So ist es eben
Roman

In einem Dorf mit erbarmungslosem Föhn, rund um eine lokale Tradition, ein gemeinschaftliches Chabis- und Schaffleischkochen, bringen sich die Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner in Position, verschweigen einander Wesentliches, versichern sich ihrer Identität und verwahren sich mehr oder minder erfolgreich gegen Neues. 
Nur einem ist das gänzlich gleichgültig, einem alles durchziehenden Fallwind. Gemeinsam der Unbill und der Schönheit des Wetterphänomens ausgeliefert, kommt es zu Verschiebungen in der dörflichen Familienaufstellung, zu Reibungen, Neuanordnungen und einem Knall. 
Davon, wie alles zusammenhängt, von wohin die Schuhspitzen zeigen über den Wind hinaus bis zu den schiefhängenden Kupferstichen im Trauungszimmer. Vom Zögern und vom Anlaufnehmen, kurz bevor das Leben die Richtung ändert. 

(Die Brotsuppe)

Aus den Fugen

von Beat Mazenauer
Publiziert am 14.12.2022

Der Föhn ist ein warmer, trockener Fallwind auf der Leeseite eines Gebirges. Die sachgerechte Definition verbirgt das Eigentliche des Föhns: das laute Brausen und Toben und den Alpdruck, der wetterfühligen Menschen aufs Gemüt schlägt. So ist es eben in den Föhntälern. Davon erzählt Noëlle Gogniat in ihrem Debütroman So ist es eben. Beim Ort, in dem ihr Buch spielt, könnte es sich um Altdorf handeln, mit dem engen Dorfplatz und dem Dorfhelden auf dem Sockel, um den der Postbus mühsam herumkurven muss. Edi, sein Fahrer, sieht von seinem Sitz aus alles, er weiss früher als die andern, was abgeht und wer mit wem. Ausser bei Lutz, da fragt er sich schon seit längerem, was der bis halb zwei nachts im Nachbardorf treibt. Edi ist auch Mitglied in der Kulturkommission, die jeweils im September das traditionelle Chabis- und Schaffleisch-Wettkochen organisiert, genauso wie Adriana aus dem Tourismusbüro. Lutz ist ihr bester Freund, Theo ihr periodischer Geliebter und der Fremde, der auf einmal auftaucht – das wird sich erst noch weisen. Mit Hanspeter, Philippe und den anderen diskutiert Adriana mit, wer dieses Jahr kocht und ob es eine Vegi-Variante geben soll. Letzteres ist zwar zeitgemäss, aber umstritten, denn Edi mag Fleisch und der Metzger Alois sitzt mit in der Kommission. Die Frage wäre dennoch vermutlich leicht zu entscheiden, tobte nur nicht der ewige Föhn durchs Tal und zerrte allen an den Nerven. Mit ihm wird aus der Marginalie schnell ein Kulturkampf, der das ganze Dorf erregt und verwirrt. Doch irgendwann lässt jeder Föhn nach.

Diese Ausgangslage verwandelt Nöelle Gogniat, die aus Altdorf stammend ihren Föhn kennt, in ein ausgesprochen munteres dörfliches Panorama. Alle kennen hier alle und alles, und alle tun so, als ob sie nichts wüssten. Deshalb will niemand der Heidi sagen, dass ihr Mann Hanspeter mit der Gemeindepräsidentin Ruth etwas hat, obwohl Heidi, die Königin des Dorftratschs, natürlich auch darüber längst im Bilde ist. Die Frage ist allein, wer sich als erster oder erste vor ihr verspricht. Wenn der Föhn tost, ist das leicht möglich. Es ist dieses gesellschaftliche Spiel des Verheimlichens, die Kunst der Andeutung und der vielsagenden Lücke, die Gogniat wunderbar beherrscht. Stilistisch eingängig, oft an der gesprochenen Sprache orientiert, gibt sie Einblick in diese Mechanismen, ohne selbst alles auszuplaudern. Zwischen den Prosapassagen, die innerhalb einer kurzen Spanne im September spielen und zwischendurch auch zeitlich zurückblenden, findet eine Chatkommunikation über das besagte Wettessen statt, an dem sich die Gemüter erhitzen. «Irgendwie scheinen hier alle ständig in alles einzugreifen», wundert sich der Fremde, der in Altdorf strandet, weil am Axen ein Fels den Weg versperrt. Was er als übergriffig empfindet, ist wichtiger Teil des Gemeinwesens, das gerade deshalb zusammenhält. Viel anderes passiert im Dorf ja nicht. Die Enge zwischen den aufragenden Bergen verlassen will eh nur Theo, der trotzdem immer wieder zurückkehrt. Edi bringt es herrlich auf den Punkt, wenn er meint, für eine Fahrt in einem überdimensionierten Camper auf einem amerikanischen Highway «würde es sich lohnen, etwas von der Welt zu sehen».

Noëlle Goignat beweist ein gutes Sensorium für die genau beobachteten, witzigen Details, die sich zu einem feinen Netz flechten und all das Ungesagte umgarnen. Ihr Buch liest sich leicht und steckt doch voller Raffinesse. Der Föhn ist ein guter Lehrmeister, wie sie den Förster predigen lässt. Experimente hätten gezeigt, dass Bäume ohne Wind keine Wurzeln bilden und deshalb keinen Halt im Boden finden. «Widerstand ist wichtig. Wir fallen um vor Langeweile, wenn alles ideal ist.» Den Satz sollten wir von der Lektüre dieses leise tobenden Romans aufheben.

Beat Mazenauer, «Aus den Fugen». Zwei Debütromane von Anja Schmitter und Noëlle Gogniat. Fokus vom 19.12.2022.