Sırma
Roman

«Sie fuhr mit dem Taxi, weil sie die Stadt nicht kannte, und hatte das Gefühl, sie müsste nie wieder aussteigen, weil das Auto sie aus dem Kern der Stadt führte, nie wieder aussteigen, well das Auto nach einer halben Stunde an einer völlig veränderten Stadt vorbeitunr, nie wieder aussteigen, weil es war als müsste sie all das sehen, um
zu erfahren, wie seltsam der Ort war, an den sie sich begab.»

«Kaum jemand hat in den vergangenen Jahren so tiefgründig und doch so spielerisch zwischen den Kulturen über die Traumata in Familie und Freundschaft geschrieben wie die Debütantin Sara Wegmann.» (Dana Grigorcia)

(Telegramme Verlag)

Listige Magie

von Beat Mazenauer
Publiziert am 16.04.2023

Weniger geschmeidig präsentiert sich Sırma von Sara Wegmann. Sie experimentiert mit den erzählerischen Mitteln, pendelnd zwischen fremden Stimmen und dem Verstummen sucht sie einen sprachlichen Zwischenraum, in dem sich die tägliche Realität mit Imaginationen füllt. Der Roman gliedert sich in drei Kapitel, die drei Etappen im Leben der Titelheldin Sırma erzählen. Sie kommt in Pakistan zur Welt, als Kind leistet sie die meiste Zeit ihrer Grossmutter Gesellschaft, die den ganzen Tag vor dem Fernseher sitzt. So erlernt Sırma die Sprache aus fremden Dialogfetzen, ja mehr noch, sie beginnt selbst mit «dem auswendig gelernten Zeug» zu kommunizieren. Während der Vater abwesend bleibt, kriselt es zwischen Mutter und heranwachsender Tochter. Da bietet sich die Gelegenheit, dass Sırma in die Schweiz reisen kann, um dort ihren Sprachtick zu kurieren. Sie findet Aufnahme bei der Familie eines väterlichen Freundes, deren Tochter Alexandra mit fünf aufgehört hat zu reden. Vielleicht würden die beiden Mädchen zueinander passen. In ihrem Gepäck nimmt Sırma ihr blökendes Schaf mit, eine reine Traumfigur, die für Sırma aber ganz real ist.

Diese Ebene des Mysteriösen erhält in Zürich neue Nahrung, als zwei Flugzeuge in zwei Hochhäuser fliegen. Da implodiert der Fernseher und bringt die Zeitordnung durcheinander. Während die Welt draussen normal weiterdreht, verlangsamt sich die Zeit drinnen im Haus. Auf einmal verpasst Sırma, wenn sie in ihrem Bett schläft, eine ganze Schulwoche. Doch: «Wo lief die Zeit falsch? Drinnen oder draussen?» Die Zeitverschiebung bleibt unerklärlich, die Familie verlässt das Haus. Weil sich die stumme Alexandra heimlich Computerkenntnisse beigebracht und so eine Programmier-Challenge gewonnen hat, tut sich auf einmal die Chance eines Jobs in Hong Kong auf. Sırma wird sie begleiten, das mysteriöse Schaf reist mit.

Hier treffen wir die beiden 18 Jahre später im dritten Kapitel wieder. Alexandra hat einen Sohn geboren und ein Startup aufgebaut, das Apps programmiert, darunter eine Sprachapp, mit deren künstlicher Stimme die Stumme sprechen kann. Doch auch in Hong Kong geschehen mit leichtem Sciencefiction-Touch wunderlichste Dinge, die eine rationale Überprüfung verweigern. Sırma ist Illustratorin, doch wenn sie dabei allzu erregt ist, bringt sie das Papier, auf dem sie zeichnet, zum Brennen. Inzwischen können auch Alexandra und ihr Sohn Henri das blökende, älter gewordene Schaf erkennen. Kompliziert wird der Aufenthalt, als sich das Amt für Sozialkredit einmischt und das Score von Henri herabstuft, weshalb er in eine schlechte Schule eingeteilt wird. Dieses staatliche Willkürsystem beschädigt alle Menschen, die Alexandra und Sırma nahe sind.

Sırma ist ein thematisch wie stilistisch ausgesprochen ambitioniertes Buch, das von den Leserinnen und Lesern Offenheit für eine Welt fordert, in der Dinge geschehen, die rational nicht erklärbar sind. Diesen magischen Aspekt setzt Sara Wegmann auf listige Weise um. Das Zeitlupen-Haus ist eine grossartige Findung. Solche Konfusion wird auch stilistisch aufgenommen, indem die widerständige Sprache zwischen Verfremdung und Verstummen schwankt. Sara Wegmann rhythmisiert dabei ihre Sätze gerne in Dreiklängen und verleiht ihnen mit den kursiv gesetzten Dialogfetzen eine sperrige Note.

Er hörte zu.
Sag es ihm selber. Er hörte aufmerksam zu.
Er hörte aufmerksam zu. Deshalb war er so verärgert.
Er hörte aufmerksam zu und ich hörte auf hinauszugehen.

In der Form öffnet sich der Roman allerdings nicht leicht, er gerät ob der eigenen Ambition etwas ins Straucheln, auch wenn Alexandra und Sırma erstaunlich reibungslos miteinander kommunizieren. Der Überschuss an Fantasie stellt sich aber vor allem auch einer Vertiefung der brisanten politischen Themen in den Weg. Das Willkürregime des Sozialkreditsystems und mehr noch die mit 9/11 heraufdämmernde westliche Islamophobie, die auch Sırma betrifft, werden nur angeschnitten. In dieser Hinsicht bleibt das Buch etwas hinter den geweckten Erwartungen zurück. Die Balance zwischen der inneren Welt voller Rätsel und Wunder sowie der geforderten Anpassung an die normierte Gesellschaft steckt im Kopf von Sırma und Alexandra fest. Sie halten ihren sprachlichen Widerstand gegenüber «der verrückten Welt da draussen» aber aufrecht, um wenigstens ihre eigene Stimme zu behaupten.

Fokus «Fünf Debütromane im Frühjahr 2023», von Beat Mazenauer, www.viceversaliteratur.ch, 3. 7. 2023