Dass uns findet, wer will Gedichte
Thilo Krauses neue Gedichte erzählen von seiner Kindheit und Jugend in der DDR und in den neunziger Jahren. Er erkundet, welche Spuren die Geschichte in Dinge und Menschen einschreibt. Sein Sinn für Details ist dabei unbestechlich und voller Zartheit.
«Wild gestikulierten die Eltern/ hinter dem Panzerglas/ aus Super Mario und Battle of Britain/ aber wir, in unserem Verhau aus IKEA und VEB/ konnten sie einfach nicht hören.» In zwei gross angelegten Zyklen schreibt Thilo Krause Eine Geschichte vom Krieg und erinnert sich an Vater und Grossvater. «Die einzigen Länder, denen Großvater traute/ waren jene auf den rostigen Karten/ im Innern der Gießkannen». Immer gegenwärtig ist in Krauses Lyrik das Elbtal. Dabei interessiert er sich kaum fürs Grosse, Erhabene. Die Ränder, die Reste, das, was gerade dabei ist, zu verschwinden, beschäftigen ihn viel mehr. Mit diesen Gedichten erweist sich Thilo Krause als bedeutender Dichter seiner Generation.
(Hanser Verlag)
Heimliche Bonbons
Dass uns findet, wer will heisst der vierte Gedichtband, in dem Thilo Krause sein lyrisches Werk fortspinnt. Die vorangegangenen drei Bände haben längst bewirkt, dass die neuen Gedichte von den Leserinnen und Lesern gefunden werden. Krause zeigt sich darin, einmal mehr, als souveräner Verdichter seiner Beobachtungen, Erfahrungen und – hier besonders ausgeprägt – seiner Erinnerungen. Jürgen Brôcan hat Krause mit allem Respekt einmal als «Dichter einer wohltuenden Normalität, eines heilsamen Durchschnitts» bezeichnet. Seine Gedichte pflegen die poetische Reflexion auf ebenso wohlklingende wie anschauliche Weise.
Dieses Haus wäre meines:
wo der Regen die Wände alle Jahre neu streicht.Ich hätte Türen
für Heute und Morgen zugleich.Der Mond, das ernste Kind
käme mit einem Sack Sterne spielen zu mir.
Im neuen Band versenkt sich der Autor in eine Welt, die einst die seine war und es noch immer ist: Er erinnert sich an die Kindheit und Jugend im Sächsischen vor der Wende 1989 sowie an spätere Besuche und Begegnungen mit den Menschen und Örtlichkeiten von einst. Thilo Krause legt diese Erinnerungsspur chronologisch oder genealogisch an, beginnend mit dem Grossvater, «leichte Hülle, dürres Männchen», ein zerschossenes Bein, der durch nichts zu beirren noch zu vereinnahmen war. «An Grossvater zerschellte / was sie uns an langen Tagen erzählen», in Schule, Freizeit, beim Appell. Thilo Krause zeichnet mit Versen ein eindrückliches Bildnis dieses Menschen, von dem ausser der Erinnerung bloss ein paar Dokumente geblieben sind, «speckig geworden / von Grossvaters Händen». Diese Konzentration, die sich formal in langen Zeilen und ohne Leerzeilen ausdrückt, fächert der Dichter beim nächsten Kapitel über den Vater in ein Dutzend von Rollen auf: der Vater als Vater, als Unbekannter, als Autofahrer … oder als Wissenschaftler, der dem Jungen beim Spazieren den Kosmos, die Evolution und die Schönheit der Fibonacci-Form erzählt. Darauf folgt schliesslich das Kind, der Dichter selbst, der zum Schüler, zum jungen Mann und viele Jahre später zum Besucher in der früheren Heimat wird.
Thilo Krause ist 1977 geboren, bis zur Wende, zum «Verhau aus IKEA und VEB», waren es zwölf prägende Jahre, in denen es galt, sich auszuleben und gleichzeitig zu widerstehen. «Im engen Wohnzimmer», heisst es in einem Gedicht:
hatten sie uns belauert
bis wir gross genug wärenfür ihre eigene Geschichte
von Verdrängung, Krieg und Gewicht.
Diese Themen, diese Räume, diese Zeiten begleiten den Dichter bis heute, wo er in der Schweiz lebt und eine Familie gegründet hat, die inzwischen auf «vier Betten» angewachsen ist. Die Vergangenheit bleibt ihm indes auch hier eingewachsen. Krause findet dafür eine ebenso klare wie den geheimen Kern des Erinnerns umschwebende lyrische Form.
Das Erinnern ähnelt
dem schmalen Saum am Strassenrand
wo das glitzernde Wasser des Tagszurückfriert ins Dunkel.
Das Schwebende lässt die Leserinnen und Leser mit teilhaben, indem sie eigene (Erinnerungs-)Bilder in ihre Lektüre hineinprojizieren. Krause öffnet ihnen mit seinen Versen, die gerne in doppelzeiligen Strophen angeordnet sind, Räume für eigene Vorstellungen. Vor allem aber ist es die gleichermassen lichte wie kompakte «Sprache / Das heimliche Bonbon», das seine Lyrik auszeichnet. Die Bilder, die er findet, sind so schlicht wie anschaulich, die Worte wirken nie gestelzt, auch wo sie das Alltägliche im vollendet Poetischen aufheben. Die zweifache Erwähnung des wunderbaren Dichters Johannes Bobrowski verortet Krauses Lyrik zusätzlich, poetisch wie geografisch: dessen «Sarmatien» (das nordöstliche Europa) klingt auch bei ihm an. So ist es kein Zufall, dass Bobrowski das letzte «Wort um Wort» in diesem Band gehört:
mit dem müden Mund
auf dem endlosen Weg
zum Hause des Nachbarn
Aus: Neue Gedichte von Thilo Krause und Pius Strassmann. Ein Fokus von Beat Mazenauzer, www.viceversaliteratur.ch, 21. 08. 2021.