Wilde Manöver
Roman

Große Veränderungen geschehen unbemerkt: Furchtlos und mitreißend originell erzählt Judith Keller vom Ausbruch aus dem Bestehenden, der poetischen Weltverwandlung. Es ist ein wild funkelnder Roman von der Freundschaft zweier Frauen, die etwas Neues anfangen wollen. Wie aber fängt man Neues an?
Da ist etwas geschehen in einem Einkaufszentrum in der Nähe von Zürich. An einem lauen Sommerabend wird aus dem Parkhaus ein Lieferwagen entwendet, womöglich ein Drogengeschäft? Zwei junge Frauen, Vera und Peli, werden verdächtigt, doch das Verhör bringt kein Licht in die Sache, im Gegenteil: Eine Meerjungfrauenstatue im Pool, kreisförmig angeordnete Fahrräder auf den Zuggleisen, die Entführung eines Pferdes – es scheint, als hätten Vera und Peli eine ganze Reihe von Verbrechen begangen, eines unwahrscheinlicher als das andere. Die abenteuerliche Suche nach dem Zusammenhang beginnt, durch die Nacht und die Stadt, und mit ihr eine aberwitzige Erkundung unserer sich verflüchtigenden Gegenwart.

(Luchterhand Literaturverlag)

Wahrheit in der Möglichkeitsform

von Beat Mazenauer
Publiziert am 08.01.2024

Kornkreise waren es früher, bei Judith Keller sind es neuerdings Velokreise, die ihre rätselhafte Botschaft in den Kosmos und in die Zukunft senden. So wollen es ihre beiden Protagonistinnen Vera und Peli. Am 1. August 2025 starten sie einen ersten Versuch mit einem ebenso geheimnisvollen wie chaotischen Ornament auf den Gleisen unter der Zürcher Hardbrücke.

Im neuen Roman Wilde Manöver erzählt Judith Keller, wie die beiden jungen Frauen zwischen dem 30. Juni und dem 3. August 2025 in Zürich und Umgebung ihr vandalisches Unwesen treiben. Während fünf Tagen entführen sie Gartenstühle und Kleinskulpturen aus Gärten, entwenden Autos aus Parkhäusern und kreieren seltsame Ornamente, ohne dass diese einen Sinn ergeben. Deshalb wird die Erzählerin, die inzwischen in U-Haft befindliche Vera Savakis, vom Kriminalkommissar Felix Lombardi ins Verhör genommen. In insgesamt sieben langen Vernehmungen versucht dieser Genaues über die seltsamen Vorgänge herauszufinden und Vera zu einem Geständnis zu bewegen. Als Argumente liegen ihm eine Reihe von Zeugenaussagen und Videoaufnahmen vor, die Vera und ihre Freundin Peli beschuldigen. Allerdings steckt in seinen Versuchen, den Sachverhalt zu klären, von Beginn weg der Wurm drin. Während er sachliche Fragen zum Wie, Wann, Warum stellt, antwortet ihm Vera mit lauter poetisch-versonnenen Erzählungen. Gleich schon die erste Frage lässt sie ins Leere laufen:

«Am 30. Juli sagen Sie? Lassen Sie mich überlegen. Es ist so viel passiert in der Zwischenzeit. Unmöglich ist es nicht.»

Auch im weiteren Verlauf der Vernehmung entgegnet sie auf Fragen mit einem ausweichenden «Woher soll ich das wissen?» oder «Ja genau, warum eigentlich?» oder «Man merkt, dass Sie vieles nicht wissen.» Vera lässt sich dabei auch nicht von angeblichen Beweisen beeindrucken. Dies wiederum hindert den anfänglich ruhigen, zusehends enervierten Befrager Lombardi nicht daran, die gesicherten Puzzleteile zu einer grandiosen Drogengeschichte zusammenzufügen. Er füllt die Informationslücken mit eigenen Schlussfolgerungen, gegen die sich die Befragte vehement wehrt: «Aber das ist ihre Idee, nicht meine.» So gesehen legt Judith Keller ein Buch vor, das mit dem Mittel einer polizeilichen Untersuchung Spannung erzeugt, aber dennoch kein richtiger Kriminalroman geworden ist. Wilde Manöver stellt keine Ordnung wieder her, wie es zum Genre gehört, vielmehr wird die Welt am Ende erst recht in Unordnung gestürzt.

Judith Keller akzentuiert die Rätselhaftigkeit zusätzlich mit einer zweiten umrahmenden Textebene. Samira Ohala und Joaquin Piña vom Institut für Frühgeschichte halten in einer Notiz vom 7. Mai 2098 fest, dass das Vernehmlassungsprotokoll von Kommissar Lombardi «der lang gesuchte Schlüssel zum Verständnis der Anfänge sein könnte». Diese Notiz leitet den Roman ein und wird gegen Schluss neu aufgerollt in einer Weise, die unser Gefühl für Zeit und Logik vollends durcheinander wirbelt. Was für Anfänge bloss? Die weiteren Ereignisse bis Ende des 21. Jahrhunderts, wie sie kurz resümiert werden, wirken aus heutiger Sicht in der Tat unglaublich: Zuerst in der Offenen Rennbahn Oerlikon, später auf der ganzen Welt wird sich die Botschaft der Velokreise auf geradezu abstruse Weise enthüllen.

Judith Keller spielt auf tändelnde, versponnene Weise mit der Vernehmungsform, um die strenge Logik der Befragung lustvoll zu unterlaufen und in der Folge gleich auch die gewohnheitsmässige Logik von Zeit und Geschehen ausser Kraft zu setzen. «Warum muss eigentlich immer jemand schuld sein?», bemerkt Vera einmal schnippisch. Was unter Wahrheit verstanden wird, davon sei ohnehin mal «zu viel möglich», und handkehrum werde «zu wenig für möglich gehalten». Fakten sind auf diese Weise ebensowenig zu finden wie Glaubwürdigkeit herzustellen. Verträumt, auf ihre Weise wahrhaftig, mitunter aber auch etwas gar in ihr eigenes Erzählen verliebt, breitet Vera haarklein aus, wie die beiden mal innigen, mal eigensinnigen Freundinnen mit ihren Aktionen Sand ins gut geölte Getriebe der glitzernden Bankenstadt Zürich streuen. Das mag alles märchenhaft harmlos anmuten – die Folgen sind gewaltig. Vielleicht, liesse sich mutmassen, ist die Wahrheit ja ein kosmisches Wurmloch, in dem verschiedene Zeiten sich kreuzen; «sie treffen einander, begegnen sich, begrüssen sich», wie es Vera erklärt. Die Muster, die sie und Peli legen, wären dann vielleicht Repräsentation einer Wahrheit, die sich erst weit in der Zukunft offenbaren kann.

Sie [Peli] habe aber, um anderes zu erreichen, die Form des Zeichens etwas vernachlässigt. Ihr grösseres Ziel war es nämlich, dass das Zeichen verfrüht erscheinen würde. Das heisst, es sollte nicht in dem Moment auftreten, in dem sie es in die Wege leitete, sondern eben früher.

Judith Keller bleibt sich in ihrem neuen Roman treu. In Wilde Manöver erkennen wir Kernelemente aus dem verschlungenen Prosabuch Oder? (2021): topographisch das geschundene Geländedreieck in Zürich Nord zwischen Schwamendinger Platz, Bahnhof Oerlikon und Glatt-Zentrum, personell die beiden Protagonistinnen. Vor allem aber weist in Oder? eine Fussnote auf Seite 65 auf die innere Verwandtschaft der beiden Bücher hin:

Wer das ist, erfahren Sie im nächsten Roman Judith Kellers, der womöglich in einem anderen Verlag erscheinen muss. Er heisst: Peli und die sieben Kräne (Arbeitstitel, er wird vermutlich ganz anders herauskommen).

Im Nachwort wird die geheimnisvolle Notiz präzisiert: «Die Vorgeschichte erzählen die Collectanea Kneteriana und Oerlikon Park; die Nachgeschichte wiederum das halluzinogene Zürichrequiem Peli oder die sieben Kräne sowie Achtung Velo.» In diesem Kontext also ist Wilde Manöver zu verorten. Der Roman treibt es mit der Erzählökonomie stellenweise etwas gar bunt und ausufernd, dafür entfaltet er eine märchenhaft anmutende Stimmung, die am Ende ein verblüffendes Mysterium bereit hält.

«Die Welt muss romantisiert werden», schrieb der Dichter Novalis vor zweihundert Jahren, denn sie sei «als Kontinuum wahrzunehmen, in dem alles mit allem zusammenhängt». Dieser ferne Gedanke legt sich wie ein feiner Schatten auch über Judith Kellers Blick in die Zukunft.