Timbuktu
Roman

Max steht am Fenster, vor sich den Kühlturm und die Dampfwolken, die sich in die Höhe schrauben. In Timbuktu, zwischen Atomkraftwerk, Schnellstrassen und Bahnstrecken, studiert er die Leute, hört mit Teresa Bob Dylan im Tankstellenshop, freundet sich mit der Katze an und träumt mit Gertrud von New York. Er streift durch die versehrte Landschaft und reist zu seinem fernen Grossvater, der im Sterben liegt.
Timbuktu berichtet in einer klaren Sprache voll absurdem Witz von einem Sonderling in einer sonderbaren Welt. Auf der Suche nach dem Erzählbaren, hin- und hergerissen zwischen Verbindlichkeit und Freiheit, Einsamkeit und Gemeinschaft, Sprechen und Schweigen bahnt er einen Weg durch die Gegenwart.
»Wie im Märchen einer auszieht, das Fürchten zu lernen, so kommt der Enkel eines störrischen Grossvaters nach Timbuktu. Einer der wildesten, zugleich fernsten und allernächsten Orte im Herzen der Schweiz. Dort zieht er ein, trinkt Kaffee, raucht, füttert die Katze und wartet, dass die Furcht kommt.« (Friederike Kretzen)

(Verlag Die Brotsuppe)

Dreiklänge des Seins. Schauen, trinken, abwarten

von Beat Mazenauer
Publiziert am 31.07.2023

Timbuktu ist eine Oase, Timbuktu ist eine Sehnsucht, Timbuktu ist eine Wohngemeinschaft im zersiedelten Mittelland. Als Max in Timbuktu ankommt, ist es spätabends, kühl, niemand zu sehen. Er findet den Schlüssel zur Wohnung, die er die nächsten Wochen über gratis zur Zwischenmiete hüten und darüber einen Bericht schreiben wird. Das ist (fast) schon alles.

Lukas Gloors Debütroman erzählt von einer Sehnsucht, für die Timbuktu steht, wie Karla, die Gründerin, später erklären wird. Alle, die in Timbuktu wohnen und denen Max nach und nach begegnen wird, verbinden etwas anderes damit: Gemeinschaft, Freiheit, die Erinnerung an eine Reise. Und Max? Während eines Siesta-Nickerchens schwimmt ihm im Traum einmal der Grossvater vorbei und fragt, was er denn hier mache:

– Nichts.
– Gib dir Mühe! Der Mensch braucht Ziele.
– Ich bemühe mich nicht.
– So erreichst du nichts.
– Ich will kein anderer werden.
– Willst doch nicht dich selbst sein!
– Weder ein anderer noch ich selbst.

Das ist typisch für Max. Er lebt im Dreiklang zwischen Ich, ein Anderer und etwas ganz und gar Unbestimmtem, wonach er gar nicht sucht. Max schaut, trinkt und wartet ab. Er weilt als Zwischenmieter in diesem Timbuktu mit seinen drei Höfen: dem Lindenhof, dem Gingkohof und dem Kastanienhof im topografischen Dreieck zwischen der katholischen Kirche, der Kehrrichtverbrennungsanlage und dem Kühlturm des nahen AKW. Eingebettet in diese Dreiklänge geschieht kaum etwas an diesem Ort. Regelmässig schaut Max nur bei Teresa im nahe gelegenen Tankstellenshop vorbei, um Tabak, Bier und Nudelsuppe einzukaufen, um mit Teresa einen Schwatz zu halten, entspannt eine Zigarette zu rauchen und sie vergeblich danach zu fragen, warum sie immer nur Songs von Bob Dylan abspiele. Teresa will es partout nicht sagen.

Lukas Gloors Timbuktu ist ein äusserlich ganz und gar unspektakuläres Buch, das trotz der nahen Hauptstrasse an einem stillen Ort spielt, wo Max irgendwie vergeblich auf die Hoffnung oder das Fürchten wartet. Nichts raubt ihm dabei die Ruhe. Genau so erzählt er, ungerührt im Präsens. Hin und wieder verheddert er sich in kurze Gespräche, aber zu echten Begegnungen führen diese nur mit Teresa. Im Traum und in der Erinnerung wird Max vom Grossvater besucht, der in der Verbrennungsanlage gearbeitet hat und nun unweit davon im Heim lebt. Max will ihn besuchen, vielleicht. Und am Verschönerungstag im Mai begegnet er Gertrud, die er nur immer auf ihrem Fahrrad entschwinden sieht. Sie wird nicht mehr lange hier wohnen und bald nach New York umziehen. Das wäre was für Max, findet er – aber später erst, vielleicht.

Diesen ruhigen Gang der Dinge verdichtet Lukas Gloor sprachlich und diskret rhythmisiert durch motivische Dreiklänge, die er immer neu variiert: der Turm, der Himmel, die Flugzeuge ... Sie halten den Text zusammen und erzeugen eine schwebende Stimmung, die sich bei der Lektüre entfaltet und nach und nach das Lesegefühl umfängt. Es braucht gar nicht viel zu passieren.
Einmal aber geraten die Dinge doch in Bewegung: Aus dem Kühlturm steigt kein Rauch auf, und Timbuktu scheint ausgestorben. Max fehlt auf einmal die Dampfwolke über dem Kühlturm «als Orientierung». Endzeit und Apokalypse? Teresa, die noch da ist, winkt ab: Revision und Ferienzeit. Bald schon kehrt wieder Normalität ein.

Timbuktu ist das stille Auge im Taifun, die Oase in der Unwirtlichkeit, «einer der wildesten, zugleich fernsten und allernächsten Ort im Herzen der Schweiz», wie Friederike Kretzen auf dem Umschlag zitiert wird. Für Max ist Timbuktu ein Rückzugsort, eine Etappe, ein Traum vielleicht auch. Nach dem Sommer neigt sich seine Zeit hier allmählich dem Ende zu. Max macht sich bereit auszuziehen. Und sein Bericht? Vielleicht ist es der, den wir gerade gelesen haben.

Die Sonne geht unter. Die Sonne geht auf. Dem Kühlturm entsteigen Wolken in den Himmel, sie drehen sich in die Höhe, wachsen, reissen aus, vermengen sich mit den übrigen, verblassen, lösen sich auf, ziehen weiter.