Partita
Notate

In diesen kurzen Notaten, entstanden über mehrere Jahre, reflektiert Gertrud Leutenegger über das Schreiben. Oft sind es Maximen, dann wieder kleine Beobachtungen, bisweilen auch Ausrufe des Erstaunens über sich selbst. Eine Poetik so präzise, lebendig und lyrisch wie Leuteneggers Prosa.

(Nimbus Kunst und Bücher)

Rezension

von Verena Bühler
Publiziert am 05.01.2023

Der Nimbus-Verlag in Wädenswil bringt ein hübsches kleines Büchlein mit Notaten von Getrud Leutenegger heraus. Auf dem hellgrauen Umschlag das Bild einer Winterlandschaft von Ilse Weber und der zweiteilige Titel Partita. Notate, der auf eine musikalische und eine sprachliche Form verweist. Die musikalische scheint wichtiger zu sein als die sprachliche, denn nicht nur steht ‘Partita’ an erster Stelle, das Wort ist auch in grösseren Buchstaben gedruckt als ‘Notate’. Öffnet man das Büchlein, zeigt sich, dass für jedes Notat eine Seite reserviert ist, auch wenn es nur eine oder zwei Zeilen kurz ist, und dass sie jeweils auf gleicher Höhe in der oberen Hälfte jeder Seite beginnen. Dieser Umgang mit der Räumlichkeit zieht den Blick nach oben und lässt Platz für eigene Gedanken. Ästhetisch weniger geglückt sind die Zahlen, von denen es auf jeder Seite zwei, auf jeder geöffneten Doppelseite also vier gibt. Die Notate sind oben mittig nummeriert und zusätzlich befinden sich unten rechts bzw. links am Rand und etwas kleiner gedruckt, Seitenzahlen, die den Nummern der Notate jeweils um vier hinterherhinken. Die Hälfte der Zahlen würde ausreichen, um sich orientieren zu können.

Die vorliegenden Notate entstanden ab Mitte der 1970er-Jahre im Kontext von Gertud Leuteneggers Schreiben. Es sind Begleitprodukte, die sich aus ihrem Schaffensprozess herauskristallisiert haben und bisher nicht veröffentlicht waren. Inhaltlich erforscht die Autorin darin die Bedingungen ihres Schreibens und in vielen Aussagen des literarischen Schreibens allgemein. Als Form habe sich die Partita ergeben, sagt sie, eine Folge von Variationen, die auch dem Tänzerischen zugeneigt seien. Auf die Musik bezieht sich auch ein grosser Teil der Metaphorik. Es ist die Rede von Stimmen, Melodie, Echoraum, Rauschen, Fuge, Ostinato. Mehrmals sagt sie, sie erlebe Sprache als Klang, als Musik.

Eine der Prämissen von Leuteneggers Schreiben ist, dass der poetischen Sprache eine Grenze gesetzt ist: «Unvollkommenheit eines Textes: Entscheidend ist nur, dass die geöffnete Ader, aus der die Sätze strömen, die Hauptschlagader ist»; «Meine Stimme nicht als ein Teil, sondern als eine Grenze der Welten.» Dabei ist es stets ihr Bestreben, mit dem Schreiben bis zum Äussersten zu gehen, darauf setzend, dass die Suggestivkraft der Sprache über die Grenze hinauszuweisen vermag: «Diese Ausblicke in andere Wirklichkeiten, entlegene Orte, versunkene Zeiten in den Text hineinarbeiten, als könnte er sonst nicht atmen».
Leutenegger ist sich bewusst: «Keine Beschreibung um ihrer selbst willen. Sie ist immer nur das Accompagnato eines unaufhaltsamen Dramas». Das «unaufhaltsame Drama» meint «(das) stets erneuerte Wagnis des Lebens. Keine Epoche ist abgeschlossen. Auf einer anderen Stufe, in veränderten Gefühlszuständen, in wechselnder Beleuchtung tauchen Bruchstücke wieder auf und gehen unbekannte Verbindungen ein».

Um einen gewissen Überblick zu gewinnen, würde ich Leuteneggers Variationen zum Schreibprozess nach folgenden Themen gruppieren: das schreibende Ich, sein Verhältnis zu den Figuren, die es erschafft, das Ringen um die Form, das Suchen nach grösstmöglicher Erkenntnis der Welt an den Rändern der sagbaren Wirklichkeit.

Im «unaufhaltsamen Drama» der sich in Räumen und Zeiten stets entfaltenden Welt – «Kein Gegenstand, keine Realität ist gesichert» – kann auch das Ich kein fester Ort sein. «Sätze, über die man am Morgen beim Wiederlesen erschrickt. Vielleicht die einzigen, um deretwillen man schreiben muss». Das schreibende Ich, so postuliert die Autorin, kenne das Innenleben ihrer Figuren nicht, die Figuren hingegen kennten sich untereinander. Und an anderer Stelle: «Die ununterbrochene direkte Rede ermöglicht die grösste Erkenntnis, den geringsten Verrat». Neben ihrer grossen Autonomie weisen die Figuren über sich hinaus, denn sie «gehören einer grösseren Ganzheit an, einer Komplexität, deren Schichten noch verborgen sind». Das könnte Koketterie sein oder Grössenwahn, oder aber echte Bescheidenheit des schreibenden Ichs. Angesichts der Unschärfe des Ichs an der Grenze der Sprache ergibt sich das «Schwebende, Fragende, Sphärische». Das Ich ist erfüllt von einer «Glut der Ahnung. Denn noch erkenn ich nicht. Aber mein Gefühl weiss». Überhaupt ist «Schreiben (...) wie ein Verbrennen», «(d)as Ich (...) der Ort, wo Figuren zusammentreffen, sich kreuzen, vereinigen: Eine Welt aufflammen lassen». Die häufige bildliche Verwendung des Feuers klingt an die religiösen Traditionen an, in denen es für Reinigung und Befreiung steht.

In der sprachlichen Welt der Getrud Leutenegger gibt es zwar Unsicherheiten und Momente der Hoffnungslosigkeit und des Schmerzes. So spricht sie vom «Schwierige(n), gefahrvolle(n) Weg der Menschwerdung», von «Glück und Schmerzen». Schreiben ist «(a)us meinen Schmerzen ein Fest machen», doch letztlich weiss die Autorin sich aufgehoben in einer sinnvollen Welt, in der es möglich ist, den Sinn zu erkennen. Sie spricht von einer «höheren Ordnung», vom «(...) Feuerschein der Liebe, welcher die träumende Materie durchstrahlt». Die Sinnsuche mit den Mitteln der poetischen Sprache ist teilweise religiös, pantheistisch, andeutungsweise auch christlich gefärbt: «Durch das Rauschen der Sprache hindurch den Leib sichtbar werden lassen»; «die Hoffnungslosigkeit über das Schreiben nicht fliehen, sondern gerade aus ihr heraus arbeiten»; «Durchsichtig werden auf die Welt, den Abgrund der Schöpfung»; «Spielen mit meinem Gott» - Das Wort ‘Gott’ verwendet Leutenegger nur dieses eine Mal.

Leutenegger ist sich bewusst, dass ihre Notate esoterisch oder überdreht wirken könnten und grenzt sich gegen Ende des Büchleins explizit von dieser Lesart ab: «Absage an die Phantastik. Alles wächst aus den Gegenständen. Transparenz der Natur. Dem Äussersten entlangschreiben, doch seiltänzerisch sicher vor allem Verschrobenen, Verstiegenen, Wahnsinnigen».