Mr. Goebbels Jazz Band
Roman

Berlin, Frühjahr 1940. Auf Beschluss von Joseph Goebbels wird für den Auslandsradiosender Germany Calling eine Big Band gegründet, die als Mr. Goebbels Jazz Band internationale Bekanntheit erlangt. Die besten europäischen Musiker, darunter auch Ausländer, Juden und Homosexuelle, spielen im Dienst der NS-Propaganda wortwörtlich um ihr Überleben – ausgerechnet mit Jazz, der als «entartet» galt. Bis zu 6 Millionen britische Haushalte täglich lauschen den Swing-Stücken mit anti-alliierten Hetztexten und dem Star-Moderator William Joyce alias Lord Haw-Haw, der nach seinem Aufstieg in der British Fascist Union aus London nach Berlin geflohen war. Joyce soll den Erfolg «an der Front im Äther» literarisch dokumentieren lassen. Der dafür ausgewählte Schweizer Schriftsteller Fritz Mahler findet sich im Zuge seines Auftrags, einen Propagandaroman über die Band zu schreiben, in verruchten Berliner Clubs und illegalen Jazzkellern wieder, trinkt zu viel Cointreau, verzettelt sich in seinen Recherchen und muss nicht nur die Skepsis der Musiker überwinden, sondern auch seine gefährlichen Auftraggeber über das schleppende Vorankommen seines Unterfangens hinwegtäuschen.

(Frankfurter Verlagsanstalt)

Die Widersprüche der Propaganda

von Beat Mazenauer
Publiziert am 18.07.2023

Die Propaganda bedient sich aller Mittel, mögen sie der eigenen Ideologie auch widersprechen. Davon handelt Demian Lienhards zweiter Roman Mr. Goebbels Jazz Band. Er erzählt die Geschichte eines Jazzorchesters, dass unter der Schirmherrschaft von Propagandaminister Joseph Goebbels in den frühen 1940er-Jahren dafür sorgte, dass die deutsche Propaganda die englische Bevölkerung mit «allerfeinsten Propagandajazz» erreichen konnte. Dabei spielte die Herkunft der Musiker keine Rolle; das Orchester bot Juden, Staatenlosen oder vom Wehrdienst Bedrohten Unterschlupf. Voraussetzung war einzig, dass sie exzellente Musiker waren. Spiritus rector dieser Idee war der englisch-irische Faschist William Joyce alias Wilhelm Froehlich, einer der Köpfe der faschistischen Bewegung in Grossbritannien. Zuhause von Internierung bedroht, floh er nach Deutschland und etablierte sich im Dritten Reich mit einer eigenen Sendung als populäre Radiostimme. Eloquent, giftig und gewieft verband er in «Germany Calling» News, Satire, Propaganda mit schmissiger Jazzmusik. Hier setzt nun Lienharts Fiktion ein: Um seine Orchesteridee für die Nachwelt zu bewahren, beauftragt William Joyce einen eher unbedarften Schweizer Autor namens Fritz Mahler damit, die Geschichte des Orchesters zu schreiben. Mahler, der eigentlich nicht so heisst, willigt ein, auch in der Hoffnung, sein erstes Manuskript würde in Deutschland verlegt. Er arbeitet sich nach und nach in die Materie ein und tastet sich langsam durch seine «Schreibhemmnisse» hindurch, um mit den handelnden Personen so weit vertraut zu werden, dass sie ihn als Chronisten akzeptieren. Der Roman Mr. Goebbels Jazz Band ist das Ergebnis seiner Bemühungen. Am Ende schliesst ihn Mahler eher notdürftig und übereilt ab, um danach spurlos zu verschwinden. Sein Manuskript, der Roman, wird ohne Nennung des Autors aufgefunden und schliesslich im Berner Staatsarchiv gelagert.

Es sind bewegte Zeiten, die Demian Lienhard in seinem zweiten Roman zum Thema macht. Mit der Jazzband aus Goebbels Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda hat er eine ausgesprochen schillernde Geschichte ausgegraben. Entsprechend kraftvoll steigt er in ihre literarische Umsetzung ein. William Joyce ist ein ebenso brillanter wie ätzender Zeitgenosse, von sich selbst eingenommen, zwielichtig und zuhause in England ein Landesverräter. Demian Lienhard beschwört mit ihm und dem von ihm gegründeten Orchester den Zeitgeist der Weltkriegsjahre herauf, wobei im mondänen Berlin vom Krieg eigentlich wenig zu spüren ist. Der Alltag, den sein Erzähler Fritz Mahler erlebt, wirkt vom Frontgeschehen unbeeindruckt, die Bars und Cafés sind rege frequentiert und der Alkohol fliesst in Strömen.

Lienhard beweist in seinen Schilderungen ein gutes Gespür für den ebenso attraktiven wie historisch spannenden Stoff. Den wahren Begebenheiten nähert er sich mit einer doppelten Herausgeberfiktion. Der tatsächliche Autor Demian Lienhard behauptet in einem Nachwort, im Berner Staatsarchiv einen Roman entdeckt zu haben, den ein gewisser Friedrich Lanz unter dem Pseudonym Fritz Mahler hinterlassen habe. Der besagte Lanz soll ein Vorfahre Lienhards gewesen sein, was in einem zweiten Nachwort durch den Berner Staatsarchivar allerdings bestritten wird.

Von einem «allwissenden Erzähler» orchestriert, in dem bald der fiktive Fritz Mahler zu erkennen ist, erzählt Mr. Goebbels Jazz Band die wahre Geschichte dieses Orchesters und seines Gründers William Joyce. In der Mitte des eigenen Textes bringt sich der Erzähler selbst als Figur ins Spiel, um den dokumentarischen Charakter mit den eigenen Erfahrungen zu beglaubigen. Diese gewitzte Romankonstruktion reflektiert von Beginn weg die etwas antiquierte Mahlersche Schreibweise, die den Auftraggeber Joyce alias Froehlich zu beeindrucken scheint:

Bemerkenswert! Lange, verschnörkelte Sätze, altmodische Wörter, manierierte Wendungen, es sei, als läse er einen seiner Schulaufsätze, ins Hundertfache vervielfältigt.

Exakt diesem Stil hält Fritz Mahler als Erzähler, respektive hinter ihm Demian Lienhard, die Treue. Damit aber gelangen wir direkt zum Hauptproblem dieses Romans. Der fiktionale Autor befleissigt sich einer Schreibweise, die für die heutige Leserschaft unzeitgemäss klingt und auf effekthascherische Weise originell sein will. Schräge Formulierungen («Mahler war Eigner dieser düsteren Gedanken»), altmodische Genitive («aus des Angelsachsen Mund»), allzu originelle Adjektive («doppelschläfiges Bett», «untergangssehnsüchtiges Volk»), stilistische Ungereimtheiten und lautmalerische Formulierungen («blubber blubber, rülps rülps») behindern mehr und mehr die Lust an der Lektüre. Es ist, wie es einmal heisst, überall «ein leichtes Zuviel auszumachen». Und sobald der Autor Mahler selbst als Figur auftritt, greift der Erzähler vermehrt auch zum erzählenden Wir, mit dem er die Leseerwartung steuert.

(Hier verschliessen wir für einen Augenblick die Ohren, denn natürlich nennt Mahler hier seinen richtigen, also bürgerlichen Namen, der übrigens dem seines Gegenübers erstaunlich nahe kommt.)

Hinzu kommt, dass der Erzähler-Autor trotz «seinem Recht der Allgegenwärtigkeit» den eigenen Stoff nicht wirklich beherrscht, was er auch freimütig zugibt. Mal schwadroniert er wortreich über Kleinigkeiten, um handkehrum interessante Beziehungsverhältnisse mit blossen Andeutungen vom Tisch zu wischen. Der Schlagzeuger Brocksieper meint einmal, wohl mit Recht, «dass Mahler vor allen Dingen sich selbst im Weg stehe».

Auf diese Weise gibt der fiktive Fritz Mahler den spannenden Stoff förmlich preis. Der literarische Urheber Demian Lienhard liefert sich ihm aus. Er wird zum Gefangenen seines nicht sonderlich begabten literarischen Dilettanten und dessen geschwätziger Schreibweise. Mr. Goebbels Jazz Band unterliegt in der Form einem Dilemma zwischen dem eigentlichen Autor und seiner Fiktion. Die Frage stellt sich: Warum greift Lienhard nicht stärker in den Text ein, sondern hält konsequent an seiner Herausgeberfiktion fest? Der erzählerische Dreh wird dergestalt zum Schwachpunkt. Weil es dem Erzähler an Scharfsinn, Gespür und Stil mangelt, bleibt vieles in statu nascendi (wie er selbst wohl formulieren würde), also im unreifen Werden stecken. Das ist ausgesprochen schade, denn immer wieder vermag sich, trotz allem, die historische Beschreibung in diesem Roman zu behaupten.

Wie um doch noch selbst zu Wort zu kommen, bestätigt Demian Lienhard in seinem Nachwort die dem Roman zugrundeliegenden Fakten und zeichnet in aller Kürze nach, wie William Joyce 1946 zum Tod verurteilt wurde und welche Wege die Musiker der Jazz Band nach 1945 beschritten. Dem folgt ganz am Ende das erwähnte zweite Nachwort aus dem Berner Staatsarchiv, in dem die Recherchearbeit des Autors Demian Lienhard mit merklich ironischer Färbung bestätigt wird. Der Name des unterzeichnenden Staatsarchivars Samuel Tribolet ist allerdings seinerseits leicht als Fiktion zu durchschauen, er verweist auf einen Berner Magistraten aus dem 17. Jahrhundert.

In Mr. Goebbels Jazz Band nimmt Demian Lienhard gewissermassen den Jazz literarisch auf, um mit Volten und Fiktionen eine wahrhaftige Geschichte mit wunderlichen Mitteln zu erzählen und den haarsträubenden Widerspruch zwischen Nazi-Ideologie und Goebbelscher Musikpropaganda sichtbar zu machen. Stoff und Schreibweise geraten sich dabei aber leider in die Quere, wodurch das Lesevergnügen etwas strapaziert wird. Demian Lienhard hätte das Buch vielleicht besser «selber» geschrieben, anstatt es seinem Erzähler Fritz Mahler unterzuschieben.