erinnerungsleicht Gedichte
Mehrdeutigkeit und Geheimnisse gehören zu den Gedichten von Pius Strassmann. Unerklärliches klingt beim Lesen nach, berührt und beschäftigt. So entstehen in sorgfältig-geduldiger Bearbeitung Gedichte, von denen Pius Strassmann sagt: «Sie wandeln sich durch die Wasserläufe der seelischen Prozesse in etwas, das uns wirklich betrifft, das uns auf eine ganz intime Art und unspektakulär nahe geht.»
Wie die Texte in den früheren Sammlungen zeugen die neuen Gedichte in erinnerungsleicht von sensibler Wahrnehmung, die sich auch dem Geringsten mit Aufmerksamkeit widmen, und überzeugen durch feinsinnige und feinsinnliche sprachliche Gestaltung. Das musikalische Können des Autors beweist sich einmal mehr in Rhythmik, Klang und Farbe.
(edition bücherlese)
Rezension
Direkter in seinem lyrischen Ausdruck zeigt sich Pius Strassmann in erinnerungsleicht, seinem inzwischen siebten Gedichtband. Die Anrede ans Gegenüber ist unmittelbar, der Blick ins Äussere unbefangen, die Dinge meinen ganz sich selbst. Dafür repräsentativ ist das zweitletzte der Gedichte, das unterschwellig ins interpretatorische Wespennest sticht. «ich seh auch nur die lampe» heisst die erste Zeile, und als Fussnote steht der Hinweis «Zur Lektüre von Auf eine Lampe, Eduard Mörike». Kaum ein anderes Gedicht hat in der neueren Literaturgeschichte derart viel Wirbel verursacht wie der Disput zwischen Emil Staiger und Martin Heidegger über die letzte Mörike-Zeile: «Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst». Ihre verknotete ästhetische Debatte lässt Strassmann ins Leere laufen, indem er die Lektüre «wort für wort» aufhebt in einem sich weitenden Bild, das den Raum mitliest und das Rauschen wahrnimmt, das nachts manchmal in den Wasserrohren zu hören ist. Dieser Zugang mag naiv erscheinen, er ist vor allem aber ungekünstelt und unverstellt.
In seinen Gedichten sucht Strassmann, der auch Musiker ist und Unterricht in Blockflöte erteilt, dem Du, den Dingen, der ihn umgebenden Natur, dem Stadtraum nahe zu kommen, ohne sich in lyrischen Kringeln zu winden. Sein Blick zeugt von inniger Anschauung.
such im verebbenden
die harmonie
kein verlauf
nur präsenz
im stimmenhaus
Zwischen den Zeilen werden dabei konkrete Orte und biografische Begebenheiten sichtbar, die hin und wieder in Fussnoten auch kurz erwähnt sind. Darin wird sichtbar, dass die Lyrik auch ein Mittel ist, eigenes Erleben in neuer Form aufscheinen zu lassen und so aufzubewahren. «das wäre eigentlich alles», schliesst ein Gedicht über eine kurze Begegnung «an der gibraltarstrasse» – mehr will es nicht sein. Diese Unmittelbarkeit verzeiht auch etwas konstruiert wirkende Wortverbindungen wie «lehrlingssichert» oder «punktkleinigkeit». Viel effektvoller sind die lyrischen Widerhaken, die der Autor scheinbar unbefangen in seine Gedichte setzt. Die Zeile «aus reden ein gespräch» offenbart auf kleinstem Raum einen eklatantes Dilemma: das Gespräch als Ausrede? Oder: «allein bleibt die welt weg» klingt so beengend wie öffnend. Und was ergibt sich, wenn Scheit um Scheit in den Korb geworfen wird:
über den scheitern
darin unsre wünsche rauschend
verglühn
Unvermittelt öffnet Pius Strassmann hier die Bedeutungsweite seiner Zeilen und verleiht ihnen doppelten Boden.
Aus: Neue Gedichte von Thilo Krause und Pius Strassmann. Ein Fokus von Beat Mazenauzer, www.viceversaliteratur.ch, 21. 08. 2021.