Spurlos in Neapel
Roman

Was wäre in Neapel aus ihm geworden, in der Stadt seiner Eltern? Als Kind plagte ihn die Angst, die Schweiz und alle seine Freunde verlassen zu müssen. Darum war es für ihn wie eine Befreiung, als 1980 in Süditalien die Erde bebte und innerhalb von neunzig Sekunden die Rückkehrpläne der Eltern in Schutt und Asche lagen.
Nach dem Tod des Vaters, viele Jahre später, begibt sich der Erzähler auf Spurensuche nach Neapel, eine Stadt, deren Sprache er spricht, deren Gesetze ihm aber fremd sind. Unter den vielen Geschichten, die er hier hört, lässt ihn eine nicht mehr los, die Geschichte von Antonio Esposito: ein gestohlenes Migrantenkind aus Westafrika, das in eine Camorrafamilie aufgenommen wurde, eine kriminelle Karriere machte und dann spurlos verschwand.
Was ist aus diesem Antonio geworden? Ist er tot? Hat er eine neue Identität angenommen? Oder ist er untergetaucht im hoffnungslos überfüllten Castel Volturno, als Namenloser unter Tausenden von afrikanischen Migranten?

(Rotpunktverlag)

Rezension

von Marina Galli
Publiziert am 22.02.2023

In seinem im Rotpunktverlag erschienenen Roman nimmt uns Franco Supino mit auf eine literarische Reise nach Neapel. Der namenlose Ich-Erzähler, ein wie der Autor in der Schweiz als Sohn von italienischen Gastarbeitern aufgewachsener Schriftsteller, begibt sich nach dem Tod des Vaters auf Spurensuche in eine Welt, die ihm nah und doch fern, bekannt und unbekannt zugleich erscheint:

Vater war überraschend gestorben, ohne je ernsthaft krank gewesen zu sein. Vielleicht aus schlechtem Gewissen und weil er meine Reisen nicht mehr sehen und nicht mehr kommentieren konnte, hatte ich das Gefühl, ich müsse zurück, immer wieder zurück, dahin, woher er gekommen war und wo er gerne gestorben wäre, als würde ich suchen was er – und wohl auch ich – seit Jahren vermisste.

Anfangs ist das Vorhaben des Ich-Erzählers noch sehr vage, er weiss nur, dass er über Neapel und die Mafia schreiben will, aus der Perspektive von jemandem, der womöglich dort aufgewachsen wäre, hätte das verheerende Erdbeben von 1980 die Rückkehrpläne der Eltern nicht zunichte gemacht. Und so wird diese Was-wäre-wenn-Frage zum ständigen Begleiter des Erzählers bei seiner Recherche, in der es nicht zuletzt darum geht, sein eigenes, ambivalentes Verhältnis zu dieser Stadt, die er «wohl auch» – so sicher, scheint er sich darüber nicht zu sein – vermisst hat.

Was folgt, ist der Versuch einer Annäherung an eine schwer zu fassende Stadt, die sich jeder herkömmlichen Logik – zumindest aus Sicht des ordnungsgewöhnten (oder verwöhnten?) «akribischen» Schweizers, wie sich der Ich-Erzähler einmal selbst beschreibt – zu entziehen scheint. Und so bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich auf die Stadt und somit auch auf seine eigene Biografie, der er sich, wie er behauptet, stets verweigerte, einzulassen. Er folgt Spuren, trifft Menschen, sucht Orte auf, kurzum: Er lässt sich treiben und sinkt so nach und nach tiefer in die Schichten und Geschichten Neapels ein. So stösst er schon bald auf eine Figur, die ihn nicht mehr loslässt: Antonio, genannt O’Nirone, ein mysteriöser Schwarzer Mafiaboss, der als Kind vom mächtigen Esposito-Clan aufgenommen und spurlos untergetaucht zu sein scheint. Fasziniert von dieser Aussenseiter-Figur, folgt der Ich-Erzähler allerlei Fährten und Indizien, denn ganz so spurlos, wie es der Titel des Romans vermuten lässt, war das Verschwinden von Antonio Esposito nicht. Er trifft Journalisten, Mafiosi, ehemalige Nachbarinnen und Verwandte des geheimnisvollen Mafia-Ziehsohns und lässt ihn und dessen Camorra-Familie so wiederaufleben, durchaus empathisch, doch ohne in Mafia-Romantik zu verfallen, Kriminalität zu verklären oder Gewalt zu verherrlichen. Supinos Sprache ist einfühlsam, sensibel und flüssig, wie gebannt folgt der:die Leser:in dem Erzähler durch eine Stadt, die nicht nur aus einem «Geflecht von Abhängigkeiten», sondern auch aus einem unfassbaren Reichtum an historischer Sedimentation zu bestehen scheint: En passant erfährt man dabei allerlei Interessantes über Neapels Babyklappe aus dem 14. Jahrhundert, die versunkene römische Siedlung im Golf von Neapel bei Baia, ein seismologische Phänomen namens Bradisismus, das dazu führt, dass sich die Erde bei Neapel mehrere Zentimeter jährlich und sogar Millimeter täglich heben und senken kann oder über das Pompeij-Rot, das eigentlich ein Gelb war, welches durch die Hitze des Vulkanausbruchs verfärbt wurde. Gleichzeitig werden die Perspektivlosigkeit der Jugend, die Ausbeutung von Migrant:innen auf Tomatenfeldern, der Rechtsnationalismus der einen und die Politikverdrossenheit der anderen, die Verwicklung der Mafia im Menschenhandel, das Abfallproblem und die ganze Misere thematisiert, die mit der organisierten Kriminalität einerseits und einem versagenden Staat andererseits einhergeht.

Der Ich-Erzähler kämpft mit dieser so gewaltig erscheinenden Diskrepanz zwischen zwei so nahen, und doch so unterschiedlichen Welten, die ihn nicht loslassen: der Schweiz auf der einen und Neapel auf der anderen Seite. Eine Diskrepanz, in der er sich nicht ohne Mühe immer mehr zu bewegen und zurechtzufinden lernt, denn es wäre ein grosser Irrtum zu glauben, es reiche aus, die Sprache zu kennen, um dazuzugehören: «Wenn ich wenigstens die Sprache nicht könnte, dann wäre mir das nicht passiert, dachte ich», meint der Ich-Erzähler an einer Stelle verzweifelt über seine Unkenntnis der sozio-kulturellen Codes. Es sind die Umgangsformen, Verhaltensweisen, das Zwischen-den-Zeilen-Lesen und die Tabus, die für einen Aussenstehenden so schwierig zu durchschauen sind. Die Tatsache, dass sich das Thema der Zugehörigkeit und des Sich-fremd-Fühlens oder Fremd-gemacht-werdens nicht auf eine Realität beschränkt, verleiht dem Roman zusätzlich Tiefe. Denn als Kind von italienischen Gastarbeitern in der Schweiz weiss der Ich-Erzähler, was es heisst, ein Aussenseiter zu sein:

Ich wollte ihm sagen, dass ich es vielleicht ein bisschen besser wisse als er. Ich sei in einer Zeit und an einem Ort aufgewachsen, an dem man als Italiener diskriminiert wurde. Ich schämte mich meine ganze Kindheit lang für meine Herkunft, und das bedeutete: für meine Eltern. Immer wieder wurde ich an meine Minderwertigkeit erinnert, vielleicht sogar, ohne dass diejenigen, die mir dieses Gefühl gaben, es gewollt hatten. Man grenzt aus, ohne ein Bewusstsein dafür, dass man es tut. Das ist Rassismus. Offen gezeigter Rassismus ist Fremdenhass. Das hätte ich ihm gerne gesagt.

Was nach der Lektüre bleibt, ist das Gefühl einer ungeheuren Vitalität: Es brodelt, wimmelt und sprudelt in, um und unter dieser Stadt am Fusse des Vesuvs, zu der gleichermassen Lila und Lenù, Pulcinella und Maradona, Pino Daniele und die Schwarze Madonna gehören. Das Alte und Neue, das Schöne und der Zerfall, Gewalt und Hoffnung koexistieren, und wenn man sich beim Lesen zuweilen fragt, was echt und was erfunden ist, so ist es vielleicht genau das, was Supino uns sagen will: Der Reiz – und die Herausforderung – in der Begegnung mit Neapel liegt darin, das sich-Vermischen von Realität und Fiktion, Mythen und Legenden als Teil der Wirklichkeit der Stadt zu akzeptieren, denn es sind gerade diese Widersprüchlichkeiten und Gegensätze, die die Lebendigkeit der Stadt im Positiven wie im Negativen ausmachen.