Langsamer Schallwandler Gedichte
«Vera Schindler-Wunderlich hat bisher zwei sehr beachtete Lyrikbände vorgelegt mit Gedichten, die sich ähneln in ihrem starken lyrischen Duktus. Nun hat sich ein Schallwandler in ihre Poesie hineingeschoben, es ergibt sich ein neuer Ton. Die dezidiert und sicher gesetzten Überschriften ihrer Gedichte klingen, als würden sie noch einmal ins Visier holen wollen, was in der Lyrik einmal so selbstverständlich, auch schön war: «Vom fernen, glücklichen Fest», «Mittlere Brücke», «Nicht umkommen wollen im April», «Das Maß des Gießens». Dann stoppt sie, die Lyrik, beinahe sofort, oder mittendrin; lässt Rufe hören; befragt, «wie bitte?»; schleust echte und fiktive Zitate ein. Etlichen der hier vorgelegten Texte, ob im experimentellen oder im eher vertrauten Stil gehalten, liegt etwas zugrunde, was schon früher bei der Dichterin anklang: eine feine Selbstbefragung der Zeilen. Immer wieder neu zu begehende Textlabyrinthe entstehen so, sei es über Alltägliches, sei es über Abgründiges.» (Liobe Happel)
Die Sprachen der Lyrik
Eine ganz andere poetische Form präsentiert Vera Schindler-Wunderlich in ihrem neuen, bislang dritten Gedichtband Langsamer Schallwandler. Bereits die Anordnung auf der Seite markiert das experimentelle Spiel, das sich der üblichen Lesart entzieht, diese vielmehr zu einer Anpassung zwingt. Ein Blick auf den Titel lohnt sich zur Einstimmung. „Schallwandler“ wandeln, gemäss Lexikon, akustische Signale in elektrische Spannung respektive umgekehrt elektrische Spannung in akustische Signale um. Wir kennen den Vorgang vom Mikrofon respektive vom Lautsprecher. Bei dieser Umwandlung können sich gerne Effekte wie Knistern, Aussetzer oder Nachhall einnisten, was die reibungsfreie Wiedergabe stört. Auf ihre Art spielt Vera Schindler-Wunderlich damit, wenn sie, sagen wir, alltägliche Eindrücke und Erfahrungen in freie Verse umwandelt. Diese Prozesse geschehen manchmal reibungslos, oft aber nisten sich eben Lücken, Halleffekte und Sprachfehler mit ein, beispielsweise in «Auch wenn»:

Das Beispiel zeigt, dass hier eine neue Form des Lesens – akustisch, visuell, zeichenhaft – notwendig ist, nicht um primär hinter diese lyrische Komposition zu gelangen, sondern um sie sich erst anzuverwandeln durch den Wandler der eigenen Eindrücke.
Damit ist gleich die Herausforderung benannt, die Vera Schindler-Wunderlich aufgibt. Ihre Gedichte, die wohl gemerkt auch herkömmlichere lyrische Formen mit beinhalten, zielen nicht auf ein einfaches Verstehen, sie wollen spielerisch ergründet, erlebt sein. Das obige Zitat mündet schliesslich in eine Wortliste von «ablegen ach an An aß Auch … wurde wurde zog zu zu», in der das Gedicht in alphabetischer Reihenfolge aufgehoben ist.
Was ist hier reine Spielerei, was hat Bedeutung und welche? Diese Gedichte verweigern eine einfache Antwort – was ein genuines Recht von Poesie ist. Vielmehr fordern sie heraus, eigene Lesarten zu finden, für sich Wortbilder und Metaphern zu entdecken, die haften bleiben wie der Schallwandler. Unter der Überschrift «Beischaltung einer Instanz» erhält dieser Titelgeber eine metaphorische Bedeutung, die auf die Lektüre abfärbt: «Das Herz / ist Schallwandler, Kammer, bedenklicher Renner –». Der Stelle voran gehen die Zeilen
Wir werden wieder einweichen
ergiebiger schlafen,
ohne zu knirschen
ohne uns zu zerlegen
Vera Schindler-Wunderlich variiert ihre Lyrik formal und bringt ihren Schall neu zum Schwingen. Dabei behält sie den sprachkritischen Gestus, der sich in ihren ersten beiden Bänden gern auf öffentliche, behördliche Verlautbarungen bezieht, weiterhin bei. Die verfremdende Sprechstörung («Kkann ichh nicht spre?»), das überraschende Wort («par(le) la-ment» ), die Lautmalerei («Feinstes Schein-Geschrei») sind die Pforten, durch die die Lektüre hier Eingang findet. Dahinter werden dann unweigerlich Basel als urbane Topografie, der Widerstand gegen ein reibungsloses Funktionieren im Beruf oder Szenen aus dem Alltag erkennbar.
Aus: «Die Sprachen der Lyrik». Ein Fokus von Beat Mazenauer, www.viceversaliteratur.ch, 23. 01. 2023