Höhenangst
Roman

Die achtzehnjährige Protagonistin lebt mit und abhängig von ihrer Mutter, die das Haus kaum verlässt, in einer Schweizer Kleinstadt.
Ihr Rückzugsort ist der Botanische Garten, Freund:innen hat sie keine, seit ihre Wüstenmäuse gestorben sind. Sie steht kurz vor dem Abschluss des Gymnasiums, langweilt sich und weiss nicht, wohin mit sich.
Als sie Jo kennenlernt, scheint sich endlich etwas in Bewegung zu setzen. Jo schert sich nicht darum, was andere denken, Jo ist immun gegen Zuschreibungen, Jo traut sich alles. Ein illegaler Kellerclub und eine Jagdhütte werden zu Trainingsplätzen für erste Erfahrungen mit Drogen, elektronischer Musik und Sex. Zwischen den beiden entwickelt sich eine tiefe Freundschaft.
Doch dann gerät alles ausser Kontrolle. Ein Roman über Finden und Verlieren, über Liebe und Weltflucht. Das Debüt von Saskia Winkelmann.

(Verlag Die Brotsuppe)

Springen oder fallen

von Beat Mazenauer
Publiziert am 16.04.2023

Ob ein Mensch springt oder ob er geschubst worden ist, ist seinem Fall nicht anzusehen. Unterschiedlich aber sei die Höhenangst, schreibt Saskia Winkelmann in ihrem danach benannten Debütroman. Sie unterscheidet zwei Arten: «Eine vor dem Fallen und eine vor dem Springen.» Wie aber lassen sie sich auseinanderhalten? Und wie ist es, zu springen oder zu fallen, wenn der Kopf in einer Schlinge steckt?
Höhenangst erzählt von einer jungen Frau, die knapp vor der Matura steht und Jo kennen lernt. «Als du in unsere Klasse kamst, wussten alle, dass du versucht hattest, dir die Unterarme aufzuschneiden. Aber irgendwer hat dich gefunden.»
So beginnt eine Geschichte über Freundschaft, Liebe und Verzweiflung, die sich zwischen zwei Lebensperspektiven abspielt: Alles ist in der Welt gegeben und gemacht, respektive: Du selbst kannst alles verändern. Jo scheint ganz an letzteres zu glauben, während die Ich-Erzählerin sich am Gegebenen reibt und damit schlecht zurecht kommt. Sie lebt mit ihrer Mutter in einem Haus, in dem sich deren Freunde treffen, palavern und die Flasche kreisen lassen. Die Erzählerin kennt die Wirkung von Alkohol seit jungen Jahren, sie hat miterlebt, wie Mutter und Vater sich ebenso lustvoll wie gehässig betranken. Seit der Vater ausziehen musste, hat die Mutter kaum mehr das Haus verlassen. Sie tut irgendwas in ihrem Arbeitszimmer und trinkt und will ihre Tochter um sich haben, bis es diese nicht mehr aushält und sie flieht. Mit Hilfe von Jo entdeckt sie den «Keller», eine illegale Tanzbar, wo es zu trinken gibt und allerlei Pillen in Umlauf sind. So geraten die Dinge allmählich ausser Kontrolle, immer weniger ist der Alltag ohne Hilfsmittel zu ertragen.
Saskia Winkelmanns Buch überrascht weniger mit dieser familiären Fallgeschichte als mit der Form, in die sie die Autorin bettet. Sie erzählt konsequent aus der mehr und mehr sich verrückenden Optik der Protagonistin, die Wachen und Träumen, Ich und Du immer weniger voneinander abzugrenzen vermag. So glücklich die Anwesenheit von Jo sie macht, so sehr verfinstert sich das Gemüt der Erzählerin, wenn Jo abwesend ist. Der Protagonistin fehlt deren Selbstsicherheit und radikaler Eigensinn. So pendelt der Erzählstrom unstet zwischen Sehnen und Erfüllung, Hoffen und Verzweifeln, nüchtern und high. Die Nächte im Keller oder die Tage in der Hütte droben in den Bergen bedeuten Freiheit, doch je länger je weniger stellt sich diese ohne Drogen ein. Es ist diese knisternde Unruhe, die Höhenangst lesenswert macht. Das Buch lässt die Leserinnen und Leser auf eindrückliche Weise teilhaben an einer Welt, die sie meist nicht kennen und der sie entwachsen sind. Die jugendliche Unrast, die sich mit Neugier und Verzweiflung paart, nimmt hier einen unglücklichen Ausgang. Zwischen Erinnerungen an die Kindheit zum einen, zum anderen an die Tage mit Jo – 373 sind es genau, zählt sie die Protagonistin – richtet diese ihre Erzählung wechselweise an die stumm bleibende Jo, oder an «die Königin» im schwarzen Polsterstuhl während der Therapiesitzungen. Am Ende liegt alles deutlich vor Augen und bleibt doch unscharf in den Konturen. Für ihr Pendeln zwischen dem Glauben, alles sei gegeben und dem, alles lasse sich verändern trifft Saskia Winkelmann präzise die schwebende Ton- und Fallhöhe.

Fokus «Fünf Debütromane im Frühjahr 2023», von Beat Mazenauer, www.viceversaliteratur.ch, 3. 7. 2023