Feuerlilie
Roman

In einem abgelegenen Bergdorf lernt die Journalistin Vera einen jungen Fremden kennen. Sie schreibt an einem Artikel über rätoromanische Literatur, er hat ein altes Haus geerbt und versucht seine Kriegserinnerungen hierhin zu verbannen. Die beiden treffen sich zu Spaziergängen, essen zusammen in der Dorfbeiz und erzählen sich nach und nach mit wenigen Worten von ihrer Vergangenheit. Kálmán erinnert Vera an ihre ältere Schwester Sophia, die ihrerseits in einer eigenen Welt lebt. Als Sophia zu Besuch kommt, begegnet auch sie dem geheimnisvollen Kálmán, und es entsteht eine überraschende Verbindung, die beide verändert.
Mit starken Bildern erzählt Gianna Olinda Cadonau von der Begegnung traumatisierter Menschen. Ein Roman, der ohne Erklärungen auskommt und gleichzeitig Unsagbares sichtbar macht. Ein universelles, beeindruckendes Debüt.
Der Roman wurde 2022 mit dem Studer/Ganz-Preis für das beste unveröffentlichte Debütmanuskript ausgezeichnet.

(Lenos Verlag)

Die Kraft des Zwischenmenschlichen

von Ladina Caduff
Publiziert am 30.10.2023

Vera reist in das Bündner Bergdorf, in dem sie aufgewachsen ist, da sie einen Artikel über rätoromanische Literatur verfassen muss. In ihrem Elternhaus, das nur noch als Feriendomizil zu dienen scheint, findet sie die Bücher, die sie für ihre Recherche konsultieren möchte.

Auf der Zugfahrt ins Bergdorf trifft Vera auf einen jungen Mann namens Kálmán, den sie nicht mehr vergessen kann. In der Beziehung zu Veras Schwester Sophia, die von Krisen heimgesucht wird und zurzeit in einer psychiatrischen Klinik ist, wird er später ebenfalls eine bedeutende Rolle einnehmen.

Kálmán hat in dem Bergdorf das Haus eines Offiziers geerbt. Traumatisiert von einem Krieg, versucht er, in den Bündner Bergen zur inneren Ruhe zu finden und die Kriegserinnerungen zu bändigen, die immer wieder in qualvollen Gedanken und Träumen zurückkehren.

Vor diesem Hintergrund lässt die Autorin die drei Figuren – Vera, Kálmán und Sophia – aus ihrer jeweiligen Ich-Perspektive erzählen und verhandelt mit feinem Gespür die Geschichte dreier Menschen, die im stetigen Balanceakt zwischen Nähe und Distanz wichtig füreinander werden.

Ein paar Tage nachdem sich Kálmán und Vera in den Bündner Bergen eingefunden haben, treffen sie sich per Zufall auf der Strasse wieder. Als ob sie sich verabredet hätten, nickt er Vera zu und sie streben, wie von einer inneren Kraft getrieben und ganz ohne miteinander zu sprechen, auf die Dorfbeiz zu. Schnell empfinden sie eine Nähe zueinander, obschon sie wenig miteinander reden: «Als ob wir einfach nur beisammensitzen wollten, ohne etwas vom anderen zu erfahren.» Solche Szenen der Nähe und Verbundenheit, in denen nicht viel gesprochen wird, finden sich häufig. Es ist eine der Stärken des Romans, dass er ohne Erläuterungen auskommt und sich vor allem vom Ungesagten nährt.

Die Autorin gibt den Figuren die nötige Zeit, um sich langsam und behutsam anzunähern und beweist in der Führung ihrer Charaktere psychologisches Geschick. Bei den immer häufiger stattfindenden Treffen teilen Vera und Kálmán mehr und mehr von dem, was sie im Innersten bewegt. Dabei wird das, was die Figuren bedrückt, nie zur Schau gestellt, sondern es wird nur so viel wie nötig preisgegeben.

Vera würde gerne erfahren, was Kálmán durchgemacht hat, um sein Leiden besser zu verstehen. Während sie die Auswirkungen des Krieges auf sein Äusseres – eine Narbe im Gesicht, seinen hinkenden Gang – wahrnimmt, bleiben die Wunden in seinem Innern vor ihr verborgen. «Du hast Dinge erlebt, von denen ich gerade einmal weiss, dass es sie gibt. Aber wirklich vorstellen kann ich mir das nicht. ... Du führst ein anderes Leben, mit einer vollständig anderen Vergangenheit und einer anderen Ordnung.» Kálmán gibt seine Erfahrungen nur stückweise preis und versucht, sie hinter den Zimmertüren seines Hauses zu verschliessen. Die Türen zu öffnen, das sei nötig, um seine Kriegserlebnisse zu verarbeiten: «Ich weiss nicht, ob es reicht. Ob es hält. – Wenn ich danach immer die Tür hinter mir schliesse, ändert sich im Zimmer vielleicht nichts.» «Man müsste sie einschlagen, aus den Angeln heben, alle diese verdammten Türen.» Vera sieht in Kálmáns innerer Versehrtheit Ähnlichkeiten zu ihrer Schwester Sophia, die auch mit offenen und geschlossenen Türen kämpft. Vera meint, «dass ihr niemals in den Sinn kommen würde, Türen aus den Angeln zu heben», sich also mit ihren Problemen tiefgreifender auseinanderzusetzen. Die Tür als Symbol der Ordnungswahrung, des Unzugänglichen, der Zugänge, der Schwellen, des Neuanfangs, des Verborgenen und Verschlossenen ist zweifelsohne ein Leitmotiv des Texts, wird aber leider etwas gar zu oft bemüht.

Als Vera ihre Schwester Sophia in der Klinik besucht und ihr von Kálmán berichtet, ist deren Neugierde geweckt. Sophia beschliesst, zur Schwester ins Elternhaus zu fahren, um Kálmán kennenzulernen. Sophia und Kálmán verstehen sich auf Anhieb, ihre innere Versehrtheit scheint die beiden zu verbinden, aber auch Vera und Kálmán werden vertrauter miteinander.

Gianna Olinda Cadonau gelingt es, den Fokus ganz auf das Hier und Jetzt zu richten und die kleinen Heilungsfortschritte verletzter Seelen zu zelebrieren. Obwohl Feuerlilie im Kern betrübende Themen verhandelt, ist es ein hoffnungsvolles Buch (dies deutet auch bereits der Titel und die Umschlagsgestaltung an), und zwar auch deswegen, weil die Figuren ihr Schicksal nicht beweinen, sondern gegen dieses ankommen möchten. Die Geschichte lebt von der Kraft des Zwischenmenschlichen und zeigt, dass wir andere Menschen brauchen. Der Roman schliesst mit einem gelungenen offenen Ende, bei dem Abschied und Neubeginn ganz nah beieinander liegen und die Hoffnung über allem steht.