Der rote Diamant Roman
«Pass dich an, dann überlebst du», bekommt der elfjährige Arthur Goldau zu hören, als ihn seine Mutter im Herbst 1963 im Klosterinternat hoch in den Schweizer Bergen abliefert. Hier, wo schon im September der Schnee fällt und einmal im Jahr die österreichische Exkaiserin Zita zu Besuch kommt, wird er zum «Zögling 230» und lernt, was schon Generationen vor ihm lernten.
Doch das riesige Gemäuer, in dem die Zeit nicht zu vergehen, sondern ewig zu kreisen scheint, birgt ein Geheimnis: Ein immens wertvoller Diamant aus der Krone der Habsburger soll seit dem Zusammenbruch der österreichischen Monarchie im Jahr 1918 hier versteckt sein. Während Arthur mit seinen Freunden der Spur des Diamanten folgt, die tief in die Katakomben des Klosters und der Geschichte reicht, bricht um ihn herum die alte Welt zusammen. Rose, das Dorfmädchen mit der Zahnlücke, führt Arthur in die Liebe ein, und durch die Flure weht Bob Dylans «The Times They Are a-Changinʼ».
The Times They Are a-Changin’: Ein faszinierend schräger Roman von Thomas Hürlimann
Innerhalb der mächtigen Mauern des hoch in den Bergen gelegenen Klosters Maria Schnee befindet sich das Knaben-Internat, und dort wird der bald mit dem Spitznamen «Nase» versehene Ich-Erzähler etliche Jahre zubringen. Im Alltag der allmählich zu Männern heranwachsenden Zöglinge herrscht seit Jahrzehnten der Ewige Tag:
Da war keine Zeit, die verging, da war eine Zeit, die kreiste, was sein wird, war; was war, wird sein. Um zehn nach fünf wurden wir geweckt, dann Morgengebet, dann Studium, dann Heilige Messe, dann Frühstück, dann Schule … und es glichen sich die Vormittage, die Nachmittage, die Abende, die Sonntage, die Marienfeste, und immer war es Winter, und immer schneite es, und der Ewige Tag, in dem ein erstes Jahr verging und bald ein zweites Jahr vergehen würde, bohrte die Hirne aus.
Die exakt ausgeklügelte und aus Prinzip gewollte Monotonie scheint kein Ende zu nehmen:
Gefässe sollten wir werden, ausgehöhlt und glatt geschliffen vom Ewigen Tag: Vasen.
Und doch gilt auch hier, in den 1960er-Jahren vielleicht mehr als zu anderen Zeiten, dass nichts im Leben so bleibt, wie es war – selbst wenn viele Jahre hindurch immer das Gleiche passiert, an jedem 1. April zum Beispiel der rituelle Besuch der Wiener Kaiserwitwe Zita, als deren letzte Untertanen sich die Klosterbrüder verstehen. Die Botschaft von Bob Dylans im Roman mehrfach zitierter, epochaler Hymne The Times They Are a-Changin’ macht auch vor den dicksten Klostermauern nicht halt. Und am Ende ist es dann soweit:
Es war im Frühling 1968, als die still kreisende Zeit von Maria Schnee plötzlich ins Stolpern kam. Bruder Frieder, eigentlich der Katechon, der die Zeitlawine aufhalten sollte, soff sich zu Tode. Die Zöglinge verbrannten ihre Kutten, und als sich die Kaiserin am Vormittag des 1. April von der Himmelskönigin verabschiedete, hing aus dem Glockenturm, der die Zeit anzeigte, die Fahne mit dem Stern des Vietcong.
Halleluja!
Wer es noch nicht weiss, erfährt aus dem Klappentext zu seinem neuen Buch, dass der 1950 in Zug geborene Dramatiker, Erzähler und Essayist Thomas Hürlimann zwischen 1963 und 1971 das Gymnasium im Kloster Einsiedeln besucht hat. Selbstverständlich darf man diese acht Jahre als Folie für den Schauplatz und das Personal seines jüngsten Romans Der Rote Diamant betrachten – überstrapazieren sollte man die Parallelen allerdings nicht. Die hilfreiche und notwendige Verankerung des Erzählstoffs in der Zeitgeschichte dominiert die vertrackte Romanhandlung keineswegs. Sicher, die jüngere Historie der Habsburger und die der Eidgenossenschaft, das auf die Studentenrebellion von 1968 zulaufende politische Geschehen und die sich seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil langsam wandelnde katholische Theologie und Liturgie grundieren die schräge Klostergeschichte. Wichtiger jedoch – und für das Lesevergnügen des Publikums entscheidend – ist: Der mit übersprudelnder Erzählfantasie gesegnete Fabulierer Thomas Hürlimann hat mit plattem Realismus nichts zu tun und lässt es auf mehr als dreihundert Buchseiten gehörig krachen. Mit grimmiger Komik und scharfer Satire, ja mit beissendem Spott muss man rechnen, in den Porträts der heftig pubertierenden, bisweilen nichts als Unsinn im Sinn habenden Mitschüler, vor allem aber in den Schilderungen der physisch und psychisch vom Zweiten Weltkrieg versehrten, lebenslang traumatisierten und auffallend oft von Antisemitismus nicht freien Klosterbrüder und Gymnasiallehrer. Da ist der wahnsinnige Pater Typotius, der während der Physikstunde schon mal auf eine seiner im Klassenzimmer herumtobenden Mäuse tritt, da ist der feinsinnige Pater Erlebald, der den Knaben Lessings Nathan nahebringen möchte – und eine Überraschung erlebt:
Lessings Nathan, ach du meine Güte, das war die verstaubteste Geistesperücke der deutschen Literatur, und damit wir bei dem öden Gesülze über die Toleranz nicht vor Langeweile umkamen, regte Clown Giovanni an, den hehren Gestalten Tierstimmen zu verleihen. Holla, da feierte der tote Klassiker sofort eine fröhliche Auferstehung ….
Was Bruder Frieder, Erlebalds Vorgesetztem, gar nicht gefällt. Hat dieser Frieder, der einmal Metzger und SA-Mitglied war, wirklich den jüdischen Baron Steiner ermordet, «Nases» Grossonkel, der angeblich den Roten Diamanten nach Maria Schnee gebracht hat? An skurrilen Typen mangelt es Hürlimanns Geschichte gewiss nicht. Wohl aber an Frauenfiguren. Auch wenn Mimi Katz, die ihren Sohn nicht «Nase», sondern «Arthi-Darling» nennt, mehrfach ihre Auftritte hat – alle anderen Frauen, so sie dann doch einmal vorkommen, sind kaum mehr als irritierende Gestalten aus verschwitzten Schülerträumen. Abgesehen natürlich von der einen, der verehrten, vergötterten, heiligen Frau, zu der man während der Messe emporblickt.
Der Titel des vierteiligen Romans lässt es bereits vermuten, und spätestens als der raubeinige New Yorker FBI-Agent Jerry Cotton auftaucht, ist klar: Mit Kolportage- und Krimi-Elementen wird man hier ebenfalls konfrontiert, und das nicht zu knapp. Denn schliesslich geht es zentral um ihn – den legendären, zuletzt zu den Kronjuwelen der Habsburger zählenden Roten Diamanten, der irgendwo auf dem weitläufigen Klosterareal versteckt sein soll und bisher alle Versuche, ihm zu nahe zu kommen, erfolgreich abgewehrt hat. Wurde er wirklich in die Krone der Schwarzen Madonna eingesetzt? Und wenn ja, in welche? Hürlimann veranstaltet ein wahres Vexierspiel rund um den kostbaren Edelstein, dem selbst durch die kollektive Einnahme von Meskalin nicht beizukommen ist. Alle sind hinter ihm her, jeder weiss irgendetwas über ihn – der Rote Diamant jedoch gibt sein Geheimnis nicht preis. Mehr noch, er steht für das Geheimnis, für das Rätselhafte, für das Mysterium des Lebens schlechthin. Was unweigerlich in philosophische Spekulationen hineinführt. Handelt es sich, wie es einmal heisst, um den «Lapis philosophorum, der Stein der Weisen»? Ist der Diamant ein Dingsymbol für das Ewige, ist er ein Spiegel des Ewigen? Ist die Jagd nach ihm nur ein raffiniertes Gedankenexperiment, bei dem es um die Zeit und ihre Aufhebung geht? Wie dem auch sei, er bleibt verschwunden. Fast. Mehr wird nicht verraten.
Hochspannung ist jedenfalls garantiert, und dass sie von einem begnadeten Sprachkünstler herbeigezaubert wird, macht die Romanlektüre zum ausserordentlichen Lesegenuss. Ein ästhetisches Vergnügen, allerdings auf hohem Niveau: Ein gewisses Interesse für Philosophie, ein wenig Belesenheit in der Weltliteratur und zumindest rudimentäre Lateinkenntnisse können gewiss nicht schaden. Bei den wenigen Fehlern, die das Lektorat hätte beseitigen können, sollte man sich nicht weiter aufhalten – natürlich stören sprachliche Anachronismen wie die modische, ein bisschen alberne Verwendung des Verbums «liefern», und selbstverständlich hat der Evergreen Marmor, Stein und Eisen bricht nichts mit dem Schlagersänger Roy Black zu tun. Aber das sind wirklich Peanuts, die dem grossen Romanentwurf von Thomas Hürlimann nichts Entscheidendes anhaben können. Mit Der Rote Diamant ist ihn ein aberwitzig-schräges, absolut empfehlenswertes, fast schon sensationelles Werk gelungen – ein Roman, den man nicht vergessen und immer wieder mit Freude lesen wird.