Für Seka
Roman

Übrig geblieben sind ihr nur ein Briefumschlag mit einer Handvoll Fotografien und die Angst vor dem Vater, die Sorge um ihre Mutter und ihren Bruder, die Knoten in ihrer Brust. Seka sucht mit Anfang zwanzig nach den Spuren ihrer zerbrochenen Familie und ihres bisherigen Lebens. Sie rekonstruiert den Weg ihrer Eltern aus Bosnien in die Schweiz und fragt nach den Verbindungen, den Fäden zu ihr. Dabei stößt sie auf das Gefangenenlager in Omarska in den neunziger Jahren und einen Brief, der sie weiter nach Den Haag und Genf führt, später ins Berner Oberland. Und sie stellt fest, dass in Omarska heute Erz in den Minen abgebaut wird, als hätte es die Geschichte nicht gegeben, die eines fast schon vergessenen Krieges in Europa. Dabei wirken die Versehrungen der Vergangenheit bis in die Gegenwart fort.
Mina Hava verknüpft in ihrem Debütroman historisches Material, Recherche- und Rekonstruktionsarbeit mit persönlichen Erfahrungen, Verlusten und Ängsten – und beleuchtet, was Geschichte bedeutet für Landschaften und Körper. Sensibel erzählt Für Seka ein junges Leben, in dem das Politische und das Persönliche untrennbar verbunden sind, eine Geschichte vom Verlassen und Verlassenwerden und von der Frage, was war.

(Suhrkamp Verlag)

Fragmente von Leben

von Beat Mazenauer
Publiziert am 08.05.2023

Die Geschichte, das Gefangenenlager, Gefühle der Ausgrenzung, die Gewalt in der Familie – all dieser Schmerz ist nur auszuhalten, wenn man erinnert, ihn sich vergegenwärtigt. Doch man tat nur zu gerne das Gegenteil, «lagerte das Leben in Kisten ein und verstaute es in Schränken». Bis man einen Umschlag überreicht bekommt, der «Za Seka» angeschrieben steht, für Seka, und eine Handvoll Fotos enthält, die Seka als Kind zeigen, allein, mit dem Bruder, mit der Mutter. Das Dreieck der Familie, das der Vater im Bild festhielt und mit seinen Gewaltausbrüchen zugleich zu zerstören drohte. Seka hat diese Hinterlassenschaft des Vaters ohne weiteren Kommentar überreicht erhalten; die beiden haben sich längst nichts mehr zu sagen.
Um diesen Kristallisationskern herum erzählt die 1998 geborene Mina Hava in ihrem äusserst bemerkenswerten Debütroman von einer Familie, die aus Bosnien in die Schweiz emigrierte und ihre traurige, schmerzhafte Geschichte mitnahm, mit in die «Diaspora». Was in der eigentlichen Wortbedeutung «Zerstreuung» heisst, notiert Seka einmal,

würde im Deutschen, auf ihre Situation übertragen, ein Ausdruck für dasjenige werden, das ohne festen Grund ist und sich stets in Bewegung hält, wäre ebendieser Tagebau, eine Senke, ein geologischer Boden, der nicht vernarbt ist, und trüge den Namen 'Omarska'

Dieser Ort Omarska ist der dunkle Schatten, der über dem Roman liegt. 1992 wurden hier Tausende von bosnischen Männern und Frauen aus der Gegend von Kozarac und Prijedor von serbischen Truppen interniert, gequält, ermordet und in den Erzminen verscharrt. Doch «Omarska verschwand, als ob es das Lager nie gegeben hätte», notiert Seka. 2004 übernahm der Stahlkonzern Mittal Steel die Erzminen, um sie wieder «in den Kapitalmarkt» einzubinden.
Diese Lücke im historischen Gedächtnis ist der Impuls, der Mina Havas fragmentierte Recherche nach dem historistischen Vergessen antreibt. Sie begibt sich dafür auf die Spuren der eigenen Familiengeschichte. Schicht um Schicht legt sie die Erinnerung frei: die familiäre wie die historische. Unter der Emigration liegt der Bosnienkrieg, und nochmals tiefer der Weltkrieg, in dem der Urgrossvater angeblich in der «muslimischen Waffen-SS» gedient habe.
Politik und Privates, Geschichte und Familie verbinden sich für Seka auf ebenso vertrackte wie intime Weise miteinander. Sie nähere sich Omarska «vom wissenschaftlichen Betrachtungspunkt aus», notiert die Erzählstimme einmal. In ihrer Arbeit verbindet Seka die bosnische Erzmine mit der historischen Ausbeutung in Potosi oder im Kongo. Darüber legen sich Erinnerungen an die Familiengeschichte, in der sich die väterliche Gewalt mit Ferien in den Bergen oder am wunderbaren Meer vermischen. Die eine Erinnerung erzeugt eine nächste, mitunter widersprüchliche, und weitet so stetig die Perspektive dieses Buches. In dessen Mitte zitiert Mina Hava den Autor W.G. Sebald: «Scheinbar zusammenhanglose Ereignisse, zumal über Kontinente und Jahrzehnte getrennt, lediglich von der Idee des Autors geleitet, Dinge, die er gelesen zu haben sich erinnerte ...». Sebald bezog sich dabei auf die Tagebücher von Joseph Conrad – das Zitat lässt sich aber auch auf diesen Roman münzen. «Für Seka» ist eine verschachtelte Suche nach den Ablagerungen der Geschichte in der Gegenwart. Mina Hava lässt sich auf ihren verwegenen Erzählspuren von einer Idee im Sinne Sebalds leiten.

Der Zeitpunkt, der die Erfahrung des Schmerzes schmälern würde, blieb aus. Was an seine Stelle trat, war ein bestimmtes Gefühl grosser Dringlichkeit. Kleine Dinge gewannen an Bedeutung.

So geht es in diesem Buch um vieles, das Seka an sich heranzieht: um Emigration und das schwierige Ankommen in der neuen Heimat, um eine zerbrochene Familie und die väterliche Gewalt, um paternalistische Herrschaft und weibliche Emanzipation, um historische Verbrechen und koloniale Ausbeutung, aber auch um den Glücksanspruch einer jungen Frau und ihre Angst wegen der Knötchen in ihrer Brust.
Alle diese Erzählebenen schieben sich beständig ineinander und errichten eine ebenso prekäre wie eindrücklich geschichtete Romantektonik, die nie zur Ruhe kommt. Bis in die einzelnen Sätze hinein bleibt diese Unrast spürbar. Formal erinnert Für Seka an die literarischen Explorationen von Dorothee Elmiger. Das Buch verknüpft historische Ereignisse und familiäre Erinnerungen auf eine Weise, die nicht auf eine schnelle Lesart zielen. Mina Hava überlässt es der Leserschaft, das darin zitierte Wissen und die eingelagerten Erinnerungen für sich selbst miteinander in Einklang zu bringen. Vieles wird dabei auf Anhieb unbekannt und fremd wirken, wie beispielsweise die Wardian Cases: so etwas wie Gewächshäuser, mit denen einst Pflanzen in optimaler Umgebung aus der neuen Welt nach Europa verschifft wurden. Auch dies ist eine Migrations-Geschichte, vergleichbar der «Reise ins Ungewisse», als Sekas Grossmutter Majka am 9. Januar 1971 in Bern ankam. Bild für Bild aus dem väterlichen Umschlag, Motiv für Motiv formt sich das Buch so zu einer kollektiven Erinnerungsspur, in die immer wieder Zitate eingeschoben sind, solche von literarischen Vorbildern oder jene, die Muhamed Cehajic aus dem Lager Omarska an seine Frau Minka schrieb und die diese dem Haager Tribunal vorlegte: «It ist inconceivable for me all this that is happening to us.» Nach diesen Zeilen verlor sich seine Lebensspur.
«Im Schmerz bleibe das letzte Archiv eines Selbst erhalten», notiert das Buch gegen Ende. Mina Hava hat für ihren gleichermassen disparaten wie persönlichen Stoff eine nachdenkliche, eindrückliche Form gefunden. Sie hinterlässt keine mildernden Antworten, nur Fragen, die hartnäckig stechen und nachhaken.