Immer zwei und zwei
Roman

Wirklich sie selbst ist Natali nur, wenn sie im Atelier mit dem Meißel am Alabaster arbeitet. Hier ist sie ehrlich sich selbst gegenüber, erlebt glückliche Momente, hier kann sie sich eingestehen, dass zu Hause einiges in Schieflage geraten ist. Die Enge nimmt ihr den Atem zum Leben, die Abhängigkeit von ihrem Mann wächst. Dass Ehe und Familie auch anders gelebt werden könnten, ist nicht vorgesehen, denn Natali lebt mit ihrer Familie in einer religiösen Gemeinschaft, in der klare Regeln gelten. So bestimmt der Mann, wo die Familie den Urlaub verbringt, und die Kinder lernen in der Sonntagsschule, dass Gott auch ein strafender Gott sei, der genau erkenne, wer in den Himmel komme.
Natali wuchs in einer religiösen Familie auf. Dass sie auf die Kunsthochschule wollte, war ein Tabubruch. Doch sie setzte sich durch, um schon bald zurückzukehren, nachdem sie Manuel kennengelernt hatte. Nun jedoch bekommt die heile Welt in der Gemeinschaft zunehmend Risse. Natali öffnet Tür um Tür, sie lernt eine alleinstehende Theologin kennen, sie führt lange Gespräche mit Christof, dem Atelierpartner, sie sieht eine Verantwortung ihren Töchtern gegenüber, die mehr als nur diesen schmalen Ausschnitt der Welt kennenlernen sollen, um sich zu eigenständigen Persönlichkeiten zu entwickeln. Und vor allem kann Natali immer weniger verleugnen, dass sie, falls sie so weiterlebt, langsam erstickt.
In ihrem zweiten Roman dringt Tabea Steiner tief in die Strukturen einer Glaubensgemeinschaft ein, deckt die unausgesprochenen Gesetzmäßigkeiten auf und begleitet ihre Figuren auf dem schwierigen Weg, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

(edition bücherlese)

Den inneren Kern frei meisseln

von Tamara Schuler
Publiziert am 13.03.2023

Natali ist Lehrerin, Mutter zweier kleiner Töchter und fest eingebunden in ihrem Leben und ihrer Glaubensgemeinschaft. Die Freikirche ist fixer Bestandteil der Wochenroutine, vor dem Essen spricht ihr Ehemann Manuel das Gebet und die Kinder gehen selbstverständlich in die Sonntagsschule. Doch alles ändert sich, als sich Natali verliebt — in eine Frau.

Einfühlsam erzählt Tabea Steiner die Geschichte von Natali und traut der Leserin dabei einiges zu. Vieles wird nur angedeutet oder bleibt komplett unausgesprochen, in szenischen Momentaufnahmen wird die beklemmende Atmosphäre deutlich, die für Natali längst Alltag ist. Diese Situationen sprechen für sich und widerspiegeln auch die engmaschige Gemeinschaft der Freikirche: Man schaut aufeinander. Was durchaus auch positiv sein kann, wird im Negativen umso deutlicher: Mit subtilen Anmerkungen und Bibelzitaten werden die Schäfchen im Zaun gehalten, selten wird etwas direkt gesagt, noch seltener hinterfragt. Die patriarchalen Strukturen der Kirche sickern ungefiltert auch in Natalis Ehe: Oft trifft Manuel Entscheidungen ohne sich mit ihr abzusprechen, selten lässt er eine andere Meinung gelten als die eigene.

Hast du die Gemeindemail gesehen? Manuel trug seinen Rechner zu Natali. Sie öffnete ihre Nachrichten auf dem Telefon, schaute im Spamordner nach, ich habe nichts erhalten, warum meinst du? Du bist definitiv für die Predigt eingeteilt, er leitete ihr die Nachricht weiter. Was ist das denn? Natali hielt sich den kleinen Bildschirm nah vors Gesicht, mich hat nie jemand gefragt. Der Pfarrer wollte vor ein paar Wochen wissen, ob wir dann noch hier sind, oder bereits in den Ferien. Manuel klappte seinen Rechner zu.

Etwas Abstand findet Natali in ihrem Atelier. Man erfährt, dass sie einst Kunst studieren wollte, abgelehnt wurde, bald darauf schon Manuel traf. Nun formt sie kleine Figuren aus Ton und be-sucht einen Bildhauerkurs, während ihr Atelierpartner Christof malt. Der Steinblock, den sie sich zu Beginn des Buches kauft und nach und nach mit Hammer und Meissel bearbeitet, wird zur Metapher ihrer eigenen Entwicklung: Mit viel Ausdauer löst sich Natalie aus ihrer Versteinerung, nach und nach nimmt sie die Form an, die in ihrem Innern schon lange ruhte. Christof wird dabei zu einem umso wichtigeren Vertrauten, je mehr sich Natali von ihrer Glaubensgemeinschaft entfernt.

Natali holte Luft, tauchte in eine Rolle, stieß sich mit den Füssen am Beckenrand ab und schwebte ein paar Meter, bevor sie weiterkraulte. Sie schob das Wasser an ihrem Körper entlang, Bahn um Bahn, von einem Rand zum anderen. Sie hielt kurz inne, tauchte wieder ab, holte lang aus, zog sich am Wasser nach vorn, ackerte durch dieses Element. Noch ein paar Bahnen, ein paar würde sie noch schaffen. Sie zuckte zusammen, schlug mit dem Bein aus, kam ins Strudeln, ihr Fluss war unterbrochen. Kristin tauchte neben ihr auf, sie hatte Natali am Fuß gepackt und lachte.

Kristin ist Pfarrerin und Seelsorgerin, jedoch einigermassen offen lesbisch und nicht teil von Natalis Freikirche. Die beiden lernen sich während einer Weiterbildung kennen, bleiben in Kontakt, verlieben sich ineinander. Als Natali Manuel gesteht, was gerade bei ihr geschieht, zieht er mit den Töchtern zu seiner Mutter. Lange hofft man darauf, dass wenigstens Natalis langjährige Freundin Rosalie, ebenfalls strenggläubig, zu ihr hält. Doch diese ist vollauf mit Hochzeitsvorbereitungen beschäftigt und überfordert mit Natalis Sinneswandel. Also erkämpft sich Natali alleine, Schritt für Schritt ihre Autonomie zurück, zieht in eine Wohnung, sucht immer wieder das Gespräch mit Manuel, der Kinder wegen:

Manuel zog seinen Kittel aus und legte ihn auf die Küchenzeile, ich habe aber nicht viel Zeit. Natali schob sich mitsamt ihrem Stuhl etwas zurück, danke, dass du gekommen bist. Manuel blickte auf ihren Scheitel, ihre Hände, sie knetete die Finger. Natali hob den Kopf, aber ihre Blicke verfehlten sich, wie Magnete, die verkehrt herum zusammengefügt werden. Sie erhob sich.

Wie unglaublich schwierig und einsam Natalis Weg ist, zeigt Immer zwei und zwei gekonnt und nuanciert. Bedingt durch die Textform werden nicht alle Figuren in gleichem Masse fassbar; be-sonders die Männer, allen voran Manuel, bleiben eher eindimensional. Gleichzeitig bietet die reduzierte Sprache den nötigen Platz für Ambivalenzen und lässt viele Fragen bewusst offen. Es wäre spannend gewesen, etwas mehr über Natalis Verhältnis zu Gott, jenseits aller kirchlichen Traditionen, zu erfahren. Doch soweit ist Natali am Ende dieses Buches vielleicht selbst noch nicht; Gott war einfach immer da in Form von Regeln und Ritualen, die von klein auf an sie herangetragen wurde. Immer zwei und zwei ist damit nicht zuletzt auch ein Angebot zur Annäherung an Glaubensgemeinschaften, die von aussen nur schwer zugänglich sind.