Nino
Und der Wunsch nach mehr

Nino Viamonte ist immer auf dem Sprung und gleichzeitig latent schwermütig. Sein Leben ist geprägt von Sex, Sehnsucht und der Suche nach mehr Sinn. Getrieben von der Angst, durchschnittlich zu sein, und gejagt von der persönlichen Scham, flüchtet er nach New York.
Nino erzählt die Geschichte einer Generation, die den Glauben an die Welt verloren, aber die Hoffnung auf Wunder nie aufgegeben hat. Durch eine aussergewöhnliche Erzählperspektive wird die Realität und das Erlebte auf unterschiedliche Weise wahrgenommen. Brandaktuell und mit pointiertem Blick auf die moderne Spiritualität, die in der heutigen Welt Hochkonjunktur feiert, widmet sich Yvonne Eisenrings Debütroman der Frage, ob wir für unser eigenes Glück verantwortlich sind oder alles einem höheren Sinn zuzuschreiben ist.

(Verlag sechsundzwanzig)

Wünsche und Wachstumsschmerzen

von Tamara Schuler
Publiziert am 10.07.2023

Nino lässt sich durch sein Leben treiben, immer darauf bedacht, sich alle Möglichkeiten offen zu halten. Er wohnt in Berlin, arbeitet freiberuflich als Texter, hat unverbindlichen Sex und hält Paarbeziehungen für unnötige Käfige: ein mehr oder weniger typischer Vertreter seiner Generation und darin durch und durch mittelmässig. Objektiv betrachtet entspricht Ninos Leben der Norm, er hat, wie man so schön sagt, alles richtig gemacht. Doch seit seine einzige wirklich tiefgehende Beziehung in die Brüche ging, ist Nino auch sehr desillusioniert:

In meiner Jugend beruhigte ich mich mit dem Gedanken, dass all das noch kommen werde. Wenn ich erst mal aus der Schule bin, wenn ich erwachsen bin, wenn ich … dann! Dann kam nie. Den Glauben, dass etwas Grosses in meinem Leben passieren könnte, habe ich aufgegeben.

Erzählt wird im Wechsel aus Ninos Sicht sowie aus der Perspektive verschiedener Frauen, die mit ihm zu tun haben. Da ist unter anderem Lisa, Ninos platonische Freundin; Alexandra, die für Nino nicht mehr als ein netter Zeitvertrieb ist, sich selbst aber mehr wünscht von ihm. Da ist die Ex-Freundin Vero, ausserdem seine Schwester Sina und schliesslich Jane Bay, eine amerikanische Personal Trainerin, die sich ganz der Körperoptimierung hingibt und in Nino einen potenziellen Vater sieht. Alle Figuren erzählen quasi in Echtzeit, was gerade passiert und was ihnen dabei so durch den Kopf geht — doch leider wird der Leserschaft hier sehr wenig zugetraut. Mehrmals erklären Figuren «in Gedanken», was sich die geneigte Leserin lieber selbst zusammengereimt hätte:

Sina ist vier Jahre älter als ich. Sie ist der Prototyp einer grossen Schwester. Warmherzig und streng. Vernünftig und verantwortungsbewusst. Bin ich bei ihr, werde ich seziert und durchleuchtet. Sie hinterfragt, was ich als Schwäche definiere, und überprüft, was ich als Stärke deklariere. Sie kritisiert pausenlos meinen Lebensstil, nie giftig oder aggressiv, sondern liebevoll und wohlwollend, was es noch unerträglicher macht. Wären wir nicht Geschwister, würde ich nie annehmen, dass wir verwandt sind.

Gefangen in seiner Passivität lebt Nino so vor sich hin, bis er sich durch eine Verkettung von Geschehnissen (Wohnungsbrand, die Schwiegermutter seiner Schwester stirbt, schlechter Sex mit der neuen Mitbewohnerin) dann doch dazu entscheidet, für eine Weile nach New York zu gehen. Dort trifft er auf Evi, die ihr Geld mit dubiosen Coachings verdient. Obwohl Nino an nichts anderes als den Zufall glaubt, beeinflusst ihn Evi mit ihren Methoden, die so simpel wie effizient sind. Als er zufällig von einer Art Zaubertrank hört, den Evi ihren Klientinnen verabreicht, ist es um ihn geschehen. Er klaut eine Flasche des mysteriösen Gebräus aus Evis Schlafzimmer — was weitreichende Folgen nach sich zieht.

Ich würde gerne in Worte fassen können, was der Trank mit mir macht … aber wozu auch? Nie und nimmer würde ich jemandem davon erzählen. Alle würden mich für komplett verrückt halten. Zudem, es ist kein offensichtlicher Effekt, es sind keine greifbaren Veränderungen. Es sind Reaktionen, die anders sind. Gute Zufälle, die sich plötzlich häufen. Es ist ein Boost, ein Glow.

Spiritualität kann trügerisch sein, gerade in Notsituationen glaubt ein Mensch sehr viel, wenn daraus Hoffnung wachsen kann. Gibt es ein Schicksal, lässt sich das Leben durch positive Gedanken beeinflussen oder ist doch alles nur Zufall? Diese Fragen, so alt wie die Menschheit, haben bis heute nicht an Aktualität eingebüsst: Je mehr Unsicherheit herrscht auf der Welt, umso verlockender wird es, an eine Bestimmung, die Kraft der Gedanken oder Astrologie zu glauben — vermeintliche Eckpfeiler der Sicherheit in einer unberechenbaren, willkürlichen Welt. Gerade berichtete die ZEIT über perfide Pyramidensysteme, mit denen Coaching-Ausbilder reich werden. Dies sei «die letzte Phase der Coaching-Gesellschaft, in der sich irgendwann die Frage stellt: Wer ist eigentlich noch kein Coach?» (ZEIT No. 26, 15. Juni 2023). Das jüngste Wiederaufflammen von jeglichen Angeboten rund um spirituelles Wachstum ist symptomatisch für eine spätkapitalistische Gesellschaft, die lieber absurde Summen in Coachings und Kakaozeremonien pumpt, als bestehende Strukturen zu verändern (wer sich eingehend mit der gegenwärtigen Bewusstseinsindustrie befassen möchte, dem sei das Buch Ekstasen der Gegenwart von Paul-Philipp Hanske und Benedikt Sarreiter, erschienen bei Matthes & Seitz, empfohlen).
All das wird in Yvonne Eisenrings Roman bestenfalls angedeutet, insgesamt jedoch bleibt dieses Buch in erster Linie unterhaltsame Lektüre mit eher schablonenhaften Figuren, die sich bestens als Mini-Serie verfilmen liesse. Im Idealfall lässt Nino und der Wunsch nach mehr seine Leserschaft zumindest skeptischer werden gegenüber allzu platten Heilsversprechen. Wer tatsächlich wachsen will, kommt auch heute um die harte Arbeit an sich selbst und alle damit einhergehenden Wachstumsschmerzen nicht herum.