht einfach haben aufgeben lassen. Diverse Episoden des wie aus mehreren Kurzerzählungen zusammengezwungenen Romans sind, für sich genommen, bestechend gut. Nehmen wir die lange Passage, in der Lukas sich aus der Gesellschaft und familiärer Verantwortung verabschiedet. Vom Leben seiner Ex-Partnerin Hannah und den gemeinsamen Kindern wider Willen isoliert, verfolgt er einen Internet-Live-Stream über alaskische Bären – bis er den Rucksack packt, nach Nordamerika und aus dem Leben seiner Angehörigen entschwindet. Wie Lukas hier auf der fehlgeleiteten Suche nach Gemeinschaft einer Internet-Community bis zur Selbstaufgabe verfällt, ist so nüchtern wie überzeugend dargestellt: Der Roman besteht seitenlang nur aus Chat-Nachrichten der verschiedenen Community-Mitglieder, deren Ton und Haltung man nach kurzer Zeit besser kennt als die meisten anderen Figuren des Romans. Oder nehmen wir die Sequenz, in der in eleganter Montage Rosettes und Enos gegenwärtige Beziehung und gleichzeitig die belastende Familiensituation ihres psychisch kranken Sohnes Julius gezeichnet wird. Hier wird Gegenwart und Vergangenheit des Familienlebens so gegeneinander geschnitten, dass sich die Abschnitte gegenseitig thematisch aufwerten, ohne plumpe Direktbezüge herzustellen. Das ist überzeugend und involvierend. An anderen Stellen steht der Text – angefangen beim Titel – knietief im Kitsch, etwa wenn auf einer zweisamen Schiffsfahrt zu den wehmütigen Klängen von Ellingtons Star-Crossed Lovers ein angedeuteter Heiratsantrag nicht stattfindet:

gabriel streicht sophie eine strähne aus dem gesicht und küsst sie auf die stirn […]. durch den nebel scheint schwach die weihnachtsbeleuchtung, duke ellington verklingt im hintergrund, und er denkt, dass der richtige moment heute nicht gekommen ist […], und dann denkt er, dass es keine rolle spielt; dass der richtige moment kommen wird: bald (144).

Alva, Kolmogorov und Dordemorars

Die Erzählstränge der Familien- und Beziehungsebene werden von Anfang an immer wieder von Notizen oder Erlebnissen der psychiatrischen Patientin Alva durchbrochen. Diese wird von Anfang an als faszinierendes Wesen einer Anderswelt positioniert. Für die Ärztin Hannah wird Alva zu einer Art Prisma der eigenen Neusortierungsschwierigkeiten nach der Trennung von Lukas und zum Anlass, über verschiedene Arten von Anziehung nachzudenken. Auch wegen ihres Namens wird an Alva ständig Bedeutung herangetragen – Alva, Elfe, Lava – wozu eine Figur schliesslich sagt: «denken sie nicht, dass das bedeutsam ist» (253). Das ist natürlich doppeldeutig – handelt es sich um eine Frage? Oder eine Aufforderung?

Die Alva-Passagen nehmen zunehmend mehr Raum ein, bis sie die restliche Romanhandlung mehr oder weniger ersetzen. Diese zentrale Figur bleibt dabei weiterhin schwer scharfzustellen. Eine besondere Qualität des Textes ist, dass psychische Traumata über die Auswirkungen auf die Angehörigen zum Thema gemacht werden – etwa bei Julius’ oder Marias Klinikaufenthalten, die wir vor allem durch die betroffenen Angehörigen erleben. Ausgerechnet bei Alva ist das anders: Ihre ersten Notizen folgen mit abgehackten Sätzen und vielen Wiederholungen relativ traditionellen Darstellungsmustern der Denkweise psychisch belasteter Personen: «also. es ist so. gibt es ein haus, ein haus mit leeren räumen. kennt man schon, hilft nichts, hilft nicht gegen den lärm. braucht messer, braucht blut, braucht zeichen auf papier» (46). Diese kurzen Einschübe weichen später langen Kapiteln, die von Alvas Aufenthalten in einer seltsam vereinsamten Nordsee-Insel-Institution berichten, deren Wirklichkeitsstatus zweifelhaft bleibt. Alvas dortige Mit-Insassen gehen poetisch anmutenden, rätselhaften Beschäftigungen nach, eine arzt-ähnliche Autoritätsfigur namens Kolmogorov führt mit ihnen philosophische Gespräche, und grosse, geflügelte Wesen namens «Dordemorars» rauben – im Einklang mit der Klimakatastrophe – den Schnee. Dazu kommen posttraumatisch wirkende Panikattacken Alvas, die auf reale oder eingebildete Kriegserfahrungen hinweisen.

Dass ein Grossteil dieser Schilderungen sich in Alvas Kopf abspielt, scheint naheliegend. Allerdings wird an diversen Stellen des Textes suggeriert, dass Alva in ihren Texten Erlebnisse und Gedanken von anderen Figuren aufschreibt, von denen sie nichts wissen kann. Auch hier wird also die Seinsordnung der dargestellten Ereignisse in Schwebe gehalten: Wäre es möglich, dass Teile des Romans eigentlich von Alva verfasst sind? Handelt es sich um Textprojekte, um therapeutisches Schreiben? Oder sind es doch Halluzinationen, bzw. transformierte Wahrnehmungen realer Erlebnisse, wie an anderen Stellen suggeriert wird?

Sehnsüchtige Flucht nach Innen

Diese Fragen müssen nicht beantwortet werden – der Roman führt mit diesem Verfahren vom Realismus der belastenden sozialen Beziehungsalltag zu einem Grundmotiv des Textes hinüber: Der Sehnsucht nach einem Loslassen, im Blau Versinken und Verschwinden. Beinahe jede Figur setzt sich mit verschiedenen, teilweise sehr konkreten, teilweise eher metaphorischen Arten des gesellschaftlichen Ausstiegs auseinander. So, wie Lukas (vielleicht) im hohen Norden Alaskas abtaucht, wie Rosette eine Ausstiegsfantasie in einem Luxushotel erleben darf, so sind auch die verschiedenen Aufenthalte in klinischen Einrichtungen als geheimnisvolles, nicht nur schmerzhaftes Verschwinden aus dem eigenen Leben (und dem anderer) markiert. Dass da auch literarischer Eskapismus hineinspielt, wird durch die von anderen Figuren ständig gestellte Frage deutlich, warum Alva eigentlich schreibe. Eine Antwort deutet sich vielleicht in den letzten Passagen des Romans an: Alvas Natur-Erzählung verwandelt sich dort in eine weitgehend menschenleere Wildnisfantasie, die mit gängigen postapokalyptischen Bildbeständen bestückt wird (Vulkane, Flutwellen, Massengräber, zerfallene Bibliotheken als Mahnmal untergegangener Zivilisation). In diesen Beschreibungen findet aber keine Handlung mehr statt, eine echte Bedrohung gibt es nicht, stattdessen schwelgt der Text in einer angenehm gedämpften Wohlfühlkatastrophe, frei von sozialen Verpflichtungen und Bedrängnissen, in der die menschenbefreite Natur sich ihren Platz zurückerobert:

es gibt die häuser, in denen nichts ist, in denen die stille ist und die teller auf den tischen und die pfannen auf dem herd. Es gibt die kalte glut in den herden und das schale wasser in den gläsern auf dem tisch; es gibt das brot, das in scheiben geschnitten zu staub zerfällt, und die kandierten blüten in gläsern auf dem fenstersims: es gibt kornblumen und moossteinbrech, eisbegonien und weiße ringelblumen, margeriten und vergissmeinnicht. (331)

Der Lektüreweg zu diesen buchstäblichen Seelenlandschaften war für mich ziemlich lang. Der Roman ist reichhaltig, aber auch überladen; er spricht wichtige, betroffen machende Themen an, entzieht diesen dann aber mit grossem Verdunkelungsaufwand die gebührende Aufmerksamkeit. Es ist beinahe, als ob eine Sammlung motivisch wunderbar aufeinander beziehbarer Einzeltexte ohne Not von der Romanform überrollt und zugeschüttet werden. Ich hätte das Buch ohne den Rezensionsauftrag nicht drei oder vier Mal gelesen. Aber: Mir gefiel der Text bei jeder Lektüre besser. Wer von Sterns umfassendem Ideenreichtum fasziniert ist und Durchhaltewillen mitbringt, kann hier fündig werden.