Der graue Peter

Eigentlich müsste Peter ein unglücklicher Mensch sein, aber der Zufall, oder eine gütige Vorsehung, haben dafür gesorgt, dass ihm ein «Empfindungschromosom» fehlt. Schon seine Eltern kamen ihm vor wie fremde Wesen, und seine Frau, vermutet er, wird er bis an sein Lebensende nicht verstehen. Ihr erstes gemeinsames Kind ist bei der Geburt gestorben, und eines unscheinbaren Tages betritt eine Polizistin Peters Verwaltungsbüro, um ihm zu sagen, dass sein zweiter Sohn von einem Lastwagen überrollt wurde.
Sein Leben geht weiter, man schickt ihn nach Nancy, um eine belanglose Grußbotschaft zu überbringen. Als auf der Rückreise eine unvorhergesehene Fahrplanänderung angekündigt wird, vertraut eine verzweifelte Mutter Peter ihren Sohn an. Zéphyr, so heißt der Junge mit der orangefarbenen Schwimmweste, werde in Basel von seinem Onkel abgeholt. Auf der Fahrt versucht Peter dem fremden Jungen ein fürsorglicher Begleiter zu sein. Spontan steigen die beiden in Mulhouse aus, um Zéphyrs Tante (und ihre Carrerabahn) zu besuchen. Stattdessen landen sie in einem winterlich kalten Bach, einem 5-D-Film, der Zéphyr den Magen umdreht, einer Umkleidekabine und für die Nacht in einem Hotelzimmer. Von Unwägbarkeit zu Unwägbarkeit wird Peters Hilflosigkeit Zéphyr gegenüber zarter, ja zärtlicher. Eine schwer fassbare, in Momenten irritierende Beziehung entwickelt sich zwischen den beiden, bis sie doch noch in Basel ankommen und die Reise ein abruptes Ende nimmt.

(Rotpunktverlag)

Schicksalslos unter Fremden

von Ruth Gantert
Publiziert am 04.12.2023

Wie reagieren Eltern, denen man mitteilt, ihr Kind sei gestorben? Wer hat es nicht schon im Film gesehen: Sie reissen die Augen auf, öffnen den Mund zu einem (eventuell lautlosen) Schrei, greifen sich ans Herz, zittern am ganzen Körper, können nur durch eine Spritze beruhigt werden, sacken dann plötzlich in sich zusammen. Matthias Zschokkes Protagonisten scheint keine dieser Reaktionen geläufig zu sein. Ihm fehle ein «Empfindungshormon», behauptet der Erzähler. Als eine Polizistin in das Büro des Mannes kommt und ihm sagt, sein kleiner Sohn sei von einem Lastwagen überrollt worden, reagiert er distanziert und verwirrt, da er «langsam war, langsam auch im Erschrecken». Statt ganz bei sich zu sein und sich seinem Schmerz hinzugeben, grüsst er seinen Arbeitskollegen und bedankt sich ungeschickt bei der Polizistin. «Das ist sicher furchtbar unangenehm, solche Nachrichten überbringen zu müssen.»

Wer ist dieser höfliche, linkische Mann, der aus konventioneller Sicht völlig unangemessen reagiert? Er heisst Peter und stammt aus dem Dorf Saint-Blaise, weshalb er früher von seinen Mitschülern so genannt wurde. Er wohnt seit Langem in Berlin. Seine Frau und er haben bereits ihr erstes Kind verloren, es ist bei der Geburt gestorben. Trotz dramatischer Ereignisse in seinem Leben fühlt er sich als «Schicksalsloser», als «grauer Peter». Die nächsten Menschen sind ihm seit der Kindheit fremd: Seine Eltern betrachtet er «wie Angehörige eines anderen Volksstamms», mit seinen Freunden redet er «wie mit Fremden», und seiner Frau schaut er «bei den täglichen Verrichtungen zu wie einem Tier, das nicht ihm gehört».

Allerdings ist diese Fremdheit, die das Leben des Protagonisten und seine Beziehungen zu Mitmenschen, zu Tieren und sogar zu Pflanzen bestimmt, keineswegs Gleichgültigkeit, ganz im Gegenteil: Peter beobachtet die eigenartigen Wesen um ihn herum mit wachem Blick und mit bald kritischem, bald wohlwollendem Interesse. Dabei ergeben sich, wie immer in Zschokkes Romanen, wunderbare Stadt-Szenen mit Tieren in Innenhöfen, Menschen in Cafés und U-Bahnen oder Pflanzen auf Häuserbalkons.

Der Lauf der Dinge in Mülhausen

«Évidemment, j’écris toujours le même livre. Puisque personne ne l’a lu, je serais bien sot de me fatiguer à inventer autre chose.» Dieses Zitat von Éric Chevillard steht in kleiner Schrift zuhinterst im Roman. Matthias Zschokkes Werk umfasst, nebst Theaterstücken und Filmen, bereits fünfzehn Bände in Prosa. Bekommen wir in diesem neuen, erstmals im Rotpunktverlag erschienenen Roman einfach mehr der schönen, schrägen, komisch-melancholischen Beobachtungen eines Stadtwanderers in Berlin? Entgegen dem ironischen Schluss-Zitat hat sich der Autor durchaus die Mühe gemacht, etwas anderes zu erfinden. Es taucht in Gestalt eines kleinen Jungen in einer orangen Schwimmweste auf, der Peter im Zug von Strassburg nach Basel begegnet. Durch einen Zufall ergibt es sich, dass der Mann und der Junge namens Zéphyr die Reise nach Basel gemeinsam antreten. Peter begleitet Zéphyr beim Umsteigen in Strassburg und schlägt ihm danach spontan einen Zwischenhalt in Mülhausen vor. Dort führt eine Unwägbarkeit zur anderen und setzt einen «Lauf der Dinge» (wie im gleichnamigen Film von Fischli-Weiss) in Bewegung, bei dem der Mann den Jungen in die Konditorei, ins Kino und ins Restaurant ausführt, und schliesslich die Nacht mit ihm in einem Hotelzimmer verbringt, bevor er am nächsten Tag mit ihm nach Basel weiterreist, wo die Reise mit einem weiteren Schicksalsschlag endet.

Vom Umgang mit Kindern und Konventionen

Ein Mann übernachtet mit einem fremden Jungen im Hotelzimmer und dies, ohne die Familie des Kindes zu informieren (beide haben kein Mobiltelefon). Ist er von allen guten Geistern verlassen? Je länger beschrieben wird, was die beiden in der Stadt und dann im Hotelzimmer unternehmen, desto unbehaglicher wird es nicht nur dem Jungen, sondern auch der Leserin. Nicht, weil sie denkt, der Mann werde dem Kind etwas antun, sondern weil sie annehmen muss, dass er diesen Verdacht auf sich ziehen wird und nur ein schlimmes Ende nehmen kann. Dabei wird klar, wie undenkbar diese Geschichte in unserer sonst so tabulosen Gesellschaft ist: Das Kind gefällt dem fremden Mann. Dieser sieht den Jungen gerne an, berührt ihn gerne und würde ihn am liebsten aufessen, wie er zu Anfang einmal sagt. Er behandelt ihn durchaus fürsorglich, doch mit der ihm eigenen Ungeschicklichkeit – was ein kindgerechter Umgang ist, weiss er nicht oder schert ihn nicht. Er stellt dem Jungen keine Fragen zu seinem Alter, zur Familie oder zur Schule, sondern erzählt Zéphyr, was ihm selbst gerade durch den Kopf geht. Das sind oft Banalitäten wie Betrachtungen über die beste Art, Mandarinen zu schälen, manchmal aber auch brutale Geschichten, die den Jungen zutiefst erschrecken. Dies wird dem Mann einmal kurz bewusst, und er bricht die schrecklichste Szene ab mit einem «das ist ja nun nicht mehr wichtig» – ein Satz, der das Grauen eher mehrt als mindert.

Wer sich mit einem Kind abgibt, wird an die eigene Kindheit erinnert. Peter erzählt Zéphyr von seinem Vater, der ihn erzog, indem er ihm mit dem Gürtel auf den nackten Hintern schlug. Er erzählt dies sachlich und ohne Ressentiment. Der Vater handelte nach einer Konvention, die damals niemand infrage stellte.
Die Erziehung durch körperliche Gewalt ist glücklicherweise im Rückzug, Scham und Angst verschwinden aber nicht aus unserem Leben. Welches sind heutige ungeschriebene Gesetze unserer Gesellschaft? Haben diese Konventionen vielleicht auch ihre schädlichen Auswirkungen? Wie sähe eine Welt aus, in der wir mehr unserem eigenen Empfinden und weniger den gerade gängigen Verhaltenscodes vertrauten? Diese Fragen stellt Der graue Peter auf unerwartete und irritierende Weise.

Unkonventionelles Erzählen

Der nonchalante Umgang mit Konventionen charakterisiert nicht nur den Protagonisten, sondern auch den Erzähler der Geschichte. Wer ist er? Scheint es sich anfangs um eine übergeordnete Instanz zu handeln, entsteht mit der Zeit der Eindruck, es könnte Peter selbst sein. Bisweilen berichtet er in Klammern von zermürbenden Internet-Recherchen zu konkreten Details seiner Erzählung oder fragt sich, ob er einen Aspekt der Geschichte noch weiter ausführen sollte. Allerdings kümmert sich der Erzähler wenig um die Plausibilität der Handlung. Vielmehr geht es um die tieftraurige, aber zuweilen auch lustige Beziehung des Protagonisten zu seinem Bürokollegen und Freund mit dem Spitznamen Prosciutto, zu seiner Frau und zuletzt zum kleinen Zéphyr: drei verschiedene Arten einer Zuneigung trotz des gelegentlichen Unverständnisses auf beiden Seiten. Als witzige Bereicherung des Themas der schwierigen Kommunikation kommt hinzu, dass Peter nicht gut Französisch spricht, in Nancy aber eine Rede auf Französisch halten muss, die er vorbereitet, was zu interessanten Betrachtungen über die Unterschiede zwischen den Sprachen führt. Im Gespräch mit dem kleinen Jungen versucht er immer wieder, französische Entsprechungen für deutsche Ausdrücke zu finden. So fügt das Interesse für die fremde Sprache ein weiteres Motiv zur grundlegenden «Fremdheit» hinzu, die Peters (und nicht nur seinen) Bezug zu den Mitmenschen bestimmt.

Zéphyr saß regungslos am Tisch mit der halb geschälten Mandarine in der Hand. Er schaute Peter an wie einen Verrückten.
»Ich wollte nur etwas Nützliches sagen. Damit du dich später im Leben an mich erinnerst. Man redet so viel überflüssiges Zeug. Und man weiß so wenig. Vor allem keine bleibenden Wahrheiten. Alles entpuppt sich im Leben als falsch. Wahrscheinlich auch das mit dem Mandarinenschälen. Gibst du mir die Hälfte?«

Die Leserin reagiert auf das ungewohnte, seltsame Spiel, das der Erzähler mit ihr treibt, mit Verwunderung und zeitweiligem Befremden, aber auch mit Rührung und Faszination.

Presseschau

«Ein Buch für Wagemutige! Skurril, unbehaglich und moralisch fragwürdig, aber auch seltsam rührend.» (24symbols, 31.03.2023)

«Es braucht mehr als die Suche nach Unterhaltung, will man den Büchern Matthias Zschokkes gerecht werden. „Der graue Peter“ entzieht sich aller Strömungen, aller Vorsicht. Die Lektüre seines Romans wird zu einer Achterbahnfahrt im Nebel. Zschokkes Literatur ist ein Monolith in der immer seichter werdenden Masse.» (Gallus Frei, Literaturblatt, 25.04.2023)

«Seit je interessiert sich der 68-jährige Schweizer und Wahlberliner für die Sensationen des Gewöhnlichen; vordergründig unscheinbares Leben verwandelt er in schwebend schöne Literatur.» (Hans Ulrich Probst, WOZ, 18.05.2023)

«Vom Beginn bis zum tragischen Ende der kleinen Reise erzählt das Buch Ausserordentliches im völlig Unspektakulärem, und immer wieder sorgt Zschokke für Irritationsmomente. All das zeugt von höchster Erzählkunst, die zu Recht mit der Nominierung für den Schweizer Buchpreis belohnt worden ist.» (Tim Felchlin auf SRF, 12.10.2023)

«Matthias Zschokke treibt ein Spiel mit uns Leser:innen. Dieses Spiel besteht im fröhlichen Missachten sämtlicher Konventionen: derjenigen der Literatur ebenso wie derjenigen des guten Geschmacks [...] er lockt er uns auf den doppelten Boden der Ironie, nur um uns diesen gleich wieder unter den Füssen wegzuziehen.» (Sieglinde Geisel, Laudatio auf Matthias Zschokkes «Der graue Peter» (Schweizer Buchpreis 2023))