Vollmondhonig

Ein Sonntag im Juni. Sonnenschein, Gelegenheit, draussen zu grillieren. Feuerstellen hats auf der Kastelen, einem Hügel in der Nähe von Willisau mit einer sagenumrankten Ruine. In Sursee verdaut Ermittler Anselm Anderhub im Nachmittagsschlummer einen üppigen Brunch. Böses Erwachen: Er muss ausrücken. Am Fuss der Kastelen sind Kinder beim Spielen auf Fleischliches gestossen. In ungewohnter Position in die Walderde gesetzt.
Im Surseer Wirtshaus ›Zum vollen Mond‹ hängt der Haussegen schon länger schief. Zum Glück haben die Wirtsleute mit dem ›Sternenhimmel‹ in Luzern ein Ausweichlokal. Der Tod des Wirts im Weinkeller und die Identifikation der Kastelen-Leiche – das verdanken wir dem Scharfsinn der Luzerner Kriminalen – bringen die beiden Toten auch nach ihrem Ableben einander nahe. Rein kriminologisch.
Der vierte Fall des Surseer Ermittlers Anselm Anderhub, dessen Eigensinn an Schrulligkeit grenzt, führt die Leserschaft in ein ländlich-kleinstädtisches Soziotop. Bigotterie ist kein katholisches Privileg. Der Mensch ist Mensch, aber Wahrheit nicht Wahrheit. Gehörig Arbeit wartet auf die Luzerner Kriminalpolizei. Die Frage nach der Schuld: Ermessenssache? Gewiss ist eines: Besser als Quittengelee klebt auf der Butter nur Honig.

(Edition 8)

Eine Neigung zum «Verschwurbeln»

von Beat Mazenauer
Publiziert am 31.08.2022

Dem Essen kann auch Peter Weingartner nicht widerstehen, doch bei ihm geht es entschieden bodenständiger zu. Gleich im ersten Abschnitt klopft der Serien-Polizist Anselm Anderhub ein Spiegelei in die Pfanne und brät Speckstreifen dazu. Dazu gibt es frischen Butterzopf. Den sonntäglichen Morgenbrunch lässt er sich nicht nehmen, mag passieren, was will. Doch wenig später wird ein grauslicher Fund entdeckt: eine unbekannte junge Frau in einem Erdloch. Anderhub und das Team von der Luzerner Polizei machen sich auf, eruieren die Identität der Toten, stossen auf das seltsame Gebaren ihres letzten Arbeitgebers und weitere Auffälligkeiten. Allerdings erweist sich der Fall, dem gleich ein zweiter auf dem Fuss folgt, als nicht allzu komplex konstruiert, weswegen es Anderhub gemächlich angehen kann. Er ist ohnehin eher der Geniesser als der akribische Fahnder.

In Sursee als Ort der Handlung herrscht eine landschaftliche Behäbigkeit, die Peter Weingartner trefflich einfängt. Die Wege sind kurz, selbst wenn der Fundort der Leiche etwas ausserhalb liegt und die Kriminalpolizei in der Stadt Luzern ihre Zentrale hat. Im Zentrum steht der in Sursee wohnhafte Anderhub, er bestimmt den Gang der Dinge auch da, wo sein Autor munter die Erzählperspektiven variiert. Anderhub ist ein Charakterkopf mit allen Stärken und Schwächen. Er plaudert seine verwickelten Gedankengänge frisch von der Leber aus, weshalb seine Sprechweise und seine gedanklichen Abschweifungen diesem Krimi den Stempel der Originalität aufdrückt. Geradezu pingelig achtet er auf den durch den Dativ bedrohten Genitiv. Allerdings tut er diesbezüglich des Guten zu viel. Anderhubs sprühender Witz neigt dazu, zu «verschwurbeln», wie er es selbst ausdrücken würde. Der ausgefuchste Rhetoriker klingt oft ausgesprochen langfädig und ungelenk. Aus der einfachen Geduld wird ein «Wartevermögen», der noch nicht festgetretene Boden «harrt in seiner Weichheit der Verdichtung», «männiglich und weibiglich» ergänzen sich, und der zornige Kripochef «kotzt nur noch verbale Brocken». Auch einfachen Metaphern misstraut Anderhub, so dass er sie lieber gleich erklärend definiert. Beispielsweise die «Tränen, die Anderhub mit einem grossen Reptil mit scharfen Zähnen und warziger Haut, das vornehmlich in Flüssen südlicher Gefilde … in Verbindung brachte.» Solche sprachlichen Ungetüme beschweren die Anschaulichkeit und Empathie, mit der Weingartner seine Menschen und ihre Landschaft porträtiert. Sie machen den geradlinigen, einfachen Plot nur sprachlich kompliziert. Und insgeheim stellt sich die Frage, wo die humorige, zugleich doppelbödige Leichtigkeit geblieben ist, die beispielsweise Weingartners Roman-«Blues» Rosa grast am Pannenstreifen (2015) ausgezeichnet hat.